Maria bezeichnet ihre Eltern heute als "Müllmenschen". Nicht als "Mama". Nicht als "Papa". "Müllmenschen". Das klingt hart. Fast lieblos. Gilt die Bindung zwischen Eltern und Kindern nicht als unumstößliches Naturgesetz? In Marias Fall war dieses Gesetz bereits außer Kraft gesetzt, als sie noch ein Säugling war. Ihre Eltern hatten eine andere große Leidenschaft, wie die heute 34-Jährige berichtet: Alkohol.

Die kleine Maria kämpfte vergeblich um jede Umarmung. Um ein "Ich hab dich lieb". Lange glaubte sie, wenn sie nur leiser, braver und ordentlicher wäre, würden ihre Eltern sie irgendwann mögen. Bis sie begreifen musste: Da ist einfach nichts zu holen. Mit neun Jahren wird Maria von einem Familienmitglied sexuell missbraucht, mit 13 bittet das Mädchen selbst das Jugendamt, in einem Kinderheim untergebracht zu werden. Aus dem Fenster ihres Einzelzimmers dort kann Maria in den Garten ihrer Mutter blicken. Während sie sich nach einem echten Zuhause sehnt, beobachtet sie ihre Mutter, wie sie mit Freundinnen feiert, trinkt und lacht. Das Leben des Kindes dreht sich um eine einzige Frage:

"Warum kannst du mich nicht lieben, Mama?"

Wie übersteht man das? Wie wird man erwachsen ohne Liebe? Kann man Zuneigung erlernen, wenn man sie selbst nie erfahren hat? The Pik traf Maria in ihrer Heimatstadt Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern). Vor dem Bahnhof sitzen einige Obdachlose. Auch Maria könnte hier sein. Betäubt, ohne Perspektive. Und lange war sie genau das: drogenabhängig und krank. Die Schule brach sie nach der sechsten Klasse ab. Der Abstieg schien vorprogrammiert.

Stattdessen kommt eine junge, gepflegte Frau mit energischen Schritten und einem breiten Lächeln um die Ecke. Und dann legt sie los und beginnt mit sympathischer Schnoddrigkeit zu erzählen: von ihren Selbstmordversuchen mit 12 und mit 21: "Ich hab mir die Pulsadern aufgeschnitten. War aber zu blöd, richtig zu treffen." Von den insgesamt drei Jahren, die sie in der Psychiatrie verbrachte: "Heute zahl ich gern Steuern. Junge, ich hab den Staat echt einiges gekostet." Und von einer Realität, über die kaum jemand spricht: Kinder, die sich selbst retten müssen, weil es sonst niemand tut.

Das sind die einzigen Fotos, die Maria aus ihrer Babyzeit besitzt. Sie hat nicht eines, auf dem ihre Eltern sie halten

Maria breitet eine Handvoll Fotos auf dem Tisch vor sich aus und sagt: "Ich habe genau zwei Bilder von mir als Baby. Wie ich da so liege. Aber kein einziges, auf dem meine Eltern mich im Arm halten oder sich über mich freuen." Sie weiß nicht, ob solche Aufnahmen bei den 18 Umzügen in 17 Jahren, die sie mit ihrer Mutter durchstehen musste, verloren gegangen sind. Oder ob es schlicht keine innigen Momente gab. Was Maria noch genau in Erinnerung hat: "Sie hat mich mit 21 bekommen. Ungeplant. Sie erzählte mir, dass sie eigentlich schon im Krankenhaus war, um mich abtreiben zu lassen, es sich dann aber anders überlegt hat." Wie sollen solche Worte anders ankommen als "Ich war nicht gewollt"?

Marias Vater kommt einmal ins Heim, aber nicht, um sie zu sehen ...

Der Vater verlässt die Familie, als Maria zwei Jahre alt ist. Er arbeitet oft im Ausland, zahlt Unterhalt. Viel mehr tut er laut Maria nicht. Ein einziges Mal kommt er ins Kinderheim, in dem sie über ein Jahr lebt. Aber er geht nicht hinauf in ihr Zimmer im zweiten Stock, wo Maria wartet. Er bleibt unten im Büro des Leiters, um sich über den Kostenbeitrag zu beschweren, den er leisten muss. Und geht wieder. Hinauf kommt ihre Stiefmutter, die sich weinend für das Verhalten des Vaters entschuldigt. Ein paar Jahre später stürzt sich die neue Partnerin des Vaters von einer Autobahnbrücke. Maria mochte sie: "Sie kam aus Südamerika, sprach kaum Deutsch, aber sie war lieb zu mir." Zum Termin trägt Maria eine Kette und Ohrringe der Stiefmutter. "Mehr ist mir nicht geblieben von ihr."

"Ich habe alles gehasst. Mich, die Welt, meine Erzeuger. Das sieht man richtig gut auf dem Foto", sagt Maria.

Maria kann ihren Vater besuchen, an Geburtstagen sehen sie sich. Aber sie bekommt, wie sie sagt, keine Wärme von ihm. "Es dreht sich immer nur um ihn." Vor vier Jahren bricht Maria ganz mit ihrem "Erzeuger", als er sie volltrunken am Abend ihres 30. Geburtstages fragt, ob sie nicht bei ihm putzen könne, jetzt, wo die Stiefmutter tot sei. Er habe schließlich immer für Maria bezahlt, sie könne auch mal etwas zurückgeben. "Mein Vater war nie mit mir im Kino, ich saß nie auf seinen Schultern, er spielte nie mit mir. Stattdessen nahm er mich mit zum Fußball. Ich habe so getan, als würde ich mich auch dafür interessieren. Nur, damit ich ihm gefalle."

Selbstmordgedanken? Hier bekommen Sie Hilfe!

Wenn Sie Suizidgedanken haben oder glauben, sie bei anderen festzustellen: Holen Sie sich Hilfe! Zum Beispiel, anonym und kostenlos (zu jeder Uhrzeit) bei der Telefonseelsorge: 0800/111 01 11 oder 0800/111 02 22. Infos finden Sie dort auch online.

Als Maria neun Jahre alt ist, wird sie von einem Familienmitglied sexuell missbraucht. "Meine Mutter ist mit mir zu einem Anwalt gegangen. Der Täter hat gesagt, da sei nichts gewesen. Mein Vater hat mir nicht geglaubt", sagt Maria heute. Erst Monate nach dem Vorfall erhält der Mann ein gerichtliches Verbot, in die Wohnung der Mutter zu kommen. In der Zwischenzeit muss die kleine Maria mit ihm bei einer Hochzeit an einem Tisch sitzen, während ihre betrunkene Mutter allen anderen Gästen erzählt, was angeblich passiert sein soll. Sein Foto bleibt an den Wänden der Verwandtschaft hängen. Zwei Jahre nach der Tat versucht Maria, sich umzubringen. Mit zwölf. Sie kommt in Therapie und sagt heute dazu einen Satz, der auf vielen Ebenen schmerzt: "Ohne den Missbrauch wäre ich tot. Denn dann wäre ich nicht zur Therapie gekommen und erst mal weg aus dieser Familie."

"Auf dem Bild links war ich richtig stoned", sagt Maria, die ihren Schmerz lange mit Drogen betäubte. Rechts ein Foto der 14-jährigen Maria während eines Ausflugs mit dem Kinderheim nach Neukloster bei Wismar

Nach Wochen in der "Klapse", wie Maria die Psychiatrie nennt, muss sie zurück zu ihrer Mutter. Wieder einmal in eine neue Wohnung. Kaum hat Maria irgendwo Freundschaften geschlossen, ist alles wieder vorbei. Umzug, neuer Freund der Mutter. Neue Regeln. Konstant bleibt nur eines: die Hoffnung, dass diesmal alles anders wird. Dass Mama glücklich wird und dass sie dann vielleicht endlich für ihre Tochter da sein kann. "Sie war einfach die ganze Zeit mit ihrem eigenen Schmerz beschäftigt. Heute habe ich Mitgefühl für sie." Aber Mitgefühl macht eine Kindheit nicht heil.

Wenn ihre Mutter verlassen wurde, sollte die Tochter Briefe an den jeweiligen Ex-Freund schreiben, er möge wiederkommen, so erzählt es Maria. "Meine Mutter lag währenddessen heulend zwischen Rotweinflaschen auf dem Boden und zog sich stundenlang Eros Ramazzotti rein. Wenn ich den heute höre, muss ich kotzen", sagt Maria. Die Mutter weint, das Kind tröstet. Die Mutter sagt, sie wolle sterben, die Tochter hört zu.

Maria erinnert sich an alte Videoaufnahmen. Sie sitzt als kleines Mädchen im Bett, redet aufgeregt mit ihrer Mutter, lacht in die Kamera. Doch die Kamera folgt nicht ihr. Sie wandert stattdessen durch den Raum. Als Maria sich das Band Jahre später anschaut, sagt sie zu ihrer Mutter: "Du hast die ganze Zeit keine Notiz von mir genommen." Die Mutter antwortet, so erinnert es Maria: "Ach, das habe ich bestimmt gar nicht mit Absicht gemacht." Vielleicht stimmt das sogar. Aber für ein Kind macht es keinen Unterschied. Weil Kinder Liebe nicht in Absichten berechnen. Sie berechnen sie in einem Kopfstreicheln am Morgen, bevor es in die Schule geht, in vorgelesenen Büchern, in gekochtem Lieblingsessen. In überhaupt irgendeinem Essen.

"Erst im Heim habe ich regelmäßig warmes Essen bekommen", sagt Maria heute. Dienstags und donnerstags darf sie ihre Mutter besuchen. An allen anderen Tagen sitzt sie am Fenster, schaut hinüber in Mamas Garten und fragt voller Sehnsucht:

"Warum bin ich es nicht wert, dass du mich liebst? Warum ist dir der Alkohol wichtiger als ich?"

Maria hat unzählige Narben an den Armen und am Handgelenk. Sie verletzte sich selbst und versuchte einmal, sich die Pulsadern aufzuschneiden

Medizinische Unterlagen aus der Zeit, als Maria ein Teenager war, dokumentieren ein Mädchen mit gebrochener Seele, Waschzwängen, einer Cannabis-Sucht und einer Beziehungsstörung. Maria stiehlt Opiate beim Arzt, wird tablettensüchtig. Mit 21 folgt der zweite Suizidversuch. Wieder Monate der Therapie. Irgendwann bekommt Maria die Aufgabe, ein Bild für die kleine Maria zu malen. Sie pinselt die große Maria mit der kleinen Maria am Meer. "Ich hab mich gemalt, wie ich sie aus der ganzen Scheiße raushole und sie in die Sonne führe", erzählt Maria. "Verstehst du? Ich bin das! Kein anderer. Ich kann mich da rausholen!"

Maria lief weg, bevor jemand sie verlassen konnte

Maria sagt, das sei eine ganz zentrale Erkenntnis gewesen: dass sie aufhören müsse zu glauben, da käme einer, der sie rettet. Wenn sie als junge Frau Beziehungen führte, zerstörte sie diese oft selbst. "Ich war untreu, ich provozierte Streit und ich lief weg, bevor jemand mich verlassen konnte. Ich hatte so viel Wut. Aber dann verstand ich, dass ich nicht nach Liebe suchen kann, wo keine ist, und dass ich sie nie spüren werde, wenn ich mich selbst nicht liebe."


Ein Bild, das Maria in der Therapie malte. Die große Maria ist es, die die kleine Maria rettet. Eine Erkenntnis, die ihr am Ende geholfen hat, ein normales Leben aufzubauen

Weil die Therapien ihr so geholfen haben, will Maria etwas zurückgeben. Sie holt mit Mitte 20 ihren Schulabschluss nach und macht eine Ausbildung zur Genesungsbegleiterin. In ihrer Arbeit unterstützt sie Menschen mit psychischen Erkrankungen. Das gelingt ihr nicht trotz ihrer Geschichte. Sondern wegen ihr. Sie weiß, wie sich Hoffnungslosigkeit anhört. Sie kennt den Geruch einer geschlossenen Station und den Gedanken, morgens nicht mehr aufstehen zu wollen. Und sie kennt den Weg zurück. Deshalb glauben ihr die Menschen. Nicht, weil sie studiert hat. Sondern weil Maria dort gewesen ist.

2024 wurden in Deutschland laut Statistischem Bundesamt rund 69.500 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen. Davon erfolgten 13 Prozent aufgrund einer Selbstmeldung – also weil das Kind oder der Jugendliche selbst das Jugendamt um Schutz bat. Das entspricht etwa 9000 Kindern und Jugendlichen. Also bitten in Deutschland pro Tag etwa 25 Kinder selbst darum, in ein Heim zu kommen – wie Maria.

"Ich hätte nie gedacht, dass ich mal verheiratet bin"

Mit Ende 20 begegnet sie René. Es ist keine kitschige Liebesgeschichte. Es ist eher so, als würden sich zwei Menschen finden, die beide wissen, wie Verlust aussieht. Kurz nachdem sie zusammenkommen, stirbt Renés Vater völlig unerwartet. Das Erlebte schweißt die beiden zusammen. Und dann erfährt Maria mit René zum ersten Mal etwas, das sie aus ihrer Kindheit nicht kennt: Ruhe. René muss sie nicht retten. Er versucht es auch gar nicht. Er bleibt einfach. Er bleibt, wenn sie Angst hat. Er bleibt, wenn Erinnerungen zurückkommen. Er bleibt, wenn sie monatelang keinen Sex zulassen kann, weil ihre Vergangenheit noch immer manchmal lauter ist als die Gegenwart.

Typisch Maria! Heute ist sie glücklich, macht Späße, schert sich nicht um Konventionen – etwa, wie ein romantisches Hochzeitsfoto auszusehen hat. Vor vier Jahren heiratete sie nach einem Jahr Beziehung ihren Mann René (33)

"Ich hätte nie gedacht, dass ich mal verheiratet bin", sagt Maria. Das klingt fast überrascht. So als könne sie ihr eigenes Glück manchmal noch nicht ganz fassen. Liebe trägt Maria heute auch als Tattoo am Hals: das Wort "Love", eingewoben in ein Unendlichkeitszeichen. Dort, wo jeder es sehen kann. Nicht als eine Art Etikett. Es ist eher eine Erinnerung an sich selbst. Oder ein Versprechen: Dass Liebe nicht mehr etwas ist, worum man ständig kämpfen muss. Sondern etwas, das bleiben darf.