Die Situation gleicht einer Scheidung: Die Familie Özil steht gegen Özil. Ein erbitterter Trennungsstreit entbrannte, bei dem verletzte Gefühle, Stolz, Ehre und schließlich Millionenbeträge sowie ein Luxusfahrzeug im Mittelpunkt standen. Der tiefe Konflikt zwischen Mesut Özil (37) und seinem Vater Mustafa (58) belastet die Familie bis in die Gegenwart. So wie Mesut mit Deutschland abschloss, hat er auch seinen Vater aus seinem aktuellen Leben verbannt.

Er sei nun glücklich und habe Frieden mit seiner Ehefrau Amine sowie den Töchtern Eda und Ela gefunden, berichtet Mesut Özil am Telefon.

Der Ex-Fußballer freut sich auf die Geburt seiner dritten Tochter in seinem neuen Lebensabschnitt, den er auf einem der großen Hügel im asiatischen Teil Istanbuls aufgebaut hat. Deutschland spielt darin keine Rolle mehr; eine Rückkehr kann er sich nach Einschätzung von Vertrauten derzeit nicht vorstellen.

Vater Mustafa kennt dieses Leben nicht. Mesuts Töchter – seine Enkelinnen – hat er noch nie gesehen. Zu seiner Schwiegertochter, Özils Ehefrau Amine, besteht kein Kontakt. Ebenso wenig zu Mesuts Bruder Mutlu, dessen zwölfjährige Tochter und siebenjährigen Sohn er ebenfalls nicht kennt.

Mustafa Özil (58) lässig mit Zigarre. So trat er in der ZDF-Doku „Özil“ auf
Mustafa Özil (58) lässig mit Zigarre. So trat er in der ZDF-Doku „Özil“ auf

Lebenszeichen von seinem Sohn Mesut erhält Vater Mustafa von seiner geschiedenen Frau Gülizar und der Tochter Duygu. Auch zwischen ihm und Gülizar herrschte jahrelang Funkstille. Heute sprechen sie gelegentlich miteinander. Immerhin.

Warum so viel Streit, so viel Leid, so viele Verletzungen? Weshalb herrscht seit vielen Jahren Schweigen mitten in der Özil-Familie? Warum bleibt sie so unversöhnlich zerrissen?

Vater Mustafa thematisiert die „Trennung“ von Sohn Mesut

So richtig erklären kann sich Vater Mustafa das selbst nicht mehr: der Mann, der im Alter von nur zwei Jahren von der türkischen Schwarzmeerküste nach Gelsenkirchen kam, als Sohn eines Gastarbeiters. Mit 17 heiratete er seine damalige Freundin Gülizar (61), beide bekamen vier Kinder, einer der Söhne wurde zum Fußball-Genie und Weltmeister.

Der „Patriarch“ der Özils seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Damals trafen sie sich zu einem vertraulichen Gespräch in Kapstadt: am Pool des Radisson Blu Hotels. Der gemeinsame Kontakt riss danach nie ab: stets respektvoll, stets zuvorkommend.

Heute treffen sie sich erneut. Wieder in einem Hotel, diesmal im noblen „Breidenbacher Hof“ mitten in Düsseldorf, nur wenige Schritte von der „Kö“ entfernt, im hinteren Bereich der Raucher-Lounge. Beim Hotel-Personal ist Mustafa Özil bekannt. Früher empfing er hier Geschäftspartner, um über Mesuts Verträge zu verhandeln. Er raucht Zigarre, trinkt Wasser. Er spricht leise und bedacht. Über die „Trennung“ von seinem Sohn Mesut.

Der warf ihn 2013 hinaus: als Vater und als Berater. Ein Grund: die gescheiterte Ehe der Özil-Eltern, offenbar außereheliche Affären. „Auch deshalb entließ er ihn als Berater“, berichtet Deniz Kosek-Özil (35), Halbschwester von Mesut. Sie erinnert sich: „Wir wuchsen gemeinsam in Gelsenkirchen auf, spielten Fußball im ‚Affenkäfig‘, hingen am Kaugummi-Automaten ab, machten Quatsch. Mesut rutschte bei uns zu Hause auf einer Decke die Wendeltreppe runter.“

Doch wenn Mesut über seine Familie spricht, taucht Halbschwester Deniz, deren Mutter verstarb, als sie elf Jahre alt war, gar nicht auf. In einer TV-Dokumentation zählt er nur die Geschwister aus der Ehe seiner Eltern auf: „Wir sind insgesamt vier Geschwister. Ich habe zwei jüngere Schwestern, einen älteren Bruder.“ Deniz traf ihn noch einmal in London, als Mesut dort spielte, erzählt sie. Danach habe es nie wieder Kontakt gegeben.

Real-Verhandlungen gerieten außer Kontrolle

Ähnlich verhält es sich zwischen Mesut und seinem Vater. Seit dem großen Knall. Der Vater hatte Mesut jahrelang gemanagt. Doch dann gerieten die Verhandlungen über einen neuen Vertrag mit Real Madrid außer Kontrolle. Dies wirft Mesut Özil seinem Vater bis heute vor. Er sei mit dem Verhandlungsdruck der Real-Bosse überfordert gewesen, schreibt Özil in seiner Biografie „Die Magie des Spiels“, ihm habe die „Abgeklärtheit“ gefehlt.

Mustafa Özil sei damals wutschnaubend aus dem Büro des Real-Präsidenten gelaufen und habe die Tür zugeschlagen. Dadurch sei Mesut in Madrid „in Ungnade gefallen“, ein Deal kam dort nicht mehr zustande, Mustafa fädelte stattdessen 2013 den Wechsel zu Arsenal London ein: für ein Wochengehalt von 175.000 Euro, hinzu kam ein Werbevertrag mit Adidas über bis zu 3,5 Millionen Euro bis 2020.

Dann teilte Mesut seinem Vater mit, er wolle nun auf eigenen Füßen stehen. Vater Mustafa reagierte wütend, löschte Mesuts Twitter-Account samt der mehreren Millionen Follower.

Und Mesut? Der ließ die Schlösser seiner Agentur auf der Düsseldorfer „Kö“ austauschen, so dass sein Vater nicht einmal mehr ins Büro gelangte: Ab jetzt „regierte“ dort Özils Bruder Mutlu, mächtiger Manager und Özil-Vertrauter war fortan Erkut Sögüt.

Vertrag bei Arsenal bis 2021. Mesut Özil mit seinem Bruder Mutlu (l.) und Berater Erkut Sögüt
Vertrag bei Arsenal bis 2021. Mesut Özil mit seinem Bruder Mutlu (l.) und Berater Erkut Sögüt

Ihm warf Özils Vater schon vor Jahren vor, dass ER schuld sei, dass sein Sohn mit Deutschland gebrochen habe: „Mesut wurde von seinem Umfeld beeinflusst. Das war nicht gut für ihn. Man kann nicht sagen, Deutschland ist ausländerfeindlich, das Land, in dem er geboren wurde, hätte ihm keine Chance gegeben. Solche Äußerungen kommen nicht von ihm. Das ist er nicht. Ehrlich: Ich habe das Gefühl, dass Mesut auch ausgenutzt wurde.“

Mustafa Özil erhielt einen Ferrari als Abfindung

Es tue ihm weh, wie kühl sich Mesut aus der Nationalelf verabschiedet habe: ohne Pressekonferenz, per Twitter. Er hätte sich gewünscht, dass auch sein Sohn – ähnlich wie Nationalelf-Kollege Ilkay Gündogan – das Erdogan-Foto den Deutschen erklärt hätte. Denn Mesut sei für ihn weiter ein Beispiel „für eine gelungene Integration“.

Özil bei der Fußball-WM 2018 in Russland. Nach dem Turnier trat er aus der deutschen Nationalmannschaft zurück
Özil bei der Fußball-WM 2018 in Russland. Nach dem Turnier trat er aus der deutschen Nationalmannschaft zurück

2014 verklagte Mustafa Özil eine Firma seines Sohnes auf 630.000 Euro. Er forderte Provisionen für die Ausrüster- und Werbeverträge, die er selbst verhandelt hatte. Er wollte Dankbarkeit zurück – und eine beträchtliche Geldsumme. Das kam. Auch ohne einen Prozess. Mesut Özil zahlte seinem Vater 8,1 Millionen Euro Abfindung. Und obendrauf gab es einen Ferrari F458. Angeblich auch, weil Mesut die hohe Zahlung als „abzugsfähige Ausgabe“ im Zuge einer komplizierten Steuerprüfung in Spanien aus der Klemme half.

Den gesamten Streit bedauere er sehr, so hat es Mesut Özil später in seiner Biografie geschrieben: „Ein trauriges Kapitel in einer sehr langen, sehr intakten und harmonischen Vater-Sohn-Beziehung.“ Er werde das nie vergessen. Und doch herrscht bis heute Schweigen.

Vater Mustafa spricht weiter mit großem Stolz über seinen Sohn. Ohne Hass. Voller Schmerz. Er wünsche sich eine Versöhnung, so lässt er den Reporter wissen. Er wünsche sich, dass Mesut auf ihn zukomme.