Rostock – Ein Bild zeigt zwei sehr unterschiedliche Freundinnen bei einem gemeinsamen Ausflug: Die eine reitet auf einem Pferd, die andere sitzt im Rollstuhl. Sie wirken vertraut und unbeschwert. Jetzt trafen sie sich nach Monaten erstmals wieder – vor dem Richter. Die Reiterin ist Gina H. (30), die des Mordes an Fabian (✝︎8), dem Sohn ihres Ex-Partners, angeklagt ist. Die andere ist eine zentrale Zeugin: ihre Nachbarin Heike M. (52). Sie brachte Gina H. zur Leiche des Jungen. Ihr Urteil: „Gina ist nicht unschuldig.“

Rund 210 Minuten lang sagte die dreifache Mutter aus Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern) am Donnerstag vor dem Landgericht Rostock aus. Unter Tränen schilderte sie den 14. Oktober 2025, der ihr Leben radikal veränderte. Aber auch, wie sie von ihrer vermeintlich besten Freundin manipuliert, missbraucht und getäuscht wurde. Nach der Verhandlung sprach Heike M. Weiß sie, was Gina H. zu der unfassbaren Tat trieb? Und wie begann ihre Freundschaft?

Heike M. im Gespräch
Heike M. im Gespräch

„Wir waren Nachbarn, so ergab sich das. Wie das eben ist“, erzählt die Frührentnerin. Sie unterhielten sich über ihre Kinder. Gina H. ist selbst Mutter eines Sohnes. Später kamen Ginas Probleme mit Matthias R., Fabians Vater, zur Sprache. „Wir standen uns bei.“

Während Heike M. auf dem Flohmarkt Sachen verkaufte, passte ihre Freundin Gina H. auf ihren Hund auf. Das Foto entstand im Herbst 2024, rund ein Jahr vor Fabians Tod
Während Heike M. auf dem Flohmarkt Sachen verkaufte, passte ihre Freundin Gina H. auf ihren Hund auf. Das Foto entstand im Herbst 2024, rund ein Jahr vor Fabians Tod

Dann kam der 14. Oktober. Heike M. erinnert sich: „Ich schlief, als mein Telefon klingelte. Gina sagte: Wir haben ihn gefunden. Er ist tot. Das war wie ein Schlag.“ Aber sie habe dies mit einer solchen Gelassenheit mitgeteilt, fast emotionslos. „Das hat mich umgehauen.“

Fabian wurde nur acht Jahre alt. Heike M.: „Ich habe ihn nur ein paar Mal getroffen, er hat immer gestrahlt. So werde ich ihn in Erinnerung behalten“
Fabian wurde nur acht Jahre alt. Heike M.: „Ich habe ihn nur ein paar Mal getroffen, er hat immer gestrahlt. So werde ich ihn in Erinnerung behalten“

In der Nacht zuvor hatte Gina H. einen Kumpel und einen befreundeten Jäger zum Tatort geführt. Doch keiner rief die Polizei. Warum? Unklar. Ihre ehemalige Freundin vermutet, dass sie nun mitfahren musste, „weil die anderen beiden den Mund nicht aufgemacht haben“. Sie glaubt: „Ich war ihr Notnagel, die letzte Station.“ Und eine Art Entlastungszeugin? Das bleibt offen.

Warum fuhr Heike M. überhaupt mit? Sie sagt: „Ich wollte wissen, was da dran ist. Wollte den Fundort sehen, auch aus der Angst, dass wir ihn nicht mehr finden.“ Schon die Fahrt empfand sie als sehr verstörend: „Ich habe versucht, mit Gina zu reden. Sie hat nur geradeaus geguckt und geschwiegen.“

Gina H. wollte Foto von Fabians Leichnam machen

Doch es sollte noch seltsamer werden. Als die beiden an dem Tümpel bei Klein Upahl ankamen, blieb Heike M. mit ihrem Rollator zurück, Gina H. stieg hinab zu Fabians Leichnam. „Vorher fragte sie: Soll ich dir ein Bild machen? Da fiel mir alles aus dem Gesicht!“, erzählt Heike M.: „Wie kann man nur auf die Idee kommen, ein Kind, das so zugerichtet daliegt, fotografieren zu wollen?“

In diesem Tümpel nahe einem Waldgebiet in Klein Upahl (Mecklenburg-Vorpommern) wurde Fabians Leiche gefunden
In diesem Tümpel nahe einem Waldgebiet in Klein Upahl (Mecklenburg-Vorpommern) wurde Fabians Leiche gefunden

Dann endlich alarmierte Gina H. die Polizei: „Wir trafen uns an einer Kreuzung. Immer mehr Autos, immer mehr Leute kamen.“ In diesem Moment erst sei ihr bewusst geworden, dass alles real ist, sagt Heike M. Im Gespräch mit dem Reporter fängt sie an zu weinen, sagt: „Mein letzter Funke Hoffnung, dass Fabian irgendwo in einer Gartenlaube sitzt, ist da weggegangen.“


Das Verhalten ihrer damaligen Freundin kann sie nicht verstehen: „Das war nicht die Gina, die ich kannte. Wenn jemand so was findet, sind doch Emotionen da.“ Aber Gina H. reagierte einfach nicht. Nur als die Polizei ihr Handy beschlagnahmen wollte, da habe sie herumgeschrien, es krampfhaft festgehalten.

Was sie über Ginas Aussagen denkt

Wenig später sagte Heike M. bei der Polizei aus, danach schwieg sie, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Jetzt, ein halbes Jahr nach dem Fundtag, traf sie die mutmaßliche Mörderin vor Gericht erstmals wieder. „Sie hat mich nicht einmal angeguckt. Ich war ihre beste Freundin“, sagt sie leise.

Gina H. – hier mit ihrem Anwalt – steht seit Ende April in Rostock wegen Mordes vor Gericht
Gina H. – hier mit ihrem Anwalt – steht seit Ende April in Rostock wegen Mordes vor Gericht

Während des Prozesses habe sie überlegt, ob sie den Richter bitten solle, Gina etwas zu fragen: „Ich will wissen: Warum hat sie mich da hereingezogen? Und warum hat sie nicht geredet?“ Sie ist sicher: „Wenn man unschuldig ist, dann schweigt man nicht ein halbes Jahr. Ich glaube nicht an ihre Unschuld. Kein bisschen. Sie ist nicht unschuldig. Sie deckt vielleicht jemanden.“

Gina H. schweigt bislang im Prozess zu den schweren Vorwürfen. Und Zeugin Heike M. bleibt auch außerhalb des Gerichts, bei ihrer Sicht, ihren Aussagen.

Das könnte ihr Motiv gewesen sein

Aber was wäre ein Motiv? Die Zeugin: „Eifersucht. Und dann noch das Finanzielle. Für Matthias wäre es mehr Geld. Er braucht ja dann keinen Unterhalt mehr für den Jungen zu zahlen. Und Gina müsste Matthias nicht mehr teilen. Und Dorina, Fabians Mutter, nicht mehr kontaktieren.“ Die Beziehung zwischen Gina H. und Fabians Vater sei toxisch gewesen, so Heike M. weiter. Geprägt von Konflikten, Streitereien, Auseinandersetzungen. Außerdem seien Ginas Pferde bei ihr immer an erster Stelle gewesen.

Fabians Mutter Dorina (31) am Grab ihres ermordeten Kindes
Fabians Mutter Dorina (31) am Grab ihres ermordeten Kindes

Was wünscht sie ihrer ehemals besten Freundin? „Dass sie ihren Sohn nie wiederbekommt und dass sie nie wieder rauskommt“, sagt sie entschlossen. Und Fabians Mutter wünscht sie, dass ihr toter Sohn „nie und nimmer vergessen wird. Ich habe ihr versprochen, dass ich mit ihr zu seinem Grab gehe“.