München – Der Gegner schien immer einen Schritt voraus. Jahrzehntelang. Kaum entwickelten die Forscher eine neue Therapie, fand der Krebs einen Weg, auch ihr zu entkommen. Besonders bei aggressiven Erkrankungen wie Bauchspeicheldrüsenkrebs schien die Krankheit uneinholbar. Bis jetzt. Ein neues Medikament lässt Patienten hoffen – und Krebsforscher aus aller Welt jubeln, buchstäblich. Anfang Juni gab es auf dem größten Krebskongress der Welt, dem ASCO in Chicago, stehende Ovationen, als die Studiendaten dazu vorgestellt wurden (ThePik am Sonntag war vor Ort).
„Eine solche Entwicklung mitzuerleben, ist auch für mich als Arzt und Wissenschaftler etwas ganz Besonderes“, sagt Dr. Benedikt Westphalen (46), Leiter der Präzisionsonkologie am Comprehensive Cancer Center der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Der Grund für die Freude: Mit dem neuen Medikament namens Daraxonrasib ist es Forschern erstmals gelungen, einen der wichtigsten Wachstumsmotoren von Krebszellen gezielt auszubremsen. Die Tablette greift erfolgreich die sogenannte RAS-Mutation an, einen genetischen Fehler im Bauplan der Krebszellen. „Er treibt das Wachstum wie ein dauerhaft festhängendes Gaspedal an“, erklärt Westphalen. Mehr als 90 Prozent aller Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs tragen diesen Fehler in ihren Tumorzellen.

Jahrzehntelang suchten Forscher nach dem passenden Weg, diese Mutation auszuschalten, aber fanden ihn nicht. Nun gelang erstmals der Nachweis, dass sich dieser Krebs-Wachstumsmotor erfolgreich bremsen lässt. „Das ist ein Durchbruch“, sagt Dr. Westphalen. Denn die Studie konnte zeigen: Das Medikament verlängert die Überlebenszeit von Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs deutlich. Betroffene im fortgeschrittenen Stadium mit Metastasen leben häufig weniger als ein Jahr. Unter Daraxonrasib lebten die Studienteilnehmer im Durchschnitt rund 13 Monate, obwohl sie bereits andere Therapien hinter sich hatten und die Erkrankung unter diesen weiter fortgeschritten war.
Warum könnte dieser Durchbruch auch anderen Krebspatienten helfen?

Für Krebsärzte ist noch etwas anderes entscheidend: Der Erfolg könnte weit über Bauchspeicheldrüsenkrebs hinausreichen. „RAS-Mutationen finden wir nicht nur bei Bauchspeicheldrüsenkrebs, sondern auch bei Darmkrebs, Lungenkrebs und vielen anderen Tumoren“, sagt Dr. Westphalen und fährt fort: „Wenn wir nun in die Lage versetzt werden, diese Mutationen gezielt auszuschalten, könnte das langfristig vielen weiteren Patientengruppen zugutekommen.“ Der Grund: Krebs wird zunehmend nach seinen genetischen Schwachstellen behandelt. „Bei der Behandlung wird es heute immer wichtiger, welche Mutation den Tumor antreibt“, erklärt der Experte.
Zur Person: Dr. Benedikt Westphalen ist ärztlicher Leiter der Präzisionsonkologie am Comprehensive Cancer Center der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Er leitet die Molekulare Tumorkonferenz und arbeitet in der Medizinischen Klinik und Poliklinik III des Klinikums der Universität München. Westphalen ist klinischer Forscher und Chair der ESMO Translational Research and Precision Medicine Working Group.

Dr. Benedikt Westphalen (46)

Woher wissen Ärzte, welche Schwachstelle ein Tumor hat?
Bevor Ärzte eine gezielte Therapie auswählen können, müssen sie die Schwachstellen eines Tumors kennen. Möglich wird das mit einer sogenannten Mutationsanalyse, auch Biomarker-Testung oder molekulare Diagnostik genannt. Dabei untersuchen Spezialisten das Erbgut der Krebszellen und fahnden gezielt nach Veränderungen im Bauplan des Tumors. Die Zahl der bekannten Krebs-Mutationen ist gewaltig. „Tausende – wahrscheinlich sogar Hunderttausende“, sagt Dr. Westphalen. Allerdings treiben längst nicht alle das Tumorwachstum an oder sind therapeutisch relevant.

„Entscheidend sind die wenigen Veränderungen, die den Krebs tatsächlich am Laufen halten und gegen die wir heute immer gezielter vorgehen können.“ Dazu gehören etwa Veränderungen in BRAF, HER2 oder NTRK. Gegen diese gibt es inzwischen Medikamente, die unabhängig von der Krebsart eingesetzt werden können, solange der entsprechende Biomarker vorliegt.
Wie funktionieren diese Medikamente?

Der Fachbegriff für diese Art von Medikamenten lautet zielgerichtete Therapie. Anders als eine klassische Chemotherapie, die möglichst viele schnell wachsende Zellen angreift, suchen diese Medikamente gezielt nach den Schwachstellen der Krebszellen. Vereinfacht gesagt versuchen Ärzte, das kaputte Gaspedal des Tumors zu blockieren oder wichtige Wachstumssignale abzuschalten. Dadurch kann das Tumorwachstum gebremst werden. Das sei oft verträglicher für den Patienten.
Andreas (60) hat Bauchspeicheldrüsenkrebs Neues Medikament lässt meinen Tumor schrumpfen
Bauchspeicheldrüsenkrebs-Patient bekommt im Rahmen einer Studie neues Medikament.
Welche Patienten sollten ihren Tumor untersuchen lassen?
Besonders wichtig ist die Untersuchung inzwischen bei Lungen-, Brust-, Darm-, Magen-, Gallenwegs- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Dr. Westphalen sagt: „Ich würde jedem Patienten raten, im Gespräch mit dem Behandlungsteam zu fragen: Müssen für meine Erkrankung bestimmte Biomarker getestet werden – und wurden diese bereits untersucht?“ Wichtig: Die Antwort lautet nicht immer Ja. Beispielsweise benötigt nicht jede frühe Tumorerkrankung automatisch eine Mutationsanalyse. Zudem gibt es Tumorarten, bei denen bislang nur wenige Veränderungen bekannt sind, gegen die Ärzte gezielt vorgehen können. Dann kommen andere Therapien zum Einsatz.
Welche neuen Therapien verändern die Krebsmedizin?
Immer mehr. „Die Kunst wird es künftig sein, für jeden Patienten das beste individualisierte Therapiekonzept zusammenzustellen“, sagt Dr. Westphalen. Dazu gehörten zielgerichtete Medikamente genauso wie Immuntherapien, moderne Chemotherapien, Strahlentherapien oder Operationen.
Besonders große Hoffnungen setzen Forscher derzeit zudem auf sogenannte Antikörper-Wirkstoff-Konjugate. Der Mechanismus funktioniert wie ein trojanisches Pferd: Der Antikörper erkennt die Krebszelle und schleust eine hochwirksame Chemotherapie in ihr Inneres. Sie gelten als einer der größten Durchbrüche der modernen Krebsmedizin. „Diese Therapien verbinden die Zielgenauigkeit der Antikörpertherapie und die Stärke der Chemotherapie“, erklärt Prof. Michael von Bergwelt, Direktor der Klinik für Onkologie und Hämatologie an der LMU München und Vorstand von „Vision Zero“. Die Folge: „Mehr Power gegen den Tumor und weniger Schaden für den Patienten“, sagt von Bergwelt.
Spannend: Auch hier verschwimmen die Grenzen zwischen den Krebsarten. Die Medikamente werden bereits gegen Brust-, Magen-, Lungen-, Blasen- und Eierstockkrebs eingesetzt oder getestet. „Da wir inzwischen viele solcher Antikörperziele in Tumoren kennen, ist die schnelle Übertragung auf eine Reihe von Krebserkrankungen zu erwarten. Ein großer Schritt“, sagt von Bergwelt.
Zur Person: Prof. Michael von Bergwelt (58) ist Direktor der Klinik für Onkologie und Hämatologie am Klinikum der Universität München (LMU) und Vorstand von „Vision Zero“. Er hat sich auf Immuntherapien spezialisiert.
Auch moderne Immuntherapien helfen den körpereigenen Abwehrzellen dabei, Krebszellen zu erkennen und anzugreifen. Bereits heute gehören sie bei vielen Krebsarten zum Behandlungsalltag. Die Forscher arbeiten jedoch daran, diese Therapien immer weiterzuentwickeln. Dazu gehören etwa therapeutische Krebs-Impfstoffe oder sogenannte T-Zell-Engager. Diese Wirkstoffe bringen Krebszellen und Immunzellen gezielt zusammen, damit die körpereigene Abwehr den Tumor angreifen kann. Die Richtung sei klar: Immer häufiger werden Krebszellen nicht mehr direkt bekämpft. Stattdessen wird das Immunsystem darauf trainiert, die Arbeit selbst zu übernehmen.
Wird die klassische Chemotherapie bald abgeschafft?
Nein. „Für bestimmte Tumorerkrankungen ist die Chemotherapie extrem wirksam und das Beste, was wir haben“, sagt Dr. Westphalen. Bei einigen Formen von Leukämien, Lymphomen oder Hodenkrebs kann sie Patienten sogar heilen. Die Zukunft liegt deshalb nicht in einer einzelnen Wunderwaffe, sondern in der Kombination verschiedener Therapien. „Das gibt uns immer häufiger die Chance, dass Krebs zu einer chronischen Erkrankung statt zu einem Todesurteil wird“, sagt der Experte.
Die eigentliche Revolution der Krebsmedizin besteht deshalb nicht in einem einzelnen Medikament. Sondern darin, dass Ärzte immer mehr Schwachstellen von Tumoren erkennen und zunehmend lernen, sie gezielt zu nutzen. „Bei einigen Erkrankungen sind wir dem Krebs heute schon einen guten Schritt voraus, bei anderen haben wir inzwischen ordentlich aufgeholt und sind ihm dadurch näher als jemals zuvor“, sagt Prof. von Bergwelt.
Auch beim großen „Vision Zero“-Summit im Berliner Axel-Springer-Hochhaus (15. und 16. Juni) werden Top-Experten über neue Therapien diskutieren







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