Rahway/Cambridge (USA) – Jährlich erhalten in Deutschland mehr als eine halbe Million Menschen die Diagnose Krebs. Selbst nach erfolgreicher Behandlung bleibt die lebenslange Furcht vor einem Rezidiv bestehen. Seit Jahrzehnten setzen Onkologen und Betroffene ihre Hoffnung in die sogenannte Krebsimpfung, die vor Metastasen und Rückfällen schützen soll. Nun vermelden die Konzerne Moderna und Merck (in Deutschland: MSD) einen möglichen Durchbruch beim schwarzen Hautkrebs. Eine groß angelegte Phase-3-Studie mit über 1100 Teilnehmenden hat erstmals belegt, dass eine personalisierte Krebsvakzine in Kombination mit einer Immuntherapie das Rückfall- und Metastasenrisiko nach einer Operation senken kann.
Laut Unternehmensangaben erzielte die Krebsimpfung „Intismeran“ zusammen mit dem Immuntherapeutikum Keytruda bessere Ergebnisse bei der Behandlung von Hautkrebs als die bisherige Standardtherapie allein. Wichtig ist die Einordnung: „Es handelt sich nicht um eine Schutzimpfung für Gesunde. Die Therapie richtet sich an Menschen, die bereits ein Melanom hatten und deren Tumor operativ entfernt wurde. Das Ziel ist die Verhinderung eines Rückfalls“, erläutert Prof. Michael von Bergwelt, Direktor der Klinik für Onkologie und Hämatologie an der LMU München.
Patienten, die die Kombination erhielten, blieben länger frei von Rezidiven und Metastasen als jene mit alleiniger Immuntherapie. Studienleiterin Prof. Georgina Long vom Melanoma Institute Australia spricht von einem Meilenstein: Erstmals zeige eine Phase-3-Studie, dass eine auf den genetischen „Fingerabdruck“ eines Tumors zugeschnittene Therapie das Risiko für einen Rückfall oder Tod senken könne.
Wie funktioniert die personalisierte Krebsimpfung?
Das Besondere: Die Vakzine wird für jeden Patienten individuell hergestellt. Zuerst wird das Erbgut des entfernten Tumors analysiert. Daraufhin entsteht eine maßgeschneiderte mRNA-Impfung. Diese präsentiert dem Immunsystem eine Art Steckbrief des Tumors, sodass verbliebene Krebszellen erkannt und bekämpft werden können. Allein in Deutschland erhalten jährlich rund 28.000 Menschen die Diagnose schwarzer Hautkrebs. Bei etwa zehn bis 15 Prozent kommt es zu Rückfällen oder Metastasen.
Warum wird ein zweites Medikament hinzugefügt?
Anschließend an die Impfung erfolgt die Immuntherapie mit Keytruda. Dieses Präparat löst die Bremsen der körpereigenen Abwehr und macht sie aggressiver gegenüber Krebszellen. Keytruda ist bereits zugelassen und wird aktuell als Standardbehandlung nach der Operation eingesetzt, um das Rückfallrisiko zu senken. „Die Kombination beider Ansätze soll verbliebene Krebszellen nach dem Eingriff gezielter aufspüren und zerstören“, erklärt Prof. von Bergwelt.
Welchen Nutzen bietet die Kombinationstherapie?
Die vollständigen Ergebnisse der Phase-3-Studie sollen erst auf einem großen internationalen Krebskongress präsentiert werden. Bereits eine frühere Phase-2-Studie hatte gezeigt, dass das Gesamtrisiko für Rückfall oder Tod bei Kombinationstherapie um 49 Prozent sank. Besonders ausgeprägt war der Effekt bei Fernmetastasen: Das Risiko einer Ausbreitung in andere Organe oder eines Todes war sogar um 59 Prozent reduziert. Nach Angaben der Unternehmen hat die Phase-3-Studie diese Resultate nun erstmals in einer deutlich größeren Patientengruppe bestätigt.
Wann ist mit der Zulassung zu rechnen?
Das bleibt offen. Zunächst sollen die detaillierten Studienergebnisse vorgestellt und anschließend den Zulassungsbehörden übergeben werden. Parallel läuft die Studie weiter, um zu prüfen, ob die Patienten nach Therapieende tatsächlich länger überleben. Erste Medienberichte spekulieren über eine mögliche Zulassung in den USA im Jahr 2027. Prof. von Bergwelt hält dagegen: „Das lässt sich erst beurteilen, wenn die Daten vorliegen.“
Moderna-Chef Stéphane Bancel äußerte gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg, dass der personalisierte Impfstoff bereits 2027 zugelassen werden könnte. „Das ist ein außergewöhnlicher Meilenstein für die mRNA-Wissenschaft“, so Bancel.
Ist die Therapie auch bei anderen Krebsarten wirksam?
Ja! Der Erfolg könnte weit über den Hautkrebs hinausgehen. „Da die Impfung individuell auf die genetischen Merkmale eines Tumors zugeschnitten ist, lässt sich das Prinzip theoretisch auf andere Krebsarten übertragen“, sagt Prof. von Bergwelt. Unternehmensangaben zufolge laufen derzeit neun Studien der Phasen 2 und 3 zu verschiedenen Tumorentitäten, darunter Lungen-, Blasen- und Nierenkrebs.
Top-Experte Prof. Christof von Kalle vom Berlin Institute of Health (BIH) an der Charité ergänzt: „Langfristig könnten die Krebsimpfstoffe auch bei bisher kaum oder schwer behandelbaren Erkrankungen wie Bauchspeicheldrüsenkrebs zu Durchbrüchen führen.“ Allerdings: Nach aktueller Datenlage ist die Therapiekombination lediglich ein weiterer wichtiger Baustein in der Krebstherapie und (noch) keine Wunderwaffe.




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