Berlin – Millionen kennen ihre Gesichter. Sie stehen im Rampenlicht, sorgen für Schlagzeilen und leben von der Aufmerksamkeit. Doch der Ruhm hat seinen Preis: Hasskommentare, Beleidigungen und sogar Todesdrohungen gehören für viele Reality-Stars zum Alltag. Der Ton im Internet wird zunehmend rauer.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes haben bereits 34 Prozent der 16- bis 74-jährigen Internetnutzer Hassrede auf Webseiten oder in sozialen Netzwerken wahrgenommen – das entspricht etwa 19,6 Millionen Menschen. 2023 lag dieser Wert noch bei 28 Prozent. Besonders betroffen sind jüngere Nutzer: 43 Prozent der 16- bis 44-Jährigen berichten von Hassrede. Im Gespräch schildern die Reality-Stars Gina-Lisa Lohfink (39), Iris Katzenberger (59), Matthias Mangiapane (42) und Calvin Kleinen (34) ihre Erfahrungen mit digitalem Hass.

Matthias Mangiapane (42) erzählt, wie die Angriffe im Netz ihn verändert haben. Er: „Ich bin heute ein anderer Mensch“
Matthias Mangiapane (42) erzählt, wie die Angriffe im Netz ihn verändert haben. Er: „Ich bin heute ein anderer Mensch“

Todesdrohungen gegen Matthias Mangiapane

Besonders hart traf es Matthias Mangiapane während seiner Teilnahme an „Promis unter Palmen“ im Jahr 2020. Er: „Mir wurde mit dem Tod gedroht. Das hat mich sehr getroffen, ich habe viel geweint.“ Zudem wurde er damals als „Frauenhasser“ beschimpft. Doch die Anfeindungen reißen bis heute nicht ab. Als sein Ehemann Hubert Fella (58) im Mai wegen einer Hirnthrombose im Krankenhaus behandelt werden musste, sah sich Mangiapane erneut heftiger Kritik ausgesetzt.

Der Vorwurf: Er sei nicht rund um die Uhr an dessen Krankenbett gewesen. „Die Leute urteilen über Situationen, die sie gar nicht kennen“, sagt der Reality-Star. „Während mein Mann in der Klinik lag, musste ich arbeiten, Geld verdienen und mich um den Haushalt kümmern. Natürlich habe ich Hubert auch besucht, so oft es ging.“

„Aber offenbar war das für manche nicht genug – ich wurde angefeindet.“ Um sich selbst zu schützen, zieht der gelernte Friseur eine klare Grenze zwischen seinem öffentlichen und privaten Leben: „Matthias Mangiapane ist für mich heute eine Kunstfigur. Der Mensch vor der Kamera und die Privatperson sind zwei verschiedene Welten.“

Iris Katzenberger (59) kennt die Schattenseite der Prominenz
Iris Katzenberger (59) kennt die Schattenseite der Prominenz

Über 100 E-Mails gegen Iris Katzenbergers Gartenhütte

Auch Iris Katzenberger kennt die Folgen öffentlicher Hetze. Während der Renovierung einer Gartenhütte auf ihrem Grundstück in Worms (Rheinland-Pfalz) erhielt sie Post vom Bauamt. Grund: Mehr als 100 Beschwerden aus ganz Deutschland gingen dort ein. Ihr wurde unterstellt, illegal zu bauen. Doch damit nicht genug. Während eines Aufenthalts mit ihren Töchtern Daniela (39) und Jenny (33) in einem Wellnesshotel im schweizerischen Bad Ragaz habe der Hoteldirektor zahlreiche Beschwerden und Anrufe erhalten.

„Darin wurde gefragt, wie er solche asozialen Menschen überhaupt beherbergen könne“, berichtet Katzenberger. Solche Vorfälle seien inzwischen keine Ausnahme mehr. Ähnliche Beschwerden würden regelmäßig in Hotels eingehen, in denen sie übernachte. Besonders schlimm wurde es, als ihre Enkelkinder betroffen waren. Iris: „Heimlich aufgenommene Fotos von ihnen in Badebekleidung wurden während eines Familienurlaubs im Internet veröffentlicht.“

Gina-Lisa Lohfink über ihren Erfolg im Reality-Business: „Ich habe viel gelacht, aber auch viel gelitten. Manche Narben verschwinden nie. Viele Menschen haben über mich geurteilt, ohne mich wirklich zu kennen“
Gina-Lisa Lohfink über ihren Erfolg im Reality-Business: „Ich habe viel gelacht, aber auch viel gelitten. Manche Narben verschwinden nie. Viele Menschen haben über mich geurteilt, ohne mich wirklich zu kennen“

Gina-Lisa: „Dieses Gift im Internet ist schlimm“

Gina-Lisa Lohfink kennt die Schattenseiten der Öffentlichkeit seit vielen Jahren. „Dieses Gift im Internet, das ist schlimm“, sagt sie. Zwar habe sie früher noch stärker unter den Kommentaren gelitten, doch kalt lasse sie der Hass bis heute nicht: „Ich bin ja auch ein Mensch. „Sag’s mir doch ins Gesicht!“ Gina wird als „totaler Freak“ bezeichnet, als „hohle Nuss“. Sätze wie „Könnte als Naddel 2 in die Geschichte der Z-Promis eingehen“, liest man auf ihrem Profil.

Lohfink spricht offen darüber, dass sie regelmäßig psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nimmt, nicht nur wegen Hass in der Öffentlichkeit. „Muss ich ja! Das hilft mir. Ich wurde schon immer ausgenutzt, ob von Männern oder Managern. Ruhm hat eben immer eine Schattenseite.“ Eine Konsequenz hat sie für sich gezogen: „Kommentare lese ich nicht mehr.“


Sänger und Entertainer Calvin Kleinen (34) fordert mehr Konsequenzen gegen Beleidigungen und Bedrohungen in sozialen Medien: „Es kann sich doch jeder mit seinem Perso verifizieren, dann wird sicher auch weniger gehetzt.“
Sänger und Entertainer Calvin Kleinen (34) fordert mehr Konsequenzen gegen Beleidigungen und Bedrohungen in sozialen Medien: „Es kann sich doch jeder mit seinem Perso verifizieren, dann wird sicher auch weniger gehetzt.“

Calvin Kleinen: „Man braucht ein dickes Fell“

Auch Mallorca-Star Calvin Kleinen wurde Ziel von Anfeindungen. „Ich wurde als dumm bezeichnet, als Assi. ‚Der wohnt noch bei Mama‘ wurde geschrieben. Alles im Netz.“ Besonders ärgert ihn, dass die meisten Beleidigungen anonym sind: „Wenn mir das jemand auf der Straße sagen würde, da würde ich dem eine vor die Matte hauen.“ Vor allem die Entwicklung der vergangenen Jahre beobachtet er mit Sorge.

„Es wird definitiv immer extremer. Früher gab es auch Kommentare, aber mittlerweile ist es fast selbstverständlich geworden, ständig zu kritisieren. Manche Leute scrollen durch ihre Timeline und kommentieren alles Mögliche. Das scheint für einige eine Art Ventil zu sein, um ihre eigene Unzufriedenheit loszuwerden.“ Er weiß: „Wenn man in der Öffentlichkeit steht, braucht man heute ein dickes Fell.“

Dr. Thomas Fuchs (60) ist Diplom-Psychologe. Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt er sich mit den psychischen Herausforderungen von Jugendlichen und Familien und gilt als gefragter Experte für Erziehungs- und Entwicklungsthemen
Dr. Thomas Fuchs (60) ist Diplom-Psychologe. Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt er sich mit den psychischen Herausforderungen von Jugendlichen und Familien und gilt als gefragter Experte für Erziehungs- und Entwicklungsthemen

Psychologe erklärt die Ursachen

„Die enge zeitliche Kopplung zwischen Emotion und Reaktion führt dazu, dass es gewisse Enthemmungen gibt“, sagt Dr. Thomas Fuchs (60). Heißt: Wer wütend ist, tippt sofort los. Zudem seien viele Menschen damit aufgewachsen, ihre Meinungen ständig öffentlich zu teilen. „Wir haben eine Generation großgezogen, die der Meinung ist, dass die ganze Welt daran interessiert ist, was sie denkt“, erklärt der Psychologe. Er weiter: „Je größer die persönliche Frustration, desto größer wird häufig auch die Aggression gegenüber anderen.“ Dauerhafte Anfeindungen könnten „bis hin zu Depressionen oder Angststörungen führen“.

Hinter den öffentlichen Profilen stehen Menschen mit Ängsten, Zweifeln und Verletzungen. Der Unterschied: Ihre Wunden entstehen vor den Augen einer ganzen Öffentlichkeit. Jeder abwertende Kommentar, jede Beleidigung und jede digitale Hetzjagd kann sich dadurch vervielfachen und Spuren hinterlassen, die weit über den Moment hinausreichen.