Hamburg – Gerhard Delling (67) unterhielt den kleinen Theo gerne mit Geschichten – etwa jener von der Möwe, die dem Jungen am Strand auf den Kopf macht und ihm fortan nur noch Glück bescheren soll. Der ehemalige ARD-Sportmoderator behauptet, dass Theo bald morgens kaum noch ohne eine neue Erzählung aufstehen wollte. Delling ist der Lebensgefährte von Theos Mutter, der Steakhaus-Erbin Christina Block (53), und stand den Kindern lange Zeit nahe. Von dieser Vertrautheit ist heute nichts mehr übrig. Das belegen zwei kinderpsychiatrische Gutachten, die auch ein neues Licht auf Dellings Rolle in der zerrütteten Familie Block werfen: Die Dokumente sind entscheidend für ein mögliches Strafmaß.

Die Gutachten wurden für den Entführungsprozess erstellt, der Deutschland seit über einem Jahr beschäftigt. Sie liegen The Pik vor. 386 Seiten, die tief in das Innere dieses Falls blicken lassen. Denn der Mann, der einst die Möwen-Geschichten erzählte, sitzt heute selbst auf der Anklagebank.

Der Vorwurf: Block, Tochter des „Block House“-Gründers Eugen Block (85), soll im erbitterten Sorgerechtsstreit mit ihrem Ex-Mann eine israelische Sicherheitsfirma beauftragt haben, ihre beiden jüngsten Kinder Theo (damals 10) und Klara (damals 13) in der Silvesternacht 2023/24 gewaltsam vom Wohnort des Vaters in Dänemark nach Deutschland zu entführen. Delling ist wegen Beihilfe angeklagt – er soll die Reise zum Übergabeort organisiert haben. Beide weisen die Vorwürfe zurück.

Die gerichtlich bestellte Gutachterin Dr. med. Gisela Irmtrud Mareike Schüler-Springorum im Zeugenstand des Mammut-Prozesses
Quelle: dpa

Gutachterin: Kinder erlitten „massive Traumatisierung“

Vier Tage lang trug die Sachverständige Dr. med. Gisela Irmtrud Mareike Schüler-Springorum, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Gutachten vor Gericht vor – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Öffentlich bekannt war bislang nur eine knappe Zusammenfassung, die die Gerichtspressestelle anschließend veröffentlichte: Sie gelangte zu dem Schluss, dass die Kinder einer „massiven Traumatisierung“ ausgesetzt waren – ausgelöst durch die eigene Entführung, das Miterleben der Entführung des Geschwisterkindes und die Angst um den niedergeschlagenen Vater. Die 386 Seiten blieben jedoch verschlossen. Bis jetzt.

In Chatnachrichten aus dem Gerichtsgutachten wird deutlich, wie sich Gerhard Delling für seine Partnerin Christina Block starkmachte und deren Tochter Johanna (heute 19) schrieb
Quelle: dpa

Delling schildert ein liebevolles Verhältnis

Delling, so geht aus den Gutachten hervor, war nach eigener Darstellung zeitweise eine wichtige Bezugsperson und seit etwa 2021 regelmäßig im Haushalt. Er gibt an, Theo zum Fußball begleitet zu haben. Wie sehr er sich als Teil dieser Familie verstand, zeigt eine Nachricht an Johanna (19), die Älteste der Geschwister, die seit 2021 auf eigenen Wunsch bei ihrem Vater in Dänemark lebt. Die Nachricht wirkt fürsorglich – und zugleich drängend. Delling erinnert an gemeinsame Spieleabende, ans Baden in Nord- und Ostsee, an Filme und Fotoalben. Dann wird der Ton eindringlich: „Was willst du deiner Mama vorwerfen, die mehr als 15 Jahre jeden Tag für dich gesorgt hat?“ Und weiter: „Liebe ist Verantwortung! Und Gott sieht alles … Wir alle vermissen dich.“

Christina Block mit Töchtern Johanna, Greta, Klara und Sohn Theo auf dem Arm
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Delling sagt: Ich war kein Zeuge körperlicher Gewalt

Was Delling einst mit Klara und Theo verband, ist heute zerbrochen. Beide Kinder haben sich laut Gutachten von ihm abgewandt. Klara, heute 15, verübelt ihm, dass er sich ihr gegenüber als eine Art neuer Vater präsentiert und angeblich an einem Buch über die Familie gearbeitet habe. Schwerer wiegt ein anderer Vorwurf: Delling habe Situationen mitbekommen, in denen ihre Mutter sie oder ihren Bruder geschlagen haben soll. Nach Wahrnehmung des Mädchens habe er jedoch nicht eingegriffen und das Erlebte auch nicht thematisiert. Eine Anfrage dazu ließ Delling bislang unbeantwortet. Gegenüber der Gutachterin weist er den Vorwurf zurück. Im Gespräch mit der Sachverständigen erklärte er, niemals Zeuge körperlicher Gewalt geworden zu sein.

Nicht nur Klara, auch Theo äußerte sich laut Gutachten drastisch gegen Delling. Die Sachverständige wertet diesen Umschwung nicht als bloße Laune von Kindern. Sie ordnet ihn in den hoch eskalierten Loyalitätskonflikt der Familie ein: Wer sich in einem solchen Streit gegen die eine Seite stellt, wendet sich oft auch gegen alle, die zu ihr gehören. Und Delling gehört zur Seite von Christina Block.

Gerhard Delling steht seit spätestens 2021 fest an der Seite von Steakhaus-Erbin Christina Block
Quelle: dpa

Die Vorgeschichte

Zunächst zog Johanna zum Vater, im Sommer 2021 dann behielt er Klara und Theo nach einem Besuch bei sich in Dänemark. Das Hanseatische Oberlandesgericht sprach Block daraufhin im Oktober 2021 das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht zu und verpflichtete den Vater, die Kinder herauszugeben. Hensel tat es nicht – die Kinder wollten es nach seiner Darstellung nicht, und dänische Gerichte waren an den deutschen Beschluss nicht gebunden. Aus dem Sorgerechtsstreit wurde ein jahrelanger Konflikt. In der Silvesternacht 2023/24 dann die Entführung – gewaltsam, in einem Wohnmobil über 800 Kilometer quer durch die Republik. Nach der Tat blieben Theo und Klara nur wenige Tage bei der Mutter. Ein Gericht ordnete per Eilentscheidung die Rückkehr zum Vater an.

Die Großeltern der Block-Kinder, Eugen und Christa, mit ihren vier Enkelkindern
Quelle: Privat

Bis heute lassen Geschehnisse die Kinder nicht los

Seit 13 Monaten läuft der Prozess, 66 Verhandlungstage bislang, am Dienstag (18. August) wird weiterverhandelt. Irgendwann wird ein Urteil fallen. Für Theo und Klara aber ist mit dem Urteil nichts vorbei, sie sind bis heute schwerst traumatisiert. Denn der Mann, der dem kleinen Theo einst von der Möwe erzählte, die nur Glück bringt, soll mitgeholfen haben, ihn und seine Schwester zu entführen – in jener Nacht, die die Geschwister bis heute nicht loslässt.