Während manche ihr Ich als unveränderlich betrachten, fühlen sich andere kaum wiederzuerkennen. Wie stark prägt uns das Leben über die Jahre? Wissenschaftliche Erkenntnisse belegen: Die Persönlichkeit ist kein starres Gebilde. Sie wandelt sich nicht nur in jungen Jahren, sondern kontinuierlich bis ins Erwachsenenalter hinein. Aktuelle Studien deuten sogar auf merkliche Veränderungen bis in die sechziger Lebensjahre hin.

„Die Annahme, unsere Persönlichkeit sei irgendwann abgeschlossen, trifft nicht zu. Sie entwickelt sich lebenslang – nur in einem langsameren Tempo, als wir im Alltag spüren“, erklärt Psychiatrieprofessor Chong Siow Ann gegenüber „The Strait Times“. Damit entfalle die bequeme Rechtfertigung: Das ist eben meine Art.

Der Einfluss des Alters auf den Charakter

Im Alter nimmt die Offenheit für Neues tendenziell ab. Das Gehirn altert, Denkabläufe werden träger, im Extremfall verändern kognitive Erkrankungen wie Demenz das Wesen. Die Persönlichkeit steht nicht außerhalb biologischer Prozesse.

Menschen konzentrieren ihre Energie im Laufe der Zeit stärker auf das, was ihnen wesentlich erscheint – ein biologischer Prozess, der häufig mit bewussten Wahlentscheidungen verbunden ist. Sie investieren mehr in tiefe Bindungen als in oberflächliche Kontakte, Aktivitäten müssen einen Sinn ergeben. Das könnte erklären, warum das Party-Wochenende irgendwann an Reiz verliert.

Doch Chong relativiert: „Eine gesunde Lebensführung und soziale Unterstützung beeinflussen Persönlichkeitsveränderungen stärker als das biologische Altern allein.“ Seine Analyse stützt sich auf Erkenntnisse der Persönlichkeitspsychologie, die in den letzten Jahren ein deutliches Bild gezeichnet hat: Der Charakter ist beständiger, als viele erhoffen – aber formbarer, als die meisten annehmen.

Fünf Ansätze für eine bewusste Veränderung

  1. 1. Neues Verhalten einüben: Nicht nur planen, sondern handeln. Eigenschaften wie Geduld, Ordnungssinn oder Offenheit entstehen durch regelmäßige Praxis.

  2. 2. In kleinen Schritten beginnen: Keine radikale Verwandlung. Konsequente, kleine Veränderungen wirken nachhaltiger als große Vorsätze.

  3. 3. Das Umfeld gestalten: Menschen beeinflussen uns. Wer sich mit positiv eingestellten Personen umgibt, entwickelt oft selbst eine optimistischere Haltung.

  4. 4. Verantwortung übernehmen: Neue Herausforderungen fördern bisher ungenutzte Fähigkeiten – und stärken sie.

  5. 5. Selbstreflexion pflegen: Wer sich seiner Vergangenheit bewusst ist und eine Vorstellung von der Zukunft hat, kann sich gezielter entwickeln.

Die Möglichkeit zur bewussten Wandlung

Wer negative Charakterzüge auf „schwierige Erlebnisse“ zurückführt, nutzt eine bequeme Ausflucht. Denn selbst tiefgreifende Lebensereignisse verändern die Persönlichkeit laut einer Auswertung von mehr als 196.000 Personen nur in geringem Maße.

Nicht jede Schroffheit, Nörgelei oder Trägheit ist das Resultat äußerer Umstände. Man kann sich aktiv dafür entscheiden, ein zuvorkommender Mensch zu werden. Entscheidend sei laut Chong das Konzept der Selbstkontinuität: das empfundene Band zwischen dem früheren, dem gegenwärtigen und dem erwarteten Ich. Wer dieses innere Gefühl bewahrt und damit im Reinen ist, bleibt auch charakterlich anpassungsfähiger. Chong: „Ein stabiles Gefühl von Selbstkontinuität, also die innere Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ist zentral für Wohlbefinden und psychische Belastbarkeit.“ Die Persönlichkeit ist kein einfacher Schalter, aber auch kein unentrinnbares Gefängnis. Wer sich ernsthaft verändern möchte, besitzt diese Fähigkeit.

Prof. Chong Siow Ann ist Leitender Psychiater am Institut für mentale Gesundheit in Singapur und als Vorstandsmitglied gesamtverantwortlich für den Forschungsbereich. Außerdem doziert er an der „National University of Singapore“. Seine Schwerpunkte: Psychosen, Schizophrenie und psychiatrische Versorgungsforschung.