Rostock – Von der drogenabhängigen Mutter im Stich gelassen, vom Lebensgefährten misshandelt, von einem Unbekannten ins Gebüsch gezerrt und vergewaltigt. Depressionen, Borderline-Syndrom, soziale Phobie. Ihrem Umfeld schilderte Gina H. (30) über Jahre eine Biografie geprägt von Gewalt und schweren Schicksalsschlägen. Doch im Mordprozess um den getöteten Fabian (8) aus Güstrow drängt sich zunehmend die Frage auf: Was entspricht der Wahrheit und was ist erfunden? Richter, Sachverständige und Zeugen stoßen auf eine Vielzahl von Ungereimtheiten.
Die Partnerin von Fabians Vater steht unter Anklage, den Achtjährigen am 10. Oktober 2025 an einem Tümpel nahe Klein Upahl mit sechs Messerstichen ermordet und seinen Leichnam anschließend angezündet zu haben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Fabian immer wieder Anlass für Streitigkeiten in der Beziehung zu Matthias R. (35) war. Diesen Stein des Anstoßes habe sie aus dem Weg räumen wollen.

Doch nicht nur die Darstellungen zum Tathergang beschäftigen das Landgericht Rostock. Auch die Lebensgeschichte der Angeklagten gerät zunehmend in Zweifel. So behauptete Gina H., Matthias R. habe ihr den Arm gebrochen. Eine Nachbarin widersprach: „Ich glaube, das war ein Reitunfall.“
Hatte Gina H. einen Hirntumor?
Auch bei ihren Angaben zu Erkrankungen tun sich Widersprüche auf. In einer Sprachnachricht an Matthias R. erklärte Gina H., sie leide an einem Hirntumor. Ihrer Bekannten Heike M. (52) erzählte sie hingegen, sie habe Glasknochen. Ihr Psychotherapeut wusste von keiner dieser Diagnosen. Sie habe lediglich einmal „etwas Orthopädisches“ erwähnt.
Die angeblichen Gewalttaten ihres Partners schilderte Gina H. Zeugen zufolge ebenfalls sehr unterschiedlich. Einer Polizeibeamtin berichtete sie, Matthias R. habe sie vor dem gemeinsamen Haus in Groß Breesen die Treppe hinuntergestoßen. Dem besten Freund von Matthias R. soll sie dagegen erzählt haben, ihre Großmutter sei die Treppe hinuntergestoßen worden.

Einer Gerichtshelferin erzählte sie, in ihrer Schulzeit hätten Mitschüler ihr die Haare angezündet und ihren Kopf in einen Mülleimer gesteckt. Ihrem Psychotherapeuten schilderte sie zusätzlich, man habe ihr ein Messer in Bauch und Rücken gerammt. Der AWO-Mitarbeiterin, die sie als Kind betreute, erwähnte sie damals nichts dergleichen.
Keine Gebärmutter, aber Angst vor Schwangerschaft?
Selbst ihre Berichte über Vergewaltigungen sind widersprüchlich. Mal sagte Gina H., sie sei vom Fahrrad gezerrt worden. Mal habe ein Betrunkener auf einer Parkbank sie in ein Gebüsch gezogen. Mal sprach sie von zwei, mal von drei Vergewaltigungen.

Für Verwunderung sorgte am vergangenen Verhandlungstag zudem ein Eintrag aus den Therapieunterlagen. Der psychologische Gutachter konfrontiert den Therapeuten: „Im August 2021 erzählte sie von der Entfernung der Gebärmutter. Später hatte sie dann Angst, schwanger zu werden.“ Auch der Therapeut zeigt sich überrascht. „Vielleicht habe ich das damals falsch verstanden. Vielleicht wurde nur ein Teil der Gebärmutter entfernt“, versucht er, den Widerspruch zu erklären.
Reiten ja, Arbeiten nein
Der Vorsitzende Richter stößt auf weitere Unstimmigkeiten. „Ich fand es ein bisschen komisch … oder vielleicht helfen Sie mir“, sagt er. Aus den Therapieunterlagen liest er vor: „Nach wie vor fühlt sie sich nicht in der Lage, einem Job nachzugehen. Was sie stabilisiert, ist das Reiten. Sie will demnächst wieder zu Turnieren fahren.“

Für den Richter passt dies nur schwer zur diagnostizierten sozialen Phobie. Auf Reitturnieren halte sich schließlich eine große Menschenmenge auf. Der Therapeut entgegnet: „Ich hatte ein anderes Bild. Ich dachte, es wären kleine Reitturniere.“ Nach kurzem Zögern räumt er jedoch ein: „Sie haben recht. Es sind viele Dinge, die nicht ganz typisch sind. Es gibt viele Punkte, bei denen ich heute noch einmal nachforschen würde und bei denen Widersprüche bestehen.“
Freizügige Fotos trotz sozialer Phobie
Auch die Behauptung, Gina H. habe sich täglich um fünf Pferde gekümmert, wirft für den Richter Fragen auf. Wie kann jemand einerseits erklären, arbeitsunfähig zu sein, andererseits aber eine derart anspruchsvolle und strukturierte Aufgabe bewältigen?

Der Therapeut antwortet: „Mein Eindruck war, dass sie das nicht alleine macht, sondern dass andere das für sie erledigen. Dass es jetzt fünf Pferde sind, höre ich zum ersten Mal. Wenn Sie es so darstellen, sehe ich da schon einen Widerspruch.“
Der Richter: „Wenn man Bilder von sich machen lässt … eher freizügiger Natur … und diese bei WhatsApp im Status veröffentlicht. Ist das vereinbar mit jemandem, der Angst vor Menschen hat?“ Der Psychotherapeut zögert diesmal nicht: „Nein.“

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