Rheda-Wiedenbrück (NRW) – Fast verloren wirken sie unter dem Hochbett ihres Sohnes, der vor wenigen Tagen noch ein Kind war und nun als Schwerverbrecher gelten soll. Georg R. (53) zieht seine Frau Isabela (40) an sich, sie sucht seine Hand. Eltern, die nach Halt greifen.

Durch das Fenster des Kinderzimmers dringt fahles Licht. Genau durch dieses Fenster floh ihr Sohn Nikodem (17) am Freitagmorgen um 6 Uhr, als ein Spezialeinsatzkommando der Polizei das Haus der Familie in St. Vit (NRW) stürmte. Die Beamten des Sonderzugriffs fassten den Jugendlichen. Mittlerweile befindet er sich in Untersuchungshaft.

Innerhalb von zwölf Tagen soll der junge Mann sieben Überfälle verübt haben – die Boulevardpresse taufte ihn „Deutschlands gefährlichsten Teenager“. Mit einer Schusswaffe soll er sechs Tankstellen und ein Wettbüro ausgeraubt haben, meist kurz vor Ladenschluss. Die Beute: ungefähr 7000 Euro. Eine Angestellte schilderte, wie der Täter die Waffe durchlud und sie ihr an den Kopf hielt. Öffnete niemand schnell genug die Kasse, soll Nikodem den überrumpelten Mitarbeitern den Lauf auf den Schädel geschlagen haben.

Taten, die so gar nicht zu dem Jungen passen wollen, den die Eltern zu kennen glauben.

Ab in die U-Haft: Ein Polizist bringt Nikodem R. (17) ins Gefängnis
Quelle: Aus dem Internet

Die Eltern wollen es nicht fassen

„Es ist ausgeschlossen, dass Nikodem dahintersteckt. Das ist doch alles völlig absurd“, sagt seine Mutter. „Er war immer ein so liebes Kind, wir hatten nie Schwierigkeiten.“ Gerade erst habe er seinen Schulabschluss in der Tasche. Geplant sei eine Ausbildung zum Maurer, das Abitur wolle er später nachholen, erzählt die Mutter. „Nun stehe ich in seinem Zimmer und er ist nicht da. Es bleibt nur die komplette Leere.“ Tränen laufen ihr über das Gesicht.

Am Freitagnachmittag verfügte ein Haftrichter die Untersuchungshaft. Zuvor hatten die Einsatzkräfte Nikodem rund sieben Stunden durch seinen Heimatort gejagt, bis ein Zeuge ihn in einem dornigen Gebüsch entdeckte. Festnahme.

Bildschirme, Pokale und Parfum auf dem Schreibtisch, an der Wand ein Poster der Route 66: Nikodems Kinderzimmer
Quelle: Privat

„Das SEK hat die Tür aufgerammt, ich lag am Boden wie ein Terrorist“, erinnert sich Nikodems Stiefvater Georg an den Morgen des 7. August. „Das war maßlos übertrieben. Die Polizisten waren schwer bewaffnet. Unser Junge ist 17 und hatte Angst, deshalb rannte er weg. Weder Geld noch Beweise wurden gefunden.“

Aus Ermittlerkreisen verlautet: Die Polizei sei dem Serienräuber offenbar über Handydaten auf die Spur gekommen. Ein DNA-Abgleich mit Spuren von den Tatorten soll noch folgen.

Die Akte ist umfangreich

Was die Eltern verschweigen: Nikodems Polizeiakte weist zahlreiche Einträge auf. Bedrohung, Erpressung, schwere Körperverletzung, schwerer Diebstahl, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Drogendelikte. Zudem gilt er als Beschuldigter in einem Sexualdelikt.

Was ist da nur schiefgelaufen? Das Elternhaus ist gepflegt, es scheint Nikodem an nichts gefehlt zu haben. Die Eltern betonen, sie hätten dem Teenager ein liebevolles Zuhause geboten. Er sei stets zuverlässig und pünktlich gewesen, sagen sie.

Nikodems Abschlusszeugnis der Realschule. Er habe eine Ausbildung zum Maurer machen wollen, sagen seine Eltern
Quelle: Privat

In der kommenden Woche dürfen die Eltern ihren Sohn im Gefängnis besuchen. „Wir werden ihn erstmal in den Arm nehmen. Nur umarmen“, sagt sein Stiefvater. „Heute haben wir ihm einen Brief geschrieben. Nikodem soll wissen, dass wir mit ganzem Herzen bei ihm sind. Wir sind eine ganz normale Familie. Wir lieben uns, spielen Karten, machen Ausflüge. Wir können uns das alles nicht erklären.“

Stolz zeigen die Eltern anschließend sein Abschlusszeugnis: Die Realschule hat Nikodem am 8. Juli beendet. Sieben Tage später soll er die erste Tankstelle überfallen haben. Wir zeigen den Eltern das Video einer Überwachungskamera. „Das passt alles nicht“, sagt Stiefvater Georg. „So bewegt er sich auch nicht. Nikodem hätte so etwas nicht tun können.“

Sie wollen es nicht wahrhaben. Vielleicht lässt es sich nur so ertragen.