Ingolstadt (Bayern) – Ein halbes Jahr lang bereiteten sich Polizei und Zoll auf den großen Schlag vor. 500 Einsatzkräfte standen in den Startlöchern. Kurz vor dem Ziel drohte die Aktion zu scheitern – bis die Ermittler durch einen glücklichen Zufall doch noch Erfolg hatten: Sie trieben bei einem Roma-Clan aus dem Rhein-Main-Gebiet Steuerschulden von fast einer halben Million Euro ein.
Am 4. Juli hat der Clan C. aus Hessen zur Hochzeit in den Eventpark von Ingolstadt geladen. Während der Edel-Caterer Feinkost Käfer noch die Delikatessen anliefert, treffen nach und nach Luxuskarossen und Supersportwagen ein. Festlich gekleidete Gäste steigen aus. Was sie nicht ahnen: Die Ermittlungsgruppe „Avalon“ der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt hat sich heimlich unter die Gäste gemischt. Das Interesse der Staatsanwälte, Polizisten, Steuer- und Zollfahnder gilt vor allem dem Bräutigam Marco C.

Ermittler wollten Bräutigam pfänden
Staatsanwalt Fikret Yildiz erklärt auf Anfrage: „Bei der Generalstaatsanwaltschaft … werden im Ermittlungskomplex ‚Avalon‘ … eine Vielzahl von Verfahren gegen kriminelle Mitglieder unter anderem von Großfamilien mit südosteuropäischen Bezügen geführt.“ Es gehe um gewerbsmäßigen Sozialleistungsbetrug, betrügerischen Fahrzeughandel, Steuerhinterziehung, Urkundenfälschung und Geldwäsche. „Gegen zwei … rechtskräftig Verurteilte aus diesem Personenkreis bestehen gerichtliche Einziehungsentscheidungen wegen Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit KFZ-Handel und des Sozialleistungsbetrugs in Höhe von über 360.000 Euro sowie von über 20.000 Euro.“
Dann erfuhren die Ermittler von der geplanten Hochzeit. Yildiz: „Hierbei lagen … Anhaltspunkte dafür vor, dass die Verurteilten nicht unerhebliche Vermögenswerte präsentieren würden und es zur Übergabe nennenswerter Bargeldbeträge und sonstiger Vermögenswerte kommen würde.“

Warnte eine auffällige Zollkontrolle den Clan?
Bis kurz vor dem Fest gelang es dem Clan, den Veranstaltungsort geheim zu halten. Mehrere bayerische Polizeipräsidien waren deshalb in erhöhter Alarmbereitschaft. Letztlich fand die Feier im Zuständigkeitsbereich des Präsidiums Oberbayern Nord statt, dessen Kripo-Chef Bernd Dominik den Einsatz leitete. Und der verlief zunächst denkbar ungünstig.
Der Zoll hatte an der A9 eine Kontrollstelle eingerichtet. Ein Polizist: „Das war alles andere als geschickt. Wann führt der Zoll schon mal eine solche Kontrolle durch und dann noch an einem Samstag? Offenbar wurde auch ein Familienangehöriger in einem Lamborghini kontrolliert. Unsere Klientel ist nicht dumm und wurde dadurch womöglich gewarnt.“

Denn plötzlich meldeten Observationstrupps am Eventpark, dass ein Großteil der Hochzeitsgäste noch vor dem offiziellen Beginn der Feier eilig das Weite suchte. Zu diesem Zeitpunkt war die Hauptmacht der Polizei noch auf dem Weg zur Razzia. Die Einsatzleitung brach den Großeinsatz daraufhin ab.
Fahnder stellen gefälschte Goldmünzen sicher
Ganz ohne Ergebnis blieb die Aktion dennoch nicht: Die Ermittler entdeckten Marco C. versteckt in einem Treppenhaus. Kurzerhand wurden einige Einsatzkräfte zurückbeordert. Der Staatsanwalt: „Insgesamt stellten die Ermittlungsbehörden etwa 190.000 Euro Bargeld, ca. 115 Goldmünzen, mehrere Uhren der Marke Rolex und ein hochwertiges Fahrzeug der Marke Rolls-Royce sowie Schmuck und Wertgegenstände sicher.“ Die Fahrt des Brautpaares mit der Luxuslimousine in die Hochzeitsnacht fiel aus. Und einige der Goldmünzen entpuppten sich als Fälschungen ...

Wie weiter zu erfahren war, nutzte Marco C. danach einen auffälligen 5er-BMW. Am 29. Juli wurde ihm das Fahrzeug während einer Landpartie mit seiner Braut durchs idyllische Voralpenland regelrecht unter dem Hintern weggepfändet.


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