„Ob ich im Krankenhaus sexuell belästigt wurde? Auf jeden Fall. Von allen: von Patienten, vom Sicherheitsdienst, von anderen Pflegern und Ärzten.“ Das berichtet Zara*, die anonym bleiben möchte. Die Krankenschwester fürchtet andernfalls negative Auswirkungen auf ihre Laufbahn – auch wenn sie heute nicht mehr in Kliniken pflegt. Zara ist kein Einzelfall. Eine umfangreiche deutsche Krankenhausstudie der Universitäten Freiburg, Heidelberg, Tübingen und Ulm mit mehr als 2300 Pflegekräften ergab, dass viele Beschäftigte in den letzten zwölf Monaten sexuelle Belästigung erfahren hatten. Der Frauenanteil unter den Pflegekräften lag bei 81 Prozent.
Im Interview schildert Zara drei Vorfälle, bei denen Kollegen Grenzen überschritten und sich ihr annähern wollten. Es handelte sich um Männer, die in der Klinikhierarchie über ihr standen, von denen zwei zu Hause Frau und Kind hatten.
„Er hörte nicht auf zu fragen“
Zara: „Ich saß im Schwesternzimmer, als er wegen eines Patienten zu mir kam. Er wollte die Akte mit mir durchgehen und fragte, ob wir das im Ärztezimmer machen könnten. Dort waren wir ganz allein. Wir saßen nebeneinander, als er mich plötzlich nach meiner Fernbeziehung ausfragte. Ob ich den Sex nicht vermisse. Ich drehte mich weg, schaffte es aber nicht, einfach zu sagen: ‚Das ist eine unangebrachte Frage.‘ Er fragte weiter und weiter. Ich antwortete zögerlich. Es endete damit, dass der Oberarzt fragte, ob ich es hart mag und was ich heute nach der Arbeit vorhätte. Da sagte ich klar: ‚Wenn du gerade fragst, ob wir uns treffen können, lehne ich ab. Ich habe einen Freund und du bist verheiratet. Und können wir jetzt bitte weiterarbeiten?‘“
Nächtlicher Anruf: „Darf ich zu dir kommen?“
Zara: „Wir saßen bei einer Arbeitsfeier am selben Tisch. Die Stimmung war locker und wir machten ein Selfie zusammen. Er fragte nach meiner Nummer, um mir das Foto zu schicken. Ich gab sie ihm, nur für diesen Zweck. Ich ging früh nach Hause, weil ich am nächsten Tag Frühschicht hatte. Um drei Uhr nachts klingelte mein Handy. Als ich schlaftrunken rangehen, war er am Telefon und sagte: ‚Ich will nicht nach Hause. Darf ich zu dir kommen?‘ Ich lehnte ab und legte auf. Ein paar Tage später suchte er das Gespräch. Fragte, ob alles in Ordnung sei zwischen uns. Er entschuldigte sich nicht, er übernahm keine Verantwortung für sein Handeln, sondern schob mir die Verantwortung zu, anzusprechen, dass er sich falsch verhalten hatte. Ein Mann über 40, mit Frau und Kindern. Ich winkte nur ab. In den folgenden Wochen suchte er immer wieder meine Nähe. Aber ich mied ihn, sagte sogar einen Einsatz in seiner OP ab, weil ich nicht stundenlang mit ihm in einem Raum sein wollte.“
Pfleger-Kollege: „Ich möchte dich kennenlernen. Deshalb muss ich dafür sorgen, dass du nicht auf meine Station kommst“
Zara: „Es war in meinem letzten Ausbildungsjahr. Ich wurde endlich auf meiner Traumstation eingesetzt. Dort angekommen, warnten mich die anderen Pflegerinnen gleich vor einem Kollegen. Er sei bekannt dafür, junge Kolleginnen zu belästigen. Dann kam der Tag, an dem ich einen Tag an seiner Seite arbeitete. Am Ende der Schicht sagte er, er wolle mir Feedback geben – im Schwesternzimmer, wo gerade sonst niemand war. Als wir dort waren, sprachen wir zunächst über die Arbeit, und ich erzählte ihm, dass ich nach der Ausbildung am liebsten auf dieser Station arbeiten würde. Er wurde zunehmend flirtend, fragte, ob wir uns nach der Arbeit treffen könnten, aber ich lehnte klar ab. Seine Reaktion: „Ich möchte dich kennenlernen. Deshalb muss ich dafür sorgen, dass du nicht auf meine Station kommen darfst.“ Der Pfleger, der mir später weisungsbefugt sein könnte, sagte mir also ins Gesicht, dass er meine Karrierewünsche absichtlich blockieren wolle. Und das nur, damit er mich potenziell daten könnte, obwohl ich gerade gesagt hatte, dass ich kein Interesse an ihm habe.“
Je länger wir sprechen, desto mehr Geschichten fallen Zara wieder ein. Ihre Schilderungen zeigen, dass sexuelle Belästigung in Krankenhäusern an der Tagesordnung ist. Sie sagt auch: „Im Nachhinein finde ich fast am schlimmsten, dass ich diese Vorfälle damals irgendwie als normal empfunden habe. Einmal liegt das sicher daran, dass ich noch sehr jung war. Aber auch daran, dass uns gesagt wurde, dass man solche Situationen als Pflegerin in Kliniken aushalten muss. Heute weiß ich: Das stimmt nicht. Und ich möchte auch sagen: Wir brauchen dringend Pflegerinnen. Was glauben Sie, wie viele Frauen den Job hinschmeißen, weil sie den Mist nicht mehr ertragen? Es ist ein Beruf, den man aus Leidenschaft macht. Aber irgendwann reicht es einem auch. Bei mir war es zumindest so. Nach der Geburt meines Sohnes habe ich mich entschieden, nicht mehr in dieses System zurückzukehren.“
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