Rheda-Wiedenbrück (NRW) – Eine Serie von Raubüberfällen hält die Region in Atem. Aleda Y. (20) ist sich dessen bewusst, als sie sich am 26. Juli auf den Weg zu ihrer Schicht macht. An diesem Sonntag steht die junge Frau mit einem flauen Gefühl im Magen hinter dem Kassentresen einer Tankstelle. Während der gesamten Spätschicht ist die Anspannung spürbar, doch es bleibt zunächst ruhig. Als jedoch nur noch vier Minuten bis Mitternacht und damit bis zum Schichtende fehlen, steht er plötzlich vor ihr – und spannt den Hahn seiner Pistole.
„Als ich das Klicken der Waffe vernahm, schoss mir durch den Kopf: Jetzt ist Schluss“, erinnert sich Aleda. Noch immer sichtlich mitgenommen, steht sie dennoch wieder hinter dem Tresen der Markant-Station in Rheda-Wiedenbrück (Nordrhein-Westfalen): „Er hielt die Pistole direkt auf mein Gesicht gerichtet. Dann brüllte er mich an: ‚Komm her!‘“

Die Gefährlichkeit des Nikodem R.
Die Ermittler sind überzeugt: Hinter der Maske steckte Nikodem R. (17). Der als gefährlichster Teenager Deutschlands bekannte Jugendliche soll innerhalb von nur zwölf Tagen sechs Tankstellen sowie ein Wettbüro überfallen haben. Seine Beute laut vorliegenden Informationen: rund 7000 Euro.
Seine polizeiliche Akte weist weitere Delikte auf: Erpressung, Bedrohung, gefährliche Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Drogendelikte und schwerer Diebstahl. Zudem wird ihm nach Informationen eine Sexualstraftat zur Last gelegt. Wie skrupellos der 17-Jährige agiert, zeigt ein weiteres Detail: Noch am selben Abend, bevor er Aleda Y. überfiel, soll der Pole eine andere Tankstelle ausgeraubt haben.

Als Aleda in die Mündung der Pistole blickte, handelte sie instinktiv: Gemeinsam mit ihrem Verlobten, der sie gerade abholen wollte, flüchtete sie aus dem Gebäude. „Wir sind sofort weggerannt, haben im benachbarten Burger King um Hilfe gerufen und den Täter einfach machen lassen. Mir war auf Anhieb klar, dass das kein Anfänger war. Er agierte derart schnell und professionell, das Ganze dauerte nur wenige Sekunden.“

Traumatisierte Opfer als Folge der Taten
Dies deckt sich nach Informationen mit den Erkenntnissen der Polizei, wonach Nikodem R. stets nach einem ähnlichen Schema vorging: Kurz vor Geschäftsschluss betrat er die Räumlichkeiten, lud vor den Augen der Mitarbeiter seine Waffe durch und richtete sie auf deren Köpfe oder Gesichter. Öffnete sich die Kasse nicht schnell genug, soll er mit der Pistole zugeschlagen und mindestens einen Angestellten verletzt haben.
Die brutalen Überfälle hinterlassen jedoch auch psychische Schäden. The Pik besuchte sämtliche Tatorte der Serie, erkundigte sich nach dem Befinden der Betroffenen und erfuhr: Mindestens vier Opfer leiden so stark unter den Ereignissen, dass sie weiterhin arbeitsunfähig geschrieben sind.

Trotz Angst zurück an den Arbeitsplatz
„Mir erging es nicht anders“, berichtet Aleda. „Ich habe nur noch geweint, war zunächst nicht in der Lage, eine Aussage zu machen, und litt unter Panikattacken. Das geht an niemandem spurlos vorbei, wenn man mit einer Waffe bedroht wird. Doch was blieb mir anderes übrig? Ich absolviere eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau und bin auf den Minijob an der Tankstelle angewiesen. Also habe ich weitergemacht, obwohl mir bewusst war, dass ein Räuber sein Unwesen treibt.“
In den frühen Morgenstunden des Freitags umstellte ein Spezialeinsatzkommando das Elternhaus von Nikodem R. in St. Vit. Punkt 6 Uhr drangen die Elitepolizisten in sein Kinderzimmer ein. Doch der Jugendliche hatte sich kurz zuvor abgesetzt. Sieben Stunden lang verfolgte das SEK ihn durch seinen Heimatort, bis er schließlich in einem Gebüsch entdeckt wurde.
Nur wenige Stunden später befand sich Nikodem R. in Untersuchungshaft und stellt vorerst keine Gefahr mehr dar. „Ich bin erleichtert, dass er gefasst wurde“, sagt Aleda. „Doch die Angst ist damit nicht verschwunden, die Angst bleibt.“

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