Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern) – Sie hat ihr Kind verloren und scheint die Einzige zu sein, die um Gerechtigkeit für den ermordeten Fabian (8) aus Güstrow kämpft: Dorina L. (31). Mutig sitzt sie an jedem Prozesstag im Gericht der Frau gegenüber, die ihren Sohn aus Eifersucht mit sechs Messerstichen getötet haben soll. Sie erträgt die Schilderungen vom Tatort, hört geduldig den belastenden Zeugenaussagen zu. Doch statt Unterstützung schlagen ihr in den sozialen Medien Hass und Anschuldigungen entgegen.

Dagegen will sich Dorina L. jetzt wehren – gemeinsam mit ihrer Freundin Raffaela J., die ebenfalls seit Monaten Ziel von Hetze und falschen Verdächtigungen ist.

Schon kurz nach Fabians Verschwinden am 10. Oktober 2025 wurde in sozialen Medien wild spekuliert. Immer wieder gerieten dabei auch Fabians Eltern und Raffaela J. ins Visier. Vor allem auf TikTok und YouTube verbreiten selbst ernannte Hobbyermittler und Influencer bis heute Gerüchte – ohne Rücksicht auf die Gefühle der trauernden Mutter.

Haltlose Unterstellungen

„Das Erste, was natürlich merkwürdig ist, ist das Video der Mutter. Sie tut scheinbar um ihren vermissten Sohn bangen und macht sich große Sorgen. Aber man kann deutlich sehen, dass ihre Körpersprache, ihre Mimik, ihre Gestik einfach nicht zu ihren Aussagen passt. Was natürlich schon mal super verdächtig ist“, behauptet eine Frau auf TikTok. Dorina L. hatte damals über die Medien eine Videobotschaft an ihren damals noch vermissten Sohn geschickt – in der Hoffnung, er würde es sehen und zurückkommen.

Fabians Eltern hatten am Anfang verzweifelt mit Flyern nach ihrem Sohn gesucht
Fabians Eltern hatten am Anfang verzweifelt mit Flyern nach ihrem Sohn gesucht

Unter den Videos sammeln sich Kommentare (inklusive Rechtschreibfehlern) wie: „Im Ort wird wohl gesagt Mutter und Freundin waren es“, „mutter hat damit zutun denke ich“, „eher diese Freundin von der Mutter“, „Monster von Mutter“, „die mutter kommt mir ganz seltsam vor“, „ich denke die Mutter verheimlicht was“, „Es war safe die Mutter“, „Ich glaube auch das die Mutter damit was zu tun hat sie weint ohne Tränen und sieht nicht gerade wirklich traurig aus“.


Die Freundinnen Raffaela J. (heute 41) und Dorina L. (heute 31) im November 2025
Die Freundinnen Raffaela J. (heute 41) und Dorina L. (heute 31) im November 2025

Doch damit nicht genug: In sozialen Medien wurde Dorina L. zeitweise sogar fälschlicherweise für tot erklärt. Andere stellten die völlig haltlose Behauptung auf, Fabian habe vielleicht Nasenbluten gehabt, weil seine Mutter ihn geschlagen hätte. Selbst über den ermordeten Fabian werden abwertende Behauptungen verbreitet.

Nachts stehen Fremde vor der Tür

Dabei steht mit Gina H. (30), der Freundin von Fabians Vater, längst eine andere Frau vor Gericht. Sie soll den Jungen aus Eifersucht mit sechs Messerstichen getötet und seinen Leichnam anschließend angezündet haben.

„Seit dem 10. Oktober haben wir täglich mit einer Welle von Hass, Beleidigungen und Diffamierungen zu kämpfen. Wir werden im Internet immer wieder als Tatverdächtige dargestellt“, sagt Raffaela J. (41). Bei den hässlichen Kommentaren und Nachrichten bleibt es nicht: „In der Anfangszeit standen fremde Personen nachts vor Dorinas Haus. Dorina und ich erhielten Anrufe von fremden Nummern. Deshalb mussten wir beide unsere Telefonnummern ändern. Wir werden auf offener Straße angesprochen, wir werden beleidigt.“ Die Hetze habe bis heute nicht aufgehört – mit gravierenden Folgen. „Dorina und ich sind mittlerweile beide in psychologischer Behandlung, damit wir das überhaupt irgendwie schaffen“, sagt Raffaela J.

Medienanwalt soll rechtliche Schritte einleiten

Besonders wütend macht sie, dass ausgerechnet die Mutter des getöteten Jungen zur Zielscheibe geworden ist. „Eine Mutter, der das Schlimmste widerfahren ist, was Eltern passieren kann, wird zusätzlich öffentlich angegriffen, beleidigt und regelrecht durchs Dorf getrieben. Dafür habe ich keinerlei Verständnis.“

Damit soll jetzt Schluss sein. Deshalb haben die Frauen einen Medienanwalt eingeschaltet. Sie prüfen, wie sie sich wehren können. Um die Kosten zu stemmen, sammeln sie auch Spenden. „Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Ich möchte, dass die Menschen darüber nachdenken, was sie mit solchen Behauptungen anrichten.“