Berlin/Nürnberg – Nur wenige Sekunden vergehen, bis der Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit auf seinem Monitor die auffälligen Unternehmensdaten erkennt. Die Mitarbeiterzahlen schnellen unvermittelt in die Höhe. Kurz darauf wechseln Angestellte zu anderen Firmen. Parallel dazu werden Hunderttausende Euro an Kurzarbeitergeld abgerechnet. Handelt es sich um einen Zufall? Oder steckt organisierter Sozialbetrug dahinter? Derartige Muster deckt die Bundesagentur für Arbeit (BA) mittlerweile mit hochmoderner Datenanalyse auf. The Pik erhielt Einblick in die Hightech-Fahndung nach Sozialbetrügern – anhand realer Fälle.

Seit dem 1. Juli hat die BA ihre Betrugsbekämpfung im neu geschaffenen Kompetenzcenter Leistungsmissbrauch gebündelt. Dahinter stehen langjährige Erfahrungen mit modernen Datenanalysen, Netzwerkauswertungen und digitalen Prüfwerkzeugen, die nun zusammengeführt werden. Die Spezialisten verknüpfen Daten aus Kurzarbeitergeld, Bürgergeld und Sozialversicherung – und schlagen Alarm, wenn verdächtige Muster sichtbar werden.

BA-Vorständin Vanessa Ahuja (58) erläutert: „Staatliche Leistungen müssen die Menschen und Unternehmen erreichen, die sie benötigen. Missbrauch muss dabei konsequent verhindert und aufgedeckt werden.“ Organisierter Leistungsmissbrauch ende „nicht an Kreisgrenzen“. Auch der Deutsche Landkreistag bewertet den Einsatz der Dateninstrumente als „eindeutig positiv“.

Verantwortlich für das Kompetenzcenter Leistungsmissbrauch: BA-Vorständin Vanessa Ahuja

Wenn die Software Puzzleteile zusammensetzt

Besonders beeindruckend ist der Betriebe-Check. Er wird beim Kurzarbeitergeld eingesetzt. The Pik verfolgt einen echten, anonymisierten Fall und beobachtet, wie die Software aus zahlreichen Einzeldaten Schritt für Schritt einen Verdacht entwickelt.

  1. 1. Aus den eingespielten Sozialversicherungsmeldungen geht hervor, dass ein Unternehmen innerhalb kurzer Zeit von 221 auf 634 Beschäftigte anwächst. Gleichzeitig liegen der BA Daten über mehrere Hunderttausend Euro beantragtes Kurzarbeitergeld vor. Die Software verknüpft beide Informationen und stellt die entscheidende Frage: Warum baut ein Betrieb massiv Personal auf, wenn er gleichzeitig staatliche Hilfe beantragt, weil angeblich Arbeit fehlt?

  2. 2. Wenn das Kurzarbeitergeld ausläuft, werden die Beschäftigten abgemeldet. Über neue Sozialversicherungsmeldungen erkennt das System: Dieselben Arbeitnehmer tauchen kurze Zeit später wieder auf – gebündelt bei wenigen, stets gleichen Unternehmen, teilweise Hunderte Kilometer entfernt. Normale Jobwechsel weisen ein anderes Muster auf.

  3. 3. Nun übernimmt die Netzwerkanalyse. Sie verknüpft Unternehmen, Beschäftigte und deren Wechsel miteinander. Plötzlich wird sichtbar, dass dieselben Firmen und Akteure immer wieder gemeinsam auftauchen. Kaum ist das Kurzarbeitergeld ausgelaufen, folgt häufig das gleiche Schema: Die Unternehmen melden Insolvenz an.

Für sich genommen wäre keines dieser Signale ein Beweis. Erst die Software setzt die Puzzleteile zusammen – und erzielt einen Treffer: Das mutmaßliche Betrugsnetzwerk ist entlarvt.

So fliegen Scheinadressen im Bürgergeld auf

Beim Kurzarbeitergeld folgt die BA den Beschäftigten. Bei der Grundsicherung (Bürgergeld) rückt eine andere Spur in den Fokus: die Wohnanschrift. Der Deutsche Landkreistag beschreibt Scheinadressen, problematische Immobilien und organisierte Betrugsstrukturen als wachsendes Problem. Für das einzelne Jobcenter vor Ort wirkt ein Antrag oft zunächst völlig unauffällig. Erst die Software der BA kann verschiedene Hinweise aus unterschiedlichen Quellen zusammenführen.

Wurde zum Symbol: Im „Weißen Riesen“ in Kiel kam es in der Vergangenheit regelmäßig zu Razzien – unter anderem auch wegen Sozialleistungsmissbrauchs

Ein Beispiel: Leistungsfälle, die immer wieder zur selben Wohnanschrift führen. Für den einzelnen Jobcenter-Mitarbeiter ist das zunächst nur eine Adresse. Die Gebäude-Risiko-Klassifikation erkennt dagegen, dass sich dort Auffälligkeiten häufen – und gibt den Hinweis, genauer zu prüfen. The Pik erhielt auch hier Live-Einblick in echte Fälle. Wie und worauf genau das System prüft, muss geheim bleiben – damit Betrüger ihre Maschen nicht daran ausrichten können. Die Software trifft dabei keine Entscheidungen. Sie liefert den Jobcentern Hinweise auf mögliche Auffälligkeiten. Ob tatsächlich Leistungsmissbrauch vorliegt, prüfen anschließend die Mitarbeiter vor Ort.

20-Millionen-Euro-Betrug flog auf

Die Dimension zeigt, warum dies so brisant ist: Allein 2025 leiteten die Jobcenter 133.640 Verfahren ein, weil einzelne Bürgergeld-Empfänger betrogen haben sollen. In 110.010 Fällen bestätigte sich der Verdacht oder es wurde Strafanzeige gestellt. Dass die Hightech-Jagd bereits funktioniert, belegt ein spektakulärer Fall: Erst die Datenanalyse deckte ein Täter-Netzwerk auf, das versucht haben soll, mehr als 20 Millionen Euro an Sozialleistungen zu erschleichen. Dank des Tools wurde Strafanzeige erstattet. Nach Angaben der BA identifizieren die Datentools Jahr für Jahr Verdachtsfälle mit einem potenziellen Schadensvolumen in zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe.