Berlin – Gilt der typische AfD-Wähler als wirtschaftlich abgehängter Bürger, der aus Frust und Abstiegsangst heraus rechts wählt? Eine aktuelle Untersuchung stellt dieses vor allem in linken Kreisen verbreitete Narrativ nun grundlegend in Frage. Die Wissenschaftler Martin Schröder, Moritz Rehm und Anja Röcke von der Universität des Saarlandes werteten Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) von nahezu 32.000 Personen aus, um die Einflussfaktoren auf eine Unterstützung der AfD zu ermitteln. Das Ergebnis ist eindeutig: Im Zentrum steht die Einstellung zur Migration – nicht die persönliche wirtschaftliche Situation.

Für die tatsächliche Wahl der AfD erweist sich die Haltung zur Zuwanderung als der mit Abstand gewichtigste untersuchte Faktor: Sie erklärt mehr als 90 Prozent der erklärbaren Unterschiede im Wahlverhalten. In ihrer Analyse berücksichtigten die Forscher zudem zahlreiche soziale und ökonomische Variablen wie Einkommen, Bildungsgrad, berufliche Position, Arbeitslosigkeit, finanzielle Ängste und Lebenszufriedenheit. Sobald jedoch die Migrationshaltung hinzugezogen wird, liefern die übrigen Faktoren kaum noch zusätzliche Erklärungskraft.

Ulrich Siegmund (35, AfD) will Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt werden
Quelle: Unbekannt

Besonders bemerkenswert ist ein statistischer Vergleich innerhalb der Studie: Eine Person mit dem niedrigsten Einkommen, geringster Bildung, großen finanziellen Sorgen und geringer Lebenszufriedenheit, die jedoch keine Bedenken hinsichtlich der Einwanderung hegt, weist lediglich eine AfD-Unterstützungswahrscheinlichkeit von 3,7 Prozent auf. Ein anderer Bürger, der wirtschaftlich äußerst erfolgreich ist, aber große Sorgen um die Zuwanderung hat, erreicht hingegen 8 Prozent – mehr als das Doppelte.

Dies widerlegt die gängige These vom „abgehängten AfD-Wähler“ deutlich.

Noch aufschlussreicher: Die Forscher konnten auch Veränderungen innerhalb identischer Personen nachvollziehen. Wird jemand im Zeitverlauf migrationskritischer, steigt parallel die Wahrscheinlichkeit einer AfD-Unterstützung. Verändert sich hingegen die wirtschaftliche Lage, hat dies einen deutlich geringeren Effekt.

Bedeutet das: Ökonomische Faktoren sind irrelevant?

Keineswegs. Die Studie behauptet nicht, dass Armut oder soziale Probleme völlig bedeutungslos wären. Sie zeigt vielmehr, dass diese Faktoren die AfD-Unterstützung deutlich schlechter erklären können als die Einstellung zur Migration. Dies verschiebt die politische Debatte in eine neue Richtung.

Das Erklärungsmuster „Ich bin abgehängt – deshalb wähle ich die AfD“ greift kaum noch. Stattdessen trifft eher der Satz zu: „Ich sorge mich um Einwanderung – deshalb wähle ich die Partei, die dieses Anliegen am stärksten vertritt.“ Die Autoren stellen die „Modernisierungsverlierer“-These damit substanziell infrage.

Der AfD-Wähler ist also nicht schlicht der frustrierte Bürger mit knapper Kasse. Die entscheidende Trennlinie verläuft offenbar stärker entlang der Migrationshaltung als entlang des Kontostands.