Ein Lächeln begleitet Ulrich Siegmund, wenn er Autogramme schreibt – an diesem Wochenende besonders gern auf das Titelblatt des aktuellen „Spiegel“. Darauf prangt sein Konterfei, darunter die Schlagzeile „Der gefährlichste Mann Deutschlands“.
Bis zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sind es noch drei Wochen. Und die Nervosität in der gesamten Republik wächst zusehends. Der Grund ist Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat der AfD.
Steht dem Land nach dem 6. September eine Zäsur bevor? Erstmals seit Kriegsende könnte ein Rechtsextremer zum Ministerpräsidenten eines deutschen Bundeslandes gewählt werden – womöglich an der Spitze einer Alleinregierung der AfD, die der Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem einstuft.

Um dies zu verhindern, müssten neben CDU und Linken auch SPD und Grüne den Einzug in den neuen Landtag schaffen. Dass dies gelingt, ist keineswegs sicher. Eine aktuelle Erhebung sieht die AfD bei 42 Prozent, die CDU bei 22, die Linke bei 13, die SPD bei 6 und die Grünen bei 4 Prozent.
Macht gerade die Schwäche der anderen Ulrich Siegmund so gefährlich? Wer also fürchtet sich vor ihm?
Ein Beispiel ist Bürgermeister Michael Stöhr (54), der den Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Egeln mit „Konsequenzen“ droht, weil diese sich nach einem Einsatz auf dem Heimweg ein Eis holten und dabei auf Ulrich Siegmund trafen. Ein paar freundliche Worte, Händeschütteln, ein Erinnerungsfoto. „Ein solches Verhalten von Mitgliedern unserer Freiwilligen Feuerwehr im Einsatz kann nicht hingenommen werden“, ließ der Bürgermeister verlauten.

Sven Hüber (62), bis zur Wende Politoffizier der DDR-Grenztruppen, die für die Umsetzung des Schießbefehls verantwortlich zeichneten, warnt als stellvertretender Vorsitzender der Polizei-Gewerkschaft GdP vor einem „inneren Notstand“. Sollte die AfD in Sachsen-Anhalt die Regierung übernehmen, müssten die Bereitschaftspolizeien „so stark und so vorbereitet sein, um auf die Weisung des Bundesinnenministers auch in einem anderen Bundesland, gemeinsam mit der Bundespolizei, mit polizeilichen Mitteln die verfassungsmäßige Ordnung wiederherstellen zu können.“

So klingt die Furcht vor Ulrich Siegmund, der noch gar nicht geboren war, als Hüber die Grenzsoldaten in Ostberlin auf Linie brachte.
Doch wer ist dieser Ulrich Siegmund eigentlich?
Ein Mann, der nicht laut werden muss. Wer ihm zuhört, begegnet keinem Wüterich, sondern einem höflichen, beherrschten Menschen, der über Heimat, Familie und Ordnung spricht. Möglicherweise liegt genau darin seine politische Begabung.

Ulrich Siegmund besitzt zehn oder zwölf Parfüms. Die genaue Zahl weiß er selbst nicht, er wechselt gern. Ein unscheinbares Detail – bei den meisten Politikern ohne jede Bedeutung. Bei Siegmund verhält es sich anders. Bevor er Berufspolitiker wurde, arbeitete er im Marketing, unter anderem mit Raumbeduftung. Seine Bachelorarbeit in Wirtschaftspsychologie untersuchte, wie Düfte das Wohlbefinden und das Kaufverhalten beeinflussen können.
Ein angenehmer Duft verändert nicht das Produkt. Er verändert die Atmosphäre, in der man es wahrnimmt.
Man sollte diese biografische Pointe nicht überstrapazieren. Und doch kommt man Ulrich Siegmund erstaunlich nahe, wenn man sich mit der Frage beschäftigt, wie etwas wirkt.

Siegmund, drei Wochen nach der Wiedervereinigung in Havelberg geboren, ist kein Politiker, dessen größte Wirkung vom Zorn ausgeht. Er brüllt nicht wie Björn Höcke. Er pflegt nicht die professoralen Allüren Alexander Gaulands. Und er gibt auch nicht den permanent Empörten. Siegmund lächelt. Er spricht ruhig. Auf TikTok zeigt er sich beim Motorradfahren, beim Essen, unterwegs im Land. Er redet schnell, unkompliziert, häufig direkt in die Kamera. Hunderttausende folgen ihm dort.
Seine vielleicht wichtigste politische Botschaft lautet deshalb nicht: Ich bin radikal. Sie lautet: Ich bin normal.
Sein Privatleben hält Ulrich Siegmund weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus. Wer wissen will, seit wann der AfD-Spitzenkandidat verheiratet ist, muss tief graben. Seine Ehefrau Julia („Jule“) verriet 2019 in der RTL-Soap „Zwischen Tüll und Tränen“, dass Ulrich Siegmund ihr im Urlaub in Vietnam den Heiratsantrag gemacht habe. Damals hatte sie bereits eine Tochter, die heute 14 Jahre alt ist. Gemeinsam haben die Siegmunds eine weitere Tochter, die noch im Kindergartenalter ist.
Als sich ein Reporter gestern im Ort umsah, standen vier Autos in der Einfahrt der Familie Siegmund – ein Audi A6, ein Q5, ein VW Caddy und ein VW Tayron. Nachbarn sind mit der Vorgartenpflege beschäftigt, kaum einer möchte über den prominenten Nachbarn sprechen.

Eine Gastwirtin sagt: „Die Themen Siegmund und AfD werden hier kontrovers diskutiert. Auch unter den Gästen. Ich habe mich noch nicht entschieden.“
Eine Frau auf der Straße winkt ab: „Keine Ahnung, wo die genau wohnen. Das will ich auch nicht wissen. Eventuell würde ich denen dann über den Weg laufen und dann müsste ich die grüßen.“
In unmittelbarer Nähe des AfD-Spitzenkandidaten lebt sein Vater, Andreas Siegmund (66). Er kandidierte 2009 als Direktkandidat bei „Volksentscheide“ für den Bundestag und erzielte 3,3 Prozent. Bis heute sitzt er gemeinsam mit seinen Söhnen Ulrich und Michael (Kinderbuchautor) im Stadtrat von Tangermünde. Susann Siegmund, die Mutter des Spitzenkandidaten, kam 2019 bei einem Reitunfall ums Leben.
Wer muss sich vor diesem Ulrich Siegmund fürchten? Dem charmanten Gesicht der AfD, der Sympathie nicht für den Gegensatz politischer Härte hält. Er versteht sie als deren Transportmittel. Das unterscheidet ihn von jenen Teilen der extremen Rechten, die ihre Radikalität genießen, weil sie provoziert.
Siegmund möchte nicht provozieren müssen. Er möchte überzeugen.
In der Bundespartei setzt man große Hoffnungen in Ulrich Siegmund. Er soll möglich machen, was der Partei bislang versagt blieb: regieren. Insider berichten von einem engen Netzwerk von Vertrauten, das den Wahlkampf organisiert. Eine „geschlossene Truppe“, heißt es immer wieder von AfD-Politikern. Darunter finden sich auch frühere Mitglieder der neonazistischen Organisation „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ, 2009 verboten). Es gilt als höchst wahrscheinlich, dass Siegmund sie im Falle eines Wahlsiegs in Regierungsämter hieven würde.
Die Ziele für die ersten 100 Tage: den verhassten MDR zerschlagen, die Schulpflicht aufweichen, die Verwaltung umbauen und – abschieben, abschieben, abschieben.






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