Altenahr (Rheinland-Pfalz) – Als die heftigen Regenfälle die Nebenflüsse der Ahr über die Ufer treten ließen, war Hagen G. (60) gerade bei einem Freund im Ort zu Besuch. Die Männer unterhielten sich über die Unwetterwarnungen im Radio. Dann verabschiedete sich der Frührentner mit den Worten: „Mir wird schon nichts passieren.“ Es war das letzte Mal, dass jemand Hagen G. lebend sah. The Pik begibt sich auf Spurensuche.

In jener Nacht vor fünf Jahren, vom 14. auf den 15. Juli 2021, erlebte der Westen Deutschlands die schwerste Hochwasserkatastrophe der Nachkriegszeit. 185 Menschen kamen ums Leben, Hunderte galten in den ersten Tagen nach der Flut als vermisst – doch nur einer ist bis heute verschollen: Hagen G. aus Remscheid. Der Frührentner wollte seinen Lebensabend als Dauercamper auf dem Campingplatz Sahrtal bei Kreuzberg verbringen, einem Ortsteil von Altenahr. Sein Reich war ein Wohnwagen mit Vorzelt, idyllisch gelegen nahe des Sahrbachs – einem kleinen Fluss, der in die Ahr mündet und normalerweise nur etwa 30 Zentimeter tief ist.

Der Campingplatz Sahrtal nach der Todesflut: Hier wurde Hagen G. in seinem Wohnwagen vermutlich vom Wasser mitgerissen

Im Ahrtal plante Hagen G. seinen Neuanfang

In jener verhängnisvollen Julinacht schwoll der Bach durch extremen Starkregen auf über fünf Meter an. Die Wassermassen rissen Menschen, Gebäude und Wohnwagen mit sich. Drei Camper starben – und Hagen G. verschwand in den Fluten. Als das Wasser zurückwich, wurden die Vermissten nach und nach geborgen. Noch Monate später entdeckte man die Leiche einer Frau aus dem Ahrtal in Rotterdam, wo der Rhein in die Nordsee fließt. Und mehr als zwei Jahre nach der Katastrophe fanden Einsatzkräfte die sterblichen Überreste des vermissten Franky Neufeld (22) aus Bad Neuenahr in einem schwer zugänglichen Bereich der Ahrmündung. Nur Hagen G. wurde nie gefunden.

Stummer Zeuge: Das inzwischen zugewachsene Hinweisschild an der ehemaligen Einfahrt zum Campingplatz

Wer ist der letzte Vermisste der Jahrhundertflut?

Heute, 1826 Tage nach der Flut, ist der ehemalige Campingplatz „Sahrtal“ von Vegetation überwuchert. Ein paar alte Laternen ragen aus dem hohen Gras, das Schild an der alten Einfahrt ist zugewachsen. Nichts erinnert hier an die Katastrophe, kein Gedenkstein für die Toten. Und auch in der 500-Seelen-Gemeinde Kreuzberg spricht man nicht über das, was sich vor fünf Jahren hier ereignete. „Viele sind von der Flut traumatisiert“, sagt eine Frau. „Wir haben keine Kraft mehr, müssen nach vorne schauen.“ Hagen G. habe sie gut gekannt. Der Mann aus Remscheid (Nordrhein-Westfalen) war im Ort gemeldet und lebte dort seit 2020. Zuvor hatte er als Prokurist in einer Kunststofffirma in Solingen gearbeitet.

Dort lebt heute noch seine Ehefrau, das Paar hat zwei erwachsene Töchter. Aus ihrem Umfeld heißt es, das Unglück liege lange zurück und die Frau wolle keine alten Wunden aufreißen. Ein weiterer Verwandter lebt in Bayern – Helmut G. (66), der Bruder des Vermissten. „Wir hatten uns vor Jahren aus den Augen verloren“, erzählt er. „Ich wusste nicht einmal, dass er im Ahrtal war. Hagen hatte einen guten Humor, war lustig und sehr gesellig.“

Eine Laterne auf dem ehemaligen Campingplatz Sahrtal. Einen Gedenkstein für die Flutopfer gibt es hier nicht. Die Baracken im Hintergrund wurden in jüngster Zeit dort abgestellt, haben nichts mit dem Platz zu tun

Bruder übt Kritik an den Behörden

Helmut G. sagt, er sei nie von den Behörden über das Verschwinden seines Bruders informiert worden. „Das ist schon sehr seltsam“, meint er. Vor drei oder vier Jahren habe er seinem Bruder eine Handynachricht geschrieben, aber keine Antwort erhalten. Er dachte, der Bruder habe kein Interesse mehr an einem Gespräch. Heute weiß er, dass dieser damals gar nicht mehr antworten konnte.

Wasserstand in Altenahr (KI-generiert)

Geldbörse gefunden, Besitzer weiterhin verschwunden

Am 2. September, genau 50 Tage nach der Katastrophe, wird die aktive Suche nach Hagen G. im Flutgebiet eingestellt. „Ausweislich der Akte wurde eine letztmalige Suche nach der vermissten Person am 2.9.2021 durchgeführt“, erklärt Oliver Jutz, Sprecher der Polizei Koblenz, auf Anfrage. Es gebe keine Hinweise darauf, „dass der Vermisste noch leben könnte“. Lediglich sein Portemonnaie sei in Altenahr gefunden worden. „Die Geldbörse wurde nach Rücksprache mit der Tochter der getrennt lebenden Noch-Ehefrau des Vermissten übergeben“, sagt der Polizeisprecher. Die Tochter hatte damals die Vermisstenanzeige aufgegeben.

Auch wenn nicht mehr aktiv nach Hagen G. gesucht wird, fahndet die Polizei europaweit nach ihm. Denn G. gilt offiziell weiterhin als vermisst, solange er nicht für tot erklärt wird. Das kann nur seine Familie beantragen – und die scheint immer noch ein Fünkchen Hoffnung zu hegen. Auch fünf Jahre nach der Todesflut.