Aschaffenburg (Bayern) – Im grünen Gefängnisparka wird der Angeklagte im Aschaffenburger Landgericht vorgeführt, die Kapuze über den Kopf gezogen. „Ich hatte immer Angst, dass man mich fassen wird“, sagt Nazmi G. (67) nach­dem ihm die Handschellen abgenommen wurden. Dann gesteht er ein Verbrechen, das inzwischen 42 Jahre zurückliegt. So lange hat G. mit der Schuld gelebt, eine junge Frau getötet zu haben.

Am 30. Juli 1984 hatte der Fußbodenleger Nazmi G. seine Freun­din Maria Köhler (†19) gegen 12.30 Uhr in ihrem Zimmer im Schwesternwohnheim Aschaffenburg aufgesucht. Die Beziehung war gerade in die Brüche gegangen, Maria hatte sich in einen US-Soldaten verliebt und Schluss mit G. gemacht. „Ich wollte nur meine Sachen abholen, es kam zum Streit mit gegenseitigen Belei­digungen und Schlägen“, gestand er jetzt im Gericht. Dann habe er ihren schwarzen Netzschal gegriffen und ihn „im Affekt zugezogen“.

Nach 42 Jahren hat Marias Ex-Freund (heute 67) ihre Tötung gestanden
Nach 42 Jahren hat Marias Ex-Freund (heute 67) ihre Tötung gestanden

Als man die Leiche fand, war der Killer längst in Istanbul

Gleich nach der Tat flog er mit einem One-Way-Ti­cket nach Istanbul, zwei Tage später fand man Marias Leiche in ihrem Zimmer. Die Ermittler hatten schon damals den Verdacht, dass Nazmi G. der Täter ist, doch der lebte da schon versteckt in der Türkei. Der „Fall Maria Köhler“ wurde zum „Cold Case“.

Im Sommer 1998 kehrte Nazmi G. nach Aschaffenburg zurück. 16 Jahre lebte er hier unbehelligt unter falschem Namen, arbeitete wieder als Handwerker. Doch dann bekam er offenbar Angst und ging zurück in seinen Heimatort an der türkisch-syrischen Grenze.

In ihrem Zimmer (Pfeil) im Schwesternwohnheim in Aschaffenburg tötete Nazmi G. seine Freundin Maria Köhler
In ihrem Zimmer (Pfeil) im Schwesternwohnheim in Aschaffenburg tötete Nazmi G. seine Freundin Maria Köhler

Fahndungsplakate in Dönerläden

Wieder passierte jahrelang nichts, bis sich Ende 2024 Altfall-Ermittler den Cold Case erneut vornahmen. Mit modernen Methoden wurden alte Spuren neu bewertet und Aufenthaltsorte rekonstruiert. Nach einer TV-Fahndung bei „Aktenzeichen XY“ wurde der Fußbodenleger im vergange­nen Juli schließlich in der Türkei erkannt. Ermittler Jörg Albert (49): „Wir haben dann dort Fahndungsplaka­te in den Dönerläden aufgehängt und einen verdeckten Ermittler hereingesetzt. Der hat in Gesprä­chen mitbekommen, dass G. jetzt Cemil heißt und man ihn auch weiter nicht kriegen werde …“ Ein Zeuge verriet schließlich die Handynummer des Verdächtigen. G. wurde festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert.

Marias Schwester Christine Porwoll verfolgt als Nebenklägerin den Prozess
Marias Schwester Christine Porwoll verfolgt als Nebenklägerin den Prozess

Bei Mord droht lebenslang, bei Totschlag ist er frei

Entscheidend ist nun, ob das Gericht das 42 Jahre zurückliegende Verbrechen als Mord oder Totschlag wertet. Bei Totschlag wäre die Tat verjährt und G. ein freier Mann, bei Mord droht ihm lebenslange Haft. Deshalb will Oberstaatsanwalt Jürgen Bundschuh dem Ange­klagten nun niedere Beweggrün­de und Heimtücke nachweisen – typische Mordmerkmale. „Er handelte aus ei­ner krassen, übersteigerten Eifersucht, verletzter männli­cher Ehre und aus der Wei­gerung her­aus, die Trennung von Maria Köhler zu akzeptie­ren“, so Bundschuh.

Scheinehe schützte ihn vor Abschiebung

Nach den Ermittlungen führte G. nach seiner Einreise 1978 eine Schein­ehe, um nicht abgeschoben zu werden. Nach der Tren­nung wandte er sich der angehen­den Krankenschwes­ter Maria Köhler zu. Der Oberstaatsanwalt: „Von einer Ehe erhoff­te er sich eine Verlängerung seiner Auf­enthaltserlaubnis.“ Die junge Frau habe ihm tatsächlich einen Heiratsantrag gemacht, sagt der Angeklagte vor Gericht. Als sie sich dann von ihm getrennt habe, sei er zwar „verletzt, aber nicht übermäßig eifer­süchtig“ gewesen.

Für den Mordprozess sind fünf Verhandlungstage bis Ende Juni angesetzt.