Osnabrück (Niedersachsen) – Tag für Tag sucht er den Schlosspark auf, sitzt allein unter den stattlichen Laubbäumen. Stets dabei: seine zwei großen Plastiktüten. Die eine enthält Lebensmittelspenden der Tafel, die andere Kleidung. Es ist der gesamte Besitz von Ali (33). Mehr als das Leben kann ihm niemand nehmen. Und selbst das hätte er beinahe eingebüßt: Der Obdachlose wurde von zwei Jugendlichen fast zu Tode geprügelt – offenbar aus bloßem Vergnügen. Die Täter filmten die Gewalttat sogar.

Als wir Ali unter „seinem“ Baum im Schlosspark von Osnabrück (Niedersachsen) treffen, liegt der brutale Überfall bereits vier Wochen zurück. „Mein ganzer Kopf schmerzt noch“, sagt er leise. Sein linkes Auge ist immer noch blutunterlaufen. Über die Augenbraue zieht sich eine mit mehreren Stichen genähte Platzwunde. Nach zahlreichen Frakturen im Kopfbereich ist sein Gesicht noch geschwollen.

In der Nacht zum 20. Juni wurde der Äthiopier auf der Einkaufsmeile unvermittelt von einem 16-Jährigen attackiert. Der Jugendliche zertrümmerte ihm mit einer Bierflasche das Gesicht. Als Ali zu Boden stürzte, schlug und trat er weiter auf den Obdachlosen ein. Ein 18-Jähriger hielt alles mit dem Handy fest.

Ausschnitt aus dem Video der mutmaßlichen Täter: Ali liegt am Boden, ein Jugendlicher schlägt ihm immer wieder mit der Faust ins Gesicht

„Ich dachte, ich sterbe!“

„Ich habe nicht mit einem Angriff gerechnet“, sagt Ali heute. „Ich stand doch nur da und trank mein Bier.“ Plötzlich tauchten diese jungen Leute auf, provozierten, kamen auf ihn zu. Dann traf ihn auch schon die Flasche im Gesicht. „Ein furchtbarer Schmerz durchfuhr mich, als ich zu Boden ging … und danach hat der eine mit Fäusten und Füßen auf meinen Kopf eingeschlagen … Ich dachte, ich sterbe!“

Und weiter: „Ich verlor das Bewusstsein und wachte erst im Krankenhaus wieder auf.“ Lange konnte er auf dem linken Auge kaum sehen. Wie viele Tage er in der Klinik verbrachte, weiß er nicht: „Einige …“

„Ich kenne keinen der Jungen!“

Ali berichtet, er sei in Äthiopien „Händler für alles Mögliche“ gewesen. Vor neun Jahren kam er nach Deutschland, schläft meist in einer Sozialstation und mitunter auch im Park. Menschen aus der afrikanischen Gemeinschaft beschreiben ihn als stillen Einzelgänger – einen Mann, der niemandem etwas zuleide tut. „Nie aggressiv, immer zurückhaltend. Wir denken auch alle, dass er traumatisiert ist, weil er sich jetzt noch mehr zurückzieht“, sagt ein Somalier aus der Gemeinschaft. Er fügt hinzu: „Manchmal gehe ich zu ihm, streichle und umarme ihn. Er tut mir leid.“ Und Ali? Bei ihm bleibt vor allem eine Frage: „Ich kenne keinen der Jungen, habe auch niemandem etwas getan. Warum aber schlugen sie mich?“

Mutmaßlicher Schläger im Urlaub mit Eltern

Nur wenige Stunden nach Bekanntwerden des Prügel-Videos schritt die Polizei ein: Beim mutmaßlichen Videofilmer (18) fand eine Hausdurchsuchung statt. Handys und weitere Beweismittel wurden sichergestellt. Nach Informationen ist der Tatverdächtige Deutscher. Polizeisprecher Jannis Gervelmeyer erklärt: „Wir können bislang einen Teilerfolg vermelden.“ Denn: Der mutmaßliche Schläger (16) aus Moldawien konnte bislang weder vernommen noch durchsucht werden. Er befindet sich nach Informationen derzeit mit seinen Eltern im Urlaub.

Ermittelt wird weiterhin wegen gefährlicher Körperverletzung. Aus Ermittlerkreisen erfuhr The Pik, dass Täter und Opfer sich vorher nicht kannten. Die Staatsanwaltschaft wird am Donnerstag erneut prüfen, ob der Tatvorwurf auf versuchtes Tötungsdelikt ausgeweitet wird.