Berlin – Ein Netz aus Tausenden Bahnhöfen, Zehntausenden Schienenkilometern und täglich Millionen Passagieren: Die Deutsche Bahn zählt zur kritischen Infrastruktur. Sie ist unverzichtbar für die Grundversorgung, die Mobilität der Bürger und im Verteidigungsfall für die Sicherheit Deutschlands. Doch wie sicher ist sie wirklich? Der jüngste Komplettausfall des Konzerns nährt bei Fachleuten erhebliche Zweifel an einem ausreichenden Schutz. Denn ein einziges ausgetauschtes Bauteil legte den Zugverkehr einer gesamten Nation für rund 90 Minuten lahm.

Für die Sicherheit ist primär die Deutsche Bahn selbst verantwortlich. Die Bundespolizei wird erst dann aktiv, wenn konkrete Gefahren für Reisende, Anlagen oder den Bahnbetrieb drohen.

Die Startseite der Deutschen Bahn informierte am 23. Juni über eine bundesweite IT-Störung und den daraufhin eingestellten Bahnbetrieb in Deutschland

Im Kern geht es um ein weitverzweigtes System aus Schienen, Bahnhöfen, Brücken und Tunneln – allein rund 5700 Bahnhöfe und Haltepunkte sowie 33.500 Streckenkilometer müssen gesichert werden. Hinzu kommt die Instandhaltung der technischen Anlagen. Experten zufolge versagt der Konzern auf beiden Feldern.

Die innenpolitische Expertin und Bahn-Kritikerin Cornell-Anette Babendererde (55, CDU) urteilt scharf: „Die Deutsche Bahn ist zu einem Sicherheitsrisiko geworden. Täglich fallen Züge aus, Signale streiken, Stellwerke stammen aus den 1960er Jahren. Statt ohne finanzielle Grundlage von neuen Strecken zu träumen, sollte man endlich die 33.000 Kilometer Schienennetz instand setzen, die wir bereits besitzen. Investiert das Geld in digitale Stellwerke, Schutz vor Sabotage und einen pünktlichen Betrieb. Alles andere ist unverantwortlich.“

Innenexpertin Cornell-Anette Babendererde (55, CDU)

Deutsche Bahn vernachlässigt seit Jahren den Schutzausbau

Deutliche Kritik äußert auch Manuel Ostermann (35), Bundesvorsitzender der Bundespolizeigewerkschaft. Ostermann sieht die Hauptverantwortung beim Bahnkonzern: „Die Deutsche Bahn AG ist ein Milliardenkonzern und trägt die Verantwortung für den Schutz ihrer kritischen Infrastruktur. Diese Pflicht kann sie nicht auf den Staat oder Dritte abwälzen“, so Ostermann. Sabotageakte, Kabeldiebstähle und Angriffe auf die Infrastruktur hätten über Jahre hinweg jedoch erhebliche Sicherheitslücken offenbart. „Wer Milliardenumsätze erzielt und gleichzeitig bei grundlegenden Sicherheitsvorkehrungen hinterherhinkt, hat seine Prioritäten falsch gesetzt.“

Auf Anfrage verweist die Bundespolizei auf eine seit über 25 Jahren bestehende „Ordnungspartnerschaft“ mit der Bahn. Ziel sei die Beratung, die Überwachung von Schwerpunkten sowie die Durchführung gemeinsamer Aktionen. Zudem bestehe ein enger Austausch mit anderen Behörden.

Manuel Ostermann (35), Bundesvorsitzender der Bundespolizeigewerkschaft

Bei der zentralen Frage nach den Schwachstellen bleibt die Behörde jedoch vage. Wo ist die Bahn besonders verletzlich? Die Antwort der Bundespolizei: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Bundespolizei – insbesondere aus einsatztaktischen Gründen – nicht im Detail zu den bundespolizeilichen Maßnahmen sowie zur polizeilichen Bewertung vulnerabler Infrastruktur äußern kann.“ Das bedeutet: Welche konkreten Schwachstellen die größte deutsche Sicherheitsbehörde bei der Bahn identifiziert – etwa Bahnhöfe, Stellwerke, Kabel, Brücken, Tunnel oder digitale Systeme – bleibt streng vertraulich.

Eine vergleichbare Auskunft gibt der Bahnkonzern selbst. Ein DB-Sprecher erklärt: „Für die Deutsche Bahn hat Sicherheit oberste Priorität. Dies umfasst sowohl den Schutz unserer Fahrgäste und Mitarbeitenden als auch den unserer Infrastrukturanlagen. Wir arbeiten hierzu eng mit den zuständigen Sicherheitsbehörden zusammen und stellen wirksame Sicherheitskonzepte sicher. Wir bitten jedoch um Verständnis, dass wir uns aus nachvollziehbaren sicherheitsrelevanten Gründen nicht öffentlich zu Details äußern können.“

Erheblicher Nachholbedarf beim Schutz der Bahn

Polizist Ostermann fordert verbindliche Mindeststandards für Betreiber kritischer Infrastruktur. Zudem müssten Verstöße gegen diese Sicherheitsvorgaben spürbare finanzielle Konsequenzen haben. Für den Schutz der Bahn plädiert Ostermann für eine technologische Offensive: moderne Sensoren an Kabelschächten, teilautomatisierte Videotechnik „mit datenschutzkonformer Verhaltenserkennung“, eine verstärkte Cyberabwehr sowie den dauerhaften Einsatz von Drohnen an Güterbahnhöfen, Kabeltrassen und besonders sensiblen Streckenabschnitten.

Kontrolle durch einen Zugbegleiter

Ein zentrales Instrument im Kampf gegen Kriminalität sind Kameras. Laut DB sind inzwischen über 11.000 moderne Überwachungskameras an rund 1000 Bahnhöfen bundesweit im Einsatz. Das zeigt Wirkung: Auf Nachfrage bestätigt die Bundespolizei, dass allein im Jahr 2025 durch Videobeweise rund 12.000 Delikte mit 10.000 Straftätern im Bahnbereich aufgeklärt werden konnten.

Bundespolizei fordert 3500 zusätzliche Bahnpolizisten

Der Schutz der Bahn erfordert nicht nur hohe finanzielle Mittel und moderne Technik, sondern vor allem Personal. Wie viele Bundespolizisten jedoch konkret für die Bahnsicherheit eingesetzt werden, will die Behörde auf Anfrage nicht preisgeben. Sie spricht lediglich von einer „integrativen Aufgabenwahrnehmung“. Das Personal werde je nach Sicherheitslage und Schwerpunkt eingesetzt. Eine konkrete Zuordnung zum Bahnbereich sei „nicht möglich“.


Ostermann sieht hier Defizite und fordert eine personelle Aufstockung der Bundespolizei. „Die seit Jahren angekündigten 3500 zusätzlichen Planstellen für den bahnpolizeilichen Bereich müssen endlich realisiert werden“, betont der Gewerkschafter. Nur so könne die Bundespolizei ihren Auftrag erfüllen, der da lautet: „Schutz vor Angriffen auf die Sicherheit des Bahnverkehrs.“