München – Mit dem Versprechen kostenloser Mahlzeiten bei McDonald’s lockte Ali David Sonboly (18) am Nachmittag des 22. Juli 2016 über ein gefälschtes Facebook-Profil Jugendliche zum Olympia-Einkaufszentrum in München. Punkt 17.51 Uhr eröffnete er mit einer Pistole der Marke Glock das Feuer. Kaltblütig tötete er neun Menschen im Alter von 14 bis 45 Jahren und verletzte 16 weitere. Anschließend richtete er sich selbst.

Am Mittwoch jährt sich das Attentat zum zehnten Mal. Zu den Opfern zählte Armela Segashi. Für ihre Eltern Smaij (67) und Nazmije Segashi (63) fühlt es sich an, als sei der Mord an ihrer Tochter erst gestern geschehen.

Tochter war mit Freundinnen unterwegs

Die 14-Jährige hielt sich an jenem Nachmittag in dem Fast-Food-Restaurant auf, um mit Freundinnen zu essen, als der Täter die Toilette verließ und unvermittelt mit einer Pistole auf die Gäste schoss.

„Sie war unser Ein und Alles“, sagt Smaij Segashi. Armela mit ihrem Bruder Arbnor auf einem Familienfoto

Smaij Segashi sagt zehn Jahre nach der Tat: „Mich hat das zerstört. Ich kann bis heute nicht schlafen. Der Schmerz wird nicht geringer, aber man kann ihn vielleicht besser ertragen. Ich habe bis heute nicht wirklich begriffen, was vor zehn Jahren passiert ist.“

Sonboly bereitete die Tat akribisch vor

Der Deutsch-Iraner Ali David Sonboly war ein Mobbingopfer und hatte die rassistische Tat über einen langen Zeitraum geplant. Aus Hassfantasien konstruierte er sich Feindbilder und suchte sich makabre Vorbilder: Dazu besuchte er eine Schule in Winnenden in Baden-Württemberg, wo ein Amokläufer 2009 15 Schüler und sich selbst getötet hatte.

Ein Handy-Video zeigt den Attentäter Ali David Sonboly (re.) vor dem Schnellrestaurant, während er auf fliehende Passanten zielt. Er tötete neun Menschen

Ein weiteres Vorbild war der rechtsextreme Massenmörder Anders Breivik, der 2011 bei Anschlägen in Norwegen 77 Menschen tötete. Sonboly beschaffte sich im Darknet die gleiche Waffe, die Breivik verwendete, und schlug am Jahrestag von Breiviks Blutbad zu. Alle Opfer Sonbolys hatten einen Migrationshintergrund. Erst Jahre später wurde die Tat als rechtsterroristischer Anschlag eingestuft.

Vater kann seit Attentat nicht mehr arbeiten

Bis heute sprechen Armelas Vater und seine Familie abends vor dem Zubettgehen mit dem toten Mädchen. Smaij Segashi: „Jeden Abend reden wir mit unserer Tochter. Aber sie gibt uns keine Antwort. Ich möchte nur einmal noch ihre Stimme hören.“

Ein Anwohner filmte, wie Ali Sonboly auf dem Dach eines Parkhauses stand. Kurz darauf richtete er sich selbst

Das Mädchen wurde in ihrer Heimat im Kosovo in der Gemeinde Podujeva beigesetzt. Ihr Vater besucht das Grab drei- bis viermal im Jahr. Doch er sagt: „Sie in der Heimat zu bestatten, war ein Fehler. Ich hätte sie lieber hier. Sie fehlt uns, ist so weit weg.“ Dann stockt seine Stimme: „Armela war unser Ein und Alles. Ich wünsche mir jeden Tag, dass ich sie im Himmel wiedersehe. Ich kann es kaum erwarten.“

Gedenkfeier am Tatort

Am Mittwoch gedenkt die bayerische Landeshauptstadt am Tatort der Opfer. Am Mahnmal für die Getöteten wird unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (70, SPD) eine Rede halten. Um Punkt 17.51 Uhr wird in München eine Schweigeminute abgehalten. In der gesamten Stadt werden die Busse stillstehen.

Am OEZ wurde ein Gedenkort und Mahnmal mit Bildern der neun Opfer geschaffen

Segashis Familie wird an der Veranstaltung teilnehmen. „Es ist schwer für uns. Besonders am Jahrestag, aber auch an ihrem Geburtstag und an Feiertagen.“ Der Vater ist bis heute in therapeutischer Behandlung, seinen Beruf als Busfahrer konnte er nicht mehr ausüben.