„Es ist etwas Schlimmes passiert.“ Als seine Großmutter diese fünf Worte vom Balkon rief, war Joachim Llambi 19 Jahre alt. Gerade kehrte er von einem wichtigen Tanzturnier aus Gießen in seine Heimatstadt Duisburg zurück. „Es war nicht abzusehen, dass mein Vater an diesem Tag sterben würde“, erzählt er. „Dass meine Großmutter auf dem Balkon stand und auf mich wartete, war schon seltsam. Das tat sie sonst nie.“ Dann fiel dieser eine Satz der alten Dame. „Da wusste ich sofort, worum es geht. Sie sagte nur: Junge, fahr mal ins Krankenhaus.“
Joachim kam „leider eine halbe Stunde zu spät“. Sein Vater war bereits tot. Dennoch machte er sich keine Vorwürfe. „Mein Vater sah sehr entspannt auf dem Totenbett aus. Er hatte eine gesunde Gesichtsfarbe. Auch seine Gesichtszüge wirkten friedlich“, erinnert er sich. „Das war für meine Mutter und mich, wir saßen an seinem Bett, noch ein schönes Abschiednehmen.“

Joachim Llambi: Sein Vater hatte einen Gehirntumor
Acht Jahre zuvor hatte alles begonnen. Damals war Joachim Llambi elf Jahre alt. 1975, im Herbst, erhielt sein Vater die Diagnose, die alles veränderte: Gehirntumor. „Das war schon eine schwere Zeit. Mein Vater musste sofort operiert werden. Wir sind damals alle davon ausgegangen, dass er während der Operation stirbt. Die Wahrscheinlichkeit, dass er es nicht überstehen würde, lag bei 90 Prozent.“ In der Düsseldorfer Uniklinik habe der Professor kurz vor dem Eingriff zu Joachims Mutter gesagt: „Ich kann für nichts garantieren, ob Ihr Mann noch einmal aufwacht.“

Sein Vater, der Spanier Narciso Llambi (Jahrgang 1935), wachte auf. Und blieb noch acht Jahre am Leben. „Mein Vater kam von der Costa Brava in der Nähe von Barcelona. Von Beruf war er Maschinenschlosser. Ein ruhiger Mann. Ein Familienmensch. In Duisburg lebte er als Gastarbeiter, im Herzen blieb er Katalane.“ Der „Let’s dance“-Juror lächelt. „Mein Großvater war ein sehr stolzer Katalane. Im Haus meiner spanischen Großeltern wurde nur Katalanisch gesprochen. Identität war in meiner Familie kein Nebensatz, sie war Haltung.“
„Let’s Dance“-Juror wuchs in zwei Welten auf
Für den kleinen Joachim bedeutete das: aufwachsen in zwei Welten. „Der Ruhrpott war sehr rau. Kam man morgens aus der Tür, roch man auch mal eine schwerere Luft. Industrie, Arbeiterstadt, Bolzplatz.“ Und dann Spanien. „Da war es immer hell, da waren immer schönes Licht und frische Luft.“ Seine Großeltern führten ein kleines Hotel in der charmanten Küstenstadt Blanes an der Costa Brava. „Vier der sechs Sommerferienwochen verbrachte ich dort.“ Für ihn fühlte es sich an wie Heimkommen.

Als sein Vater krank wurde, veränderte sich auch dieses familiäre Gleichgewicht. „Der Tumor war so groß wie eine Orange“, sagt er. „Entfernt werden konnten nur 60 Prozent. Es war von Anfang an klar, dass mein Vater nie gesund werden würde.“ Nach der Operation war nichts mehr wie vorher. „Er war geistig voll da, er hat normal gesprochen, er hat auch Spanisch gesprochen oder Katalanisch. Alles aus der Vergangenheit war ihm präsent. Allerdings war sein Kurzzeitgedächtnis nicht mehr da und er war immer schnell müde.“
Und: „Durch die Operation am Kopf ist mein Vater zu 98 Prozent erblindet. Er konnte nicht mehr lesen, nicht fernsehen. Zwei, drei Stunden am Tag war er wach. Ansonsten hat er mehr oder weniger geschlafen.“ Und dennoch sagt Llambi heute: „Auch wenn er natürlich nicht mehr der war, den ich vorher kannte. Aber es bleibt ja immer der Vater.“
Jetzt war er da und doch nicht mehr ganz. „Ein Kind will dem Vater seinen Alltag zeigen. Mit ihm Fußball schauen, Zeitung lesen, diskutieren. Das funktionierte alles nicht mehr. Wenn ich ihm von einer guten Schulnote erzählte, hat er sich riesig gefreut. Kurze Zeit später war alles vergessen.“ Abends lief beim WDR eine spanische Sendung. „Die hörte er auch immer. Sport. Nachrichten. Für diesen Moment war er Teil der Welt. Danach war er wieder weg.“
Die Mutter pflegte den Vater zu Hause
Vor allem für seine Mutter Ingrid Stempel (Jahrgang 1940) sei es „eine sehr, sehr harte Zeit“ gewesen. „Sie war 35, als Vater krank wurde. Nach wenigen Jahren sah sie aus wie 65. Der Hauptversorger der Familie war weggefallen. Sie arbeitete als Buchhalterin. Und sie pflegte meinen Vater zu Hause. Tag für Tag.“

Und trotzdem schaffte sie etwas, das Llambi bis heute tief berührt. „Meine Mutter hat immer versucht, mir alle Möglichkeiten zu geben, Kind zu sein. Jugendlicher zu sein.“ Er war „ein lebhaftes Kind“. Sport war seine Rettung. Hockey, Wasserball. Mit seinem Fahrrad radelte er quer durch Duisburg. „Vielleicht hat mir etwas gefehlt. Aber ich kannte es ja nicht anders.“ Die Familie hielt zusammen. Großeltern, Cousins, Freunde. „Es waren Gott sei Dank Menschen um uns herum.“ Sein Großvater ging mit ihm zu Wettkämpfen. Die Großeltern verwöhnten ihn.
„Wie schön wäre es, meinen Papa anrufen zu können“
Acht Jahre lebte die Familie mit dem Wissen, dass die Zeit begrenzt ist. „Für meinen Vater war es dann irgendwann auch eine Erlösung. Im Grunde hatte er ja kein richtiges Leben mehr.“ Der Tod kam an jenem Tag, als Joachim 19 Jahre alt war. Die Beerdigung empfand er nicht als schlimm. „Nein. Wir konnten uns ja viele Jahre darauf vorbereiten. Wir wussten, dass wir loslassen mussten.“
Vermissen Sie Ihren Vater? „Ich denke oft: Wie schön wäre es, jetzt meinen Papa anrufen zu können.“ Gerade in der Pubertät habe ihm dessen Rat im Alltag gefehlt. Und doch fühlt er ihn bis heute. „Wenn ich in Barcelona bin, wenn ich beim Fußball bin, da bin ich oft mit meinem Vater hingegangen, früher als kleiner Junge.“ Pause. „Ja, er ist immer noch da.“
Seine Mutter fand Jahre später noch einmal die Liebe. „Sie hat noch einmal neu geheiratet. Das war für mich ein Geschenk. Ich weiß, dass meine Mutter in guten Händen ist.“ Sie ist stolz auf ihr einziges Kind. „Meine Mama schreibt mir bisweilen eine WhatsApp während einer Werbepause bei ‚Let’s Dance‘. Ein kleiner Hinweis oder Kommentar zu meinem Verhalten vor der Kamera.“ Er schmunzelt. „Mutter bleibt Mutter.“
Joachim Llambi: Seit 20 Jahren bei „Let’s Dance“
Wie wurde aus dem Jungen zwischen Ruhrpott und Costa Brava der Mann mit der klaren Haltung in der RTL-Show „Let’s Dance“ (er ist seit 20 Jahren Teil der Jury)? „Ich war immer schon ein relativ gut strukturierter Mensch. Schulsprecher. Diszipliniert. Wenn ich etwas beginne, ziehe ich es durch.“
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Als er 16 war, fing er mit dem Tanzen an. „Meine Mutter hat fast 25 Jahre als Sekretärin in einer Tanzschule gearbeitet. Diese war bei uns im Haus.“ Erst wollte er nicht. Dann ging er doch. Kurs um Kurs. Turniere. Erfolge. Später arbeitete Llambi, gelernter Bankkaufmann, gute 24 Jahre an der Börse. Dann kam „Let’s Dance“. Eigentlich wollte er nur Profitänzer an den Sender vermitteln. „Ich rief bei RTL an, bot ihnen die Profis an. Am Ende saß ich selbst in der Jury. Das war nicht geplant.“

Warum sagen alle „Herr Llambi“? Er lacht. „Daran ist Hape Kerkeling schuld. Als er 2006 und 2007 die ersten Staffeln der Show moderierte, sprach er mich immer mit Herr Llambi an. Das blieb hängen.“ Dass viele Zuschauer ihn für streng halten, weiß er. „Ja, es ist für viele hart. Warum? Weil es eine Klarheit schafft“, sagt er. Für ihn ist „Let’s Dance“ kein Kuschelkurs, sondern ein Wettbewerb. „Ich denke bei meiner Bewertung nicht nur an das tanzende Paar, sondern auch an die anderen Teilnehmer. Ich muss fair einordnen und vergleichen.“
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Mit Härte habe das nichts zu tun, betont er: „Ich habe auch ein großes Herz. Ehrlichkeit ist für mich ein Zeichen von Respekt.“ Möglicherweise kommt diese Klarheit aus seiner Geschichte. Aus einer Kindheit zwischen Krankheit und Liebe. Zwischen Ruhrpott und Spanien. Zwischen Verlust und Zusammenhalt. Sein eigenes Familienglück lebt Joachim Llambi (61) übrigens mit Frau und zwei Töchtern in Prag an der Moldau – und nicht auf Mallorca, wie oft berichtet wird.
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