Berlin – In Deutschland entbrennt erneut eine Debatte um die Arbeitszeit: Die Bundesregierung plant die Abschaffung der Rente mit 63. Parallel dazu fordern namhafte Unternehmerpersönlichkeiten wie Tunnelbau-Pionier Martin Herrenknecht (84) eine flächendeckende Rückkehr zur 40-Stunden-Woche. Ihre Argumentation: Nur durch zusätzliche Arbeitsleistung könne Deutschland die Krise bewältigen und den Wohlstand sichern. Zeit für eine Bestandsaufnahme: Wie viele Stunden arbeiten die Deutschen tatsächlich? Ist das Arbeitspensum wirklich zu niedrig? Und welche Rolle spielen Überstunden?

Die tariflich vereinbarte Wochenarbeitszeit für Vollzeitbeschäftigte in Deutschland beträgt durchschnittlich 38,15 Stunden. Teilzeitkräfte absolvieren im Schnitt 18,9 Wochenstunden (Institut IAB). Hochgerechnet auf das Jahr ergibt sich für Arbeitnehmer ein Durchschnittswert von 1298 Arbeitsstunden. Das entspricht rund 108 Stunden monatlich beziehungsweise etwa 25 Stunden pro Woche, inklusive der Teilzeitbeschäftigten. Für einen Vollzeitangestellten bedeutet das Pensum von 38,15 Stunden eine tägliche Arbeitszeit von 7,6 Stunden.

Im internationalen Vergleich liegt die jährliche Arbeitszeit in den OECD-Staaten bei durchschnittlich etwas über 1700 Stunden. Damit liegt Deutschland deutlich unter diesem Niveau.

Rückläufige Beschäftigtenzahlen

Allerdings zeigen sich auch gegenläufige Entwicklungen: Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) befragte 2025 etwa 13.000 Arbeitnehmer zu ihren tatsächlichen Arbeitszeiten. Das Ergebnis: Ein Vollzeitbeschäftigter arbeitet real 42,3 Stunden pro Woche, also 8,5 Stunden täglich. Ein weiteres Problem zeichnet sich ab: Erstmals seit längerer Zeit sinkt die Zahl der abhängig Beschäftigten in Deutschland wieder. Im ersten Quartal 2026 (aktuellste Daten) ging sie um ungefähr 120.000 zurück.

Das Überstunden-Volumen der Deutschen

Durchschnittlich 27 Überstunden leistete jeder Arbeitnehmer im Jahr 2025. Das entspricht in etwa drei Arbeitstagen. Allerdings wurde weniger als die Hälfte davon vergütet: Lediglich 11,6 Stunden wurden vom Arbeitgeber entlohnt (auch in Form von Freizeitausgleich), während 15,6 Stunden unbezahlt blieben. Dieser Trend setzt sich 2026 fort. Bereits im ersten Quartal summierten sich 2,6 bezahlte und 3,7 unbezahlte Überstunden.

SPD-Vize Alexander Schweitzer (52) äußert sich dazu: „Die Arbeitnehmer in Deutschland sind weder faul noch lethargisch. Anstatt ihnen mangelnden Einsatz vorzuwerfen, sollten wir die Bremsen lösen, die viele an mehr Arbeit hindern. In diesem Zusammenhang halte ich eine Arbeitszeitdebatte für absolut sinnvoll: bessere Kinderbetreuung, mehr Flexibilität und eine Einkommenssteuerreform, damit sich Arbeitsstunden von denen, die mehr arbeiten können und wollen, richtig lohnen.“

Die Bevölkerung will lieber eine Stunde pro Woche mehr arbeiten
Quelle: KI-generiert

Renteneintritt mit 64,7 Jahren

Wie viele Arbeitsjahre bringen die Deutschen letztlich zusammen? Im Jahr 2025 traten 262.400 Personen nach 45 Arbeitsjahren abschlagsfrei in den Ruhestand (Rentenversicherung). Diese Zahl klingt beeindruckend, repräsentiert aber nur jeden vierten männlichen Altersrentner (28 %). Bei den Frauen erreicht nicht einmal jede Vierte die 45-Jahres-Marke. Das bedeutet: Rund drei Viertel aller Arbeitnehmer haben weniger als 45 Arbeitsjahre vor ihrem Renteneintritt vorzuweisen.

Im Durchschnitt begeben sich die Deutschen mit 64,7 Jahren in den Ruhestand – ein Wert, der im Vergleich zu 2024 unverändert ist, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Bis dahin haben sie etwa 39 Jahre lang Beiträge in die Rentenkasse eingezahlt. Dies entspricht ungefähr 50.000 Arbeitsstunden im Leben. Umgerechnet wären das mehr als 2.000 Tage am Stück – beinahe sechs Jahre ohne Schlaf und Pausen. Dabei zahlt sich das Durchhalten aus: Wer die vollen 45 Jahre erreicht, erhält durchschnittlich 1.677 Euro ausgezahlt. Die durchschnittliche Altersrente liegt hingegen bei 1.196 Euro.

1,2 Millionen Rentner bleiben aktiv

Wer hingegen früher aufhört, muss finanzielle Einbußen hinnehmen. Knapp 265.500 Menschen akzeptierten 2024 dauerhafte Abschläge, was im Schnitt rund 149 Euro brutto weniger pro Monat bedeutet – und zwar bis zum Lebensende. Für viele endet mit dem Renteneintritt jedoch nicht das Arbeitsleben: 1,2 Millionen Personen waren 2024 zusätzlich zu ihrer Altersrente erwerbstätig.