München (Bayern) – „Postvirale nasale Hypersensibilität“ (PVNH) – die Nase bleibt selbst nach überstandener Infektion dauerhaft gereizt und schwillt bereits bei geringfügigen Reizen an. Was sich wie eine unangenehme Diagnose beim HNO-Arzt anhört, existiert in Wirklichkeit gar nicht. Dahinter verbirgt sich ein Scherz des YouTubers Marvin Wildhage (30). Er erfand diese fiktive Erkrankung, um zu testen, ob Arzt-Influencer gegen Bezahlung für die Werbekampagne einer fiktiven Pharmafirma werben würden. In diese Falle tappte Alina Walbrun (27), auch bekannt als „Doc Alina“.

Die 27-Jährige, die auf Instagram rund 300.000 Follower zählt und an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München Humanmedizin studierte, gehört zu den bekanntesten Medizin-Influencern („Medfluencern“) in Deutschland. Nach ihrem dritten Staatsexamen im Mai sprach sie auf ihrem Social-Media-Kanal ausführlich und eindringlich über die erfundene Krankheit – gegen eine Gage von mehreren tausend Euro.

Dass sich im Internet keine Informationen zu der angeblichen Krankheit finden ließen, machte Alina offenbar nicht misstrauisch. Ebenso wenig der Name der frei erfundenen Ärztin „Dr. Beatrice Gepetto“ (angelehnt an den Filmvater der Lügenpuppe Pinocchio), die das Projekt angeblich leitete. Auch ein Briefing von Marvins eigens für das Projekt gegründetem Scheinunternehmen ließ sie nicht stutzig werden. Darin hieß es, die Kampagne solle gezielt ängstliche Menschen erreichen – also weiter Angst schüren, um die Produkte der Scheinfirma zu verkaufen.

Fiese Pharma-Finte für mehr Umsatz

Laut Rechtsanwalt Christian Solmecke (52), Experte für Internet- und Medienrecht, bezahlen Pharmaunternehmen Influencer dafür, dass sie ihren Followern von Krankheiten berichten. Dies soll den Absatz von Medikamenten steigern. Der Hintergrund: Direkte Werbung ist den Konzernen aufgrund des Heilmittelwerbegesetzes untersagt.

Dennoch veröffentlichte „Doc Alina“ mehrere Instagram-Storys über die „Erkrankung“. Darin behauptete sie sogar, gerade vom Arzt zu kommen und die Krankheit bereits aus dem Studium zu kennen – was schlichtweg nicht der Wahrheit entspricht.

Auf Instagram sprach Alina Walbrun ausführlich über die ausgedachte Erkrankung, behauptete sogar, schon einmal davon gehört zu haben

Das sagen Alina Walbrun und ihre Universität

Nach Marvins Video, in dem er seinen Scherz und Alinas gedankenlose Werbung enthüllt, reagieren tausende Nutzer fassungslos. Die Ludwig-Maximilians-Universität distanziert sich inzwischen öffentlich von Alina: „Alina Walbrun ist nicht mehr am LMU-Klinikum tätig. Wir distanzieren uns von unwissenschaftlichen Aussagen, die den Grundsätzen einer evidenzbasierten Medizin widersprechen.“ Die Universität erklärt weiter: „Alina Walbrun wurde bereits in ihrer Zeit als Studentin bzw. Doktorandin am LMU Klinikum darauf hingewiesen, keine Bild- und Videoaufnahmen aus dem LMU Klinikum auf ihren privaten Social-Media-Kanälen zu verwenden.“

Alina selbst räumt auf Nachfrage Fehler ein: „Den konkreten Krankheitsbegriff habe ich nicht ausreichend überprüft und später so darüber gesprochen, als sei er mir aus dem Studium bekannt gewesen. Das war falsch und irreführend. Gerade aufgrund meiner medizinischen Ausbildung hätte mir das nicht passieren dürfen.“ Dafür gebe es „keine gute Rechtfertigung“.

Alina Walbrun nach dem Abschluss ihres Medizinstudiums im Mai 2026. Aktuell studiert sie in Amerika Psychologie an der Harvard Extension School

Sie habe sich auf „das professionell wirkende Auftreten der vermeintlichen Firma und die medizinisch plausiblen Symptome“ verlassen. Ihre Tätigkeit am LMU Klinikum sei mit dem Abschluss ihrer medizinischen Ausbildung regulär beendet worden. „Mein Ausscheiden hatte weder disziplinarische Gründe noch stand es im Zusammenhang mit dem aktuellen Fall.“ Die mit Marvin vereinbarte Gage von 3800 Euro will sie an die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ spenden und fordert den YouTube-Star öffentlich auf, dasselbe zu tun.

Eklatanter Verstoß gegen die ärztliche Berufsordnung

Christian Solmecke hebt im Gespräch das große Vertrauen hervor, das Alina durch ihr abgeschlossenes Medizinstudium in der öffentlichen Wahrnehmung bei Gesundheitsfragen genießt: „Wer diese besondere Glaubwürdigkeit für irreführende Werbezwecke missbraucht, verstößt eklatant gegen die ärztliche Berufsordnung.“

Rechtsanwalt Christian Solmecke hat auf YouTube mehr als eine Million Abonnenten. Er ordnet in seinen Videos unter anderem die aktuellsten Skandale der Influencer-Szene ein

Solmecke führt aus: „Das theoretische Spektrum der Konsequenzen reicht hier von formellen Rügen und Geldbußen durch die Ärztekammer bis hin zum äußersten Mittel: dem Entzug der Approbation durch die Behörden wegen Unwürdigkeit oder Unzuverlässigkeit. Hinzu kommen wettbewerbsrechtliche Abmahnungen und Unterlassungsklagen.“