Berlin – Er gilt als bedeutendster Aussteiger in der Geschichte der deutschen Rockerszene: Kassra Zargaran (39), einstiges Mitglied der Hells Angels, kehrte 2014 seiner Organisation den Rücken, belastete seine früheren „Brüder“ in umfassender Weise und befindet sich seitdem im Zeugenschutzprogramm des Landeskriminalamtes Berlin. Nun sollte der als „Verräter“ Gebrandmarkte offenbar getötet werden.
Wie Recherchen ergaben, entgingen er und seine Angehörigen nur knapp einem geplanten Mordanschlag. Ein mutmaßlicher Auftragskiller wurde inzwischen festgenommen.
Zur Vorgeschichte: Im Jahr 2014 wurde Kassra Zargaran gemeinsam mit weiteren Mitgliedern der Hells Angels verhaftet. Ihnen wurde die Tötung von Tahir Ö. in einem Wettbüro zur Last gelegt – eine Hinrichtung in einem Berliner Internetcafé, die von einer Videokamera festgehalten worden war.

Unmittelbar nach seiner Festnahme entschloss sich Zargaran zum Ausstieg aus den Hells Angels und wurde zum Kronzeugen. Er belastete seine Kameraden nicht nur im Mordverfahren in erheblichem Maße, sondern informierte deutsche wie internationale Ermittlungsbehörden zusätzlich über Aufbau, Hierarchien und Verhaltenskodexe der weltweit gefürchtetsten Rockervereinigung. Damit brach er das ungeschriebene Gesetz des Schweigens der Hells Angels – die sogenannte „Omertà“.
Während Rockerboss Kadir P. und weitere Hauptverantwortliche des Wettbüromordes zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt wurden, kam Zargaran bereits 2020 aus der Haft frei. Wegen der anhaltenden Gefährdung wurde er vom Landeskriminalamt Berlin in das Zeugenschutzprogramm aufgenommen. An einem nicht bekannten Ort begann er mit seiner Familie ein neues Leben und veröffentlichte ein Buch. Bis zum heutigen Tag wird er von Personenschützern begleitet.

Besonders brisant: Wie aus Sicherheitskreisen zu erfahren war, wurde in Nordrhein-Westfalen erst vor wenigen Tagen ein Mann festgenommen. Ein Zufallsfund, der Zargaran offenbar das Leben bewahrte. Auf dem Mobiltelefon des Verdächtigen stießen die Ermittler auf einen Schriftverkehr mit einem anonymen Auftraggeber, der einen Mordplan zum Gegenstand hatte.
Den Recherchen zufolge geht aus dem Chatverlauf hervor, dass der Festgenommene den Auftrag akzeptierte. Darüber hinaus soll er angefragt haben, ob er auf Unbeteiligte Rücksicht nehmen müsse. Die Antwort des Auftraggebers lautete demnach: Nein. Damit schwebten auch Ehefrau und Kind des Aussteigers in akuter Lebensgefahr.
Der Tatverdächtige befindet sich zwischenzeitlich in Untersuchungshaft in Berlin-Moabit. Zu seiner Person liegen bislang keine weiteren Erkenntnisse vor. Die Berliner Staatsanwaltschaft lehnte auf Anfrage eine Stellungnahme zu dem Fall ab. Die Ermittlungen laufen weiter.

Für die Fahnder ergibt sich daraus ein zentraler Ansatzpunkt: Offenbar war der Auftraggeber in der Lage, dem Festgenommenen den geheimen Aufenthaltsort Zargarans mitzuteilen. Innerhalb eines Zeugenschutzprogramms handelt es sich dabei um die höchstsensible Information, die üblicherweise besonders abgeschirmt wird.
Wie weiter zu erfahren war, wurde die Familie umgehend evakuiert und an einen anderen Ort verlegt. Gänzlich sicher wird Zargaran vermutlich nie leben können. Die Gesetze der Hells Angels sind unmissverständlich: Ein Aussteiger, der als „Verräter“ gilt, darf nicht weiterleben.






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