Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) – Zwei Schwestern, kaum gegensätzlicher könnten sie sein – und doch eint sie so vieles: das äußere Erscheinungsbild, die Haarpracht, die Art zu sprechen, die Liebe zu Pferden und selbst die Begeisterung für Tätowierungen. Nahezu acht Jahre lang haben sie einander nicht gesehen. Nun sitzt die eine auf der Anklagebank. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, den achtjährigen Fabian aus Güstrow mit sechs Messerstichen getötet und seinen Körper anschließend mit Grillanzünder in Brand gesteckt zu haben: Gina H. (30). Die andere nimmt auf dem Zeugenstuhl Platz – und vermag ihre Tränen kaum zu unterdrücken. Auch wegen einer tief zerrütteten Familiengeschichte, wie sich herausstellt.

Die jüngere Schwester (28) möchte ihre Aussage lieber unter Ausschluss der Öffentlichkeit machen. Doch ihre Argumentation vermag das Gericht nicht zu überzeugen, Zuschauer und Pressevertreter dürfen im Saal bleiben. Beim Betreten des Raumes sucht sie kurz den Blick ihrer Schwester. Gina H. lässt ihre Augen länger auf ihr verweilen. Als direkte Angehörige hätte die 28-Jährige das Recht, die Aussage zu verweigern. Deshalb fragt Richter Holger Schütt: „Möchten Sie aussagen?“ – „Ja“, erwidert sie leise, aber gefasst. „Ich hätte allerdings die Bitte, dass die Presse meinen Namen nicht nennt.“ Anschließend beginnt sie ihre Schilderungen, die einen schonungslosen Einblick in eine von Lügen und Spannungen geprägte Familienvergangenheit gewähren.

„Eure Mutter will euch nicht sehen“

Die Schwester berichtet von der gemeinsamen Kindheit in Niedersachsen. „Auf dem Papier haben wir denselben Vater“, erklärt sie. Gina H. wirkt fassungslos und lacht leise vor sich hin. Eines Abends, vermutlich 2004 oder 2005, als beide Mädchen im Grundschulalter waren, kamen sie nach Hause – doch die Tür war verschlossen. Kein Schlüssel, niemand öffnete. Nachbarn alarmierten schließlich die Feuerwehr. Ihre Mutter lag regungslos in der Wohnung.

Die Geschwister wuchsen in Reimershagen auf

„Es hieß immer nur, sie war krank“, erinnert sich die Schwester. Noch am selben Tag brachte man die beiden zu den Großeltern nach Reimershagen in Mecklenburg-Vorpommern, wo sie fortan lebten. „Es war ein ganz normaler Alltag. Wir gingen zur Schule, hatten etwas zu essen auf dem Tisch und konnten reiten gehen“, erzählt sie. Ein normales Leben – nur eben ohne die Mutter. „Sie kam dann mal zum Geburtstag vorbei, zu Weihnachten, zu Ostern. In den Ferien schaute sie auch mal vorbei“, so die Zeugin. Und weiter: „Unsere Großmutter hat immer gesagt: Eure Mutter will euch nicht sehen.“

„Unser Leben war auf eine Lüge aufgebaut“

Zur Mutter habe sie dagegen gesagt: „Die Kinder wollen gar nicht mehr zu dir, du kannst sie sowieso nicht großziehen, du hast kein Geld.“ Zudem habe man der Mutter Alkohol- und Drogenprobleme vorgeworfen. Erst viel später sei ans Licht gekommen, dass ihre Mutter vermutlich schwer an Krebs erkrankt war. „Unser ganzes Leben war auf diese eine Lüge aufgebaut“, sagt die Schwester.

Die Warteschlange am Landgericht Rostock war vor der Aussage der Schwester von Gina H. lang

„Wir waren eher Freunde als Geschwister“

In der Kindheit verstehen sich die beiden Schwestern prächtig: „Wir sind ja nur 1,5 Jahre auseinander, deshalb haben wir eigentlich alles gemeinsam gemacht.“ Gina H.s sonst eher emotionslose Miene wirkt für einen Augenblick traurig. „Irgendwann waren wir eben eher Freunde als Geschwister. Wir hatten schon einen guten Draht zueinander“, sagt die Zeugin. Dennoch sind die Schwestern auch grundverschieden. Während Gina H. in der Schule als Einzelgängerin gilt und nur wenige Freunde hat, umgibt sich die Jüngere mit vielen Leuten. Als Teenager habe ihr Großvater plötzlich verkündet: „Wir fahren zum Fotografen.“ Das habe sie gewundert, schließlich sollte sie ihre Reitkleidung anziehen. Tatsächlich sahen sich Großvater und Enkelin ein Pferd zum Kauf an. „Das war wie Liebe auf den ersten Blick“, erinnert sie sich. Kurz darauf erhielt auch Gina ihr erstes eigenes Pferd.

Mit zunehmendem Alter gehen die Wege auseinander: Die Jüngere zieht mit 18 aus, die Ältere bleibt bei den Großeltern. Die Zeugin schildert, dass sie sich in der Familie immer mehr zurückgesetzt fühlte. „Es war schon immer so, dass ich hinten anstand. Erst kam Gina“, sagt sie. Während die Großmutter ihrer Wahrnehmung nach ihre Schwester bevorzugt habe, sei ihr selbst diese Zuneigung verwehrt geblieben. Die Großmutter „liebt Gina schon wirklich sehr, glaube ich“, so die 28-Jährige. Über ihr eigenes Verhältnis zu ihrer Oma sagt sie: „Von ihr Liebe kenn’ ich persönlich nicht.“

Gina H. schreit: „Hast du einen Dachschaden?“

Gina H. beginnt eine Ausbildung zur Autolackiererin, bricht diese jedoch ab. Sie habe ihr damals erzählt, „dass sie keine Lust zu arbeiten hat, dass das alles doof ist und die ganze Lebenszeit verloren geht“. Sie müsse einen anderen Weg finden, „um nicht zu arbeiten“.

Da platzt es im Verfahren aus Gina H. heraus, die sonst eher schweigsam ist. „Hast du einen Dachschaden oder was?“, brüllt sie ihre Schwester im Gerichtssaal an. Richter Holger Schütt greift sofort ein. „Das ist die erste und letzte Verwarnung für Sie. Ich möchte mich nicht wiederholen.“ An die Zeugin gerichtet sagt er: „Auch Sie lassen sich bitte nicht provozieren.“

Der Richter ermahnte die Angeklagte, als sie plötzlich laut wurde

Nahezu zeitgleich werden die Schwestern Mütter. Einmal reiten sie aus, die Großmutter soll auf die Kinder aufpassen. „Als wir nach Hause kamen, habe ich schon von weitem gehört, dass ein Kind bitterlich schreit. Meine Großmutter lief mit dem schlafenden Kind von Gina im Arm durchs Haus. Mein Kind lag auf dem Boden und schrie, der Hund stand über ihm“, berichtet die Zeugin. Die Großmutter habe daraufhin gesagt: „Was geht mich dein Kind an?“ Als sie widersprach, habe die Großmutter ihr in die Augen geschaut und gesagt: „Pack’ deine Taschen und geh’, ich will dich nie wiedersehen.“

Angeklagte war liebevoll zu ihrer Schwester

Zunächst hielten die Schwestern weiterhin Kontakt. Doch auch dieser sei vor etwa acht Jahren abgebrochen. Gina H. habe Angst gehabt, dass die Großmutter „ihr den Geldhahn zudreht“, falls sie weiterhin mit ihr in Verbindung bleiben würde. Außerdem habe sie selbst wieder Kontakt zur gemeinsamen Mutter aufgenommen – auch das habe Gina H. offenbar nicht toleriert.

Die Pferde der Angeklagten

Die Schwester beschreibt Gina H. als einen Menschen, der durchaus liebevoll sein konnte – solange alles nach ihren Vorstellungen lief. „Zu mir war sie ein liebevoller Mensch, es sei denn, es hat ihr etwas nicht in den Kram gepasst“, sagt sie. Gina H. habe stets im Mittelpunkt stehen wollen, habe Aufmerksamkeit gesucht und sie schlechtgemacht.

Opa antwortete auf keinen Brief

Irgendwann gibt die Schwester den Kontakt zu Gina H. endgültig auf. Ganz loslassen kann sie ihre Familie dennoch nicht. „Es sind meine Großeltern, das kann ich nicht ändern“, sagt sie. „Und sie ist nun mal auch meine Schwester, das kann ich auch nicht ändern.“

Was der 28-Jährigen bleibt, ist die Sehnsucht nach einer Person aus ihrer Kindheit: ihrem Großvater. Einer der wenigen Menschen, von denen sie sich geliebt fühlte. „Ich habe Opa jedes Jahr zu seinem Geburtstag einen Brief geschrieben“, sagt sie und bricht in Tränen aus. „Hat er geantwortet?“, fragt Christine Habetha, die Anwältin von Fabians Mutter. Gina H.s Schwester schüttelt nur stumm den Kopf.