Rom – Hilfsorganisationen im Mittelmeer bewegen sich oft in einer rechtlichen Grauzone. Diesmal jedoch könnten sie diese überschritten haben. Laut Erkenntnissen der europäischen Grenzschutzbehörde deuten Videoaufnahmen auf eine mögliche Kooperation des Berliner Seenotrettungsvereins Sea-Watch mit einer Schleuserbande hin. Die italienische Justiz ermittelt mit Hochdruck.

Am 11. Mai dokumentierte ein Aufklärungsflugzeug der Grenzschutzbehörde Frontex (Eagle 1) eine Rettungsaktion im Mittelmeer. Fachleute bewerten das Material als „außergewöhnlich bedeutendes Beweisstück“. Den vorliegenden Informationen zufolge wurden rund 90 Migranten, überwiegend aus Bangladesch, von fünf Schleusern an die Crew von Sea-Watch übergeben. Die Schleuser sollen bewaffnet gewesen sein und Tarnkleidung sowie Sturmhauben getragen haben.

Die Videoaufnahmen zeigen ein Schnellboot mit laufenden Motoren, das auf See wartet. Zwei Schlauchboote von Sea-Watch mit festem Rumpf nähern sich dem Boot. Anschließend steigen die Migranten geordnet vom Schnellboot auf die Schlauchboote um. Nach den vorliegenden Informationen hatte die Sea-Watch 55 Seemeilen nördlich von Tripolis (Libyen) auf das Schleuserboot gewartet.

Ermittlungen gegen Sea-Watch-Kapitän eingeleitet

Nach Abschluss der Übergabe winkten die Schleuser und zeigten den Daumen nach oben – ein Zeichen für den erfolgreichen Abschluss des Boardings. Ein Sprecher der europäischen Grenzschutzbehörde Frontex erklärte: „Ich kann bestätigen, dass ein Frontex-Flugzeug am 11. Mai in dem Gebiet im Einsatz war, was mit unseren bisherigen öffentlichen Aussagen übereinstimmt.“

Vier Tage später lief das Seenotrettungsschiff Sea-Watch 5 mit 166 Migranten an Bord den Hafen von Brindisi in Süditalien an. Nach der Analyse der Frontex-Aufnahmen leitete die dortige Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren ein. Der Vorwurf: Verdacht auf Beihilfe zur illegalen Einwanderung („favoreggiamento dell'immigrazione clandestina“).

Beihilfe zur illegalen Einreise in besonders schweren Fällen kann in Italien mit bis zu 20 Jahren Haft bestraft werden. Laut italienischen Medienberichten richtet sich der Verdacht gegen den niederländischen Kapitän der Sea-Watch, Anne van Dam. Dieser schilderte später: „Nach der Ausschiffung kamen etwa 20 Personen an Bord: Küstenwache, Polizei und andere Behörden. Sie verlangten Logbücher und Zertifikate. Sie erschienen mit Durchsuchungsbefehlen, beschlagnahmten mehrere Logbücher und sicherten Daten an Bord. Ich durfte die Brücke stundenlang nicht verlassen.“

Sea-Watch spricht von „Seenotrettungsfall“

Nach Informationen zahlen Migrationswillige aus Pakistan oder Bangladesch bis zu 15.000 Euro Schleusergeld für die Route von Dhaka nach Dortmund. Allein die Überfahrt über das Mittelmeer kostet demnach 5000 Euro pro Person. Den vorliegenden Informationen zufolge verdienen die Gruppen der Organisierten Kriminalität (OK) mit einer einzigen Tour vor der afrikanischen Küste damit knapp 500.000 Euro.

Eine Sprecherin des Vereins erklärte: „Die veröffentlichten Aufnahmen zeigen lediglich einen selektiven Ausschnitt.“ Sie fügte hinzu: „Das Rettungsteam fand ein doppelstöckiges Boot mit 90 Personen an Bord vor. Zwei Personen waren bewusstlos, mehrere stark geschwächt.“ Der Verein behauptet: „Es besteht weder ein Verhältnis noch irgendeine Form der Kommunikation oder Verabredung. Unser Rettungsteam war außerdem mit vermummten Männern konfrontiert.“

Sea-Watch hat seit 2015 nach eigenen Angaben 50.000 Flüchtlinge nach Europa gebracht.