München – Er ist Weltmeister, Weltfußballer, eine Legende und Deutschlands gefragter TV-Experte: Lothar Matthäus, Rekordnationalspieler mit 150 Einsätzen, wird heute 65 Jahre alt.

The Pik: Herzlichen Glückwunsch, Lothar. Planen Sie jetzt den Ruhestand?

Lothar Matthäus: Das ist nicht vorgesehen. Meine Verträge mit Partnern wie Sky, RTL oder Interwetten würden das auch nicht zulassen. Und außerdem: Was würdet ihr denn ohne mich machen? (lacht)

Haben Sie eine Vorstellung, wie hoch Ihre Rente ausfallen würde?

Ja, die habe ich, aber die verrate ich nicht.

Mit 65 sind Sie in besserer Verfassung als manch anderer mit 35. Was ist Ihr Fitness-Geheimnis?

Nein, topfit bin ich nicht mehr. Aber ich trage noch immer dieselbe Jeans- und T-Shirt-Größe wie vor drei Jahrzehnten. Ich treibe viel Sport, manchmal vielleicht sogar zu viel. Skifahren zum Beispiel. Deshalb stehen in meinem Tagebuch – das ich gar nicht führe (lacht) – zwei Operationen mehr. Aber deshalb werde ich nicht aufhören, Ski zu fahren. Was mache ich? Tägliches Training, viele Stabilisationsübungen und Ausdauerläufe. Fünf- bis sechsmal pro Woche, immer 50 bis 60 Minuten. Das tut mir gut und hält den Kopf klar. Wegen einer Schulter-OP nach einem Skiunfall vor einigen Wochen ist Laufen momentan nicht möglich. Jetzt bin ich täglich auf dem Fahrradergometer.

Matthäus über Uli Hoeneß

Als Fußballexperte sind Sie beliebt – manche fürchten Ihre klaren, fachlich fundierten und unabhängigen Analysen. Was ist in dieser Rolle entscheidend?

Ehrlichkeit und Korrektheit. Ich nehme weder meine Ex-Vereine Bayern oder Mönchengladbach in Schutz noch Spieler, Trainer oder Funktionäre. Auch nicht, wenn ich sie persönlich kenne. Ich sage, was ich sehe und denke. Aber niemals unter der Gürtellinie.

Und wenn Uli Hoeneß Sie öffentlich scharf kritisiert?

Anfangs habe ich schon den Kopf geschüttelt, wenn er das über die Medien getan hat, anstatt mich selbst anzurufen – was er ja könnte. Aber ich habe kein Problem mehr damit. Jeder darf sagen, was er denkt. Zurückschießen werde ich jedenfalls nicht mit der gleichen Munition. Ich sage nichts, nur um Schlagzeilen zu produzieren.

Was hat Sie früher auf dem Platz angetrieben, und was heute?

Der Antrieb früher war natürlich der Erfolg. Siege einzufahren, Titel zu gewinnen. Das habe ich wahrscheinlich in die Wiege gelegt bekommen.

Warum?

Weil ich vier Jahre jünger bin als mein Bruder Wolfgang. Ich musste mich eigentlich immer gegen Ältere durchsetzen und war schon immer sehr ehrgeizig. Heute will ich nicht unbedingt der beste Experte oder Kommentator sein, aber ich will meine Sache gut machen. Ich liebe den Fußball, interessiere mich leidenschaftlich dafür. Deshalb nehme ich das alles noch auf mich. Es ist ja nicht nur das, was man vor der Kamera sieht, es sind auch viele Reisen, national und international. Aber es macht mir Spaß, live im Stadion zu sein und eine Aufgabe zu haben. Das motiviert mich.

In der Kino-Dokumentation „Ein Sommer in Italien“ über den WM-Titel 1990 haben Sie als Kapitän eine Hauptrolle. Was macht einen guten Anführer aus?

Man muss mit Leistung vorangehen, damit die anderen Vertrauen in einen haben. Und man muss für alle da sein und jeden respektieren. Ich hatte immer für jeden ein offenes Ohr.

Matthäus als Handball-Kreisläufer

Wie haben Sie sich zum Anführer entwickelt?

Das war ich schon in meinen Jugendmannschaften. Teilweise sogar mit 17 Jahren in der Seniorenmannschaft in Herzogenaurach. Natürlich damals noch nicht als derjenige, der die Kapitänsbinde oder das Sagen hatte, sondern ich war durch Leistung der Anführer. Deshalb wurde ich von meinen Mitspielern akzeptiert, die teilweise meine Väter hätten sein können. Auch später in der Bundesliga bei Borussia Mönchengladbach war das so. Ich war aber nicht nur beim Fußball Anführer, auch beim Handball.

Beim Handball?

Ja, natürlich! Neben dem Fußball habe ich Handball gespielt. Zwei Jahre im Verein, zwischen 13 und 15. Vorne am Kreis. Ich war klein, ich war wendig. Und bei Konterangriffen war ich der Schnellste, der die Konter abgeschlossen hat. Leichtathletik habe ich auch gemacht und im Verein Tischtennis gespielt.

Weltmeister! Kapitän Lothar Matthäus (damals 29), Teamchef Franz Beckenbauer (li., damals 44) und Final-Torschütze Andreas Brehme (damals 29) zeigen am 9. Juli 1990 auf dem Rückflug von Rom nach Frankfurt den goldenen WM-Pokal. Beckenbauer und Brehme verstarben Anfang 2024 innerhalb von sechs Wochen
Weltmeister! Kapitän Lothar Matthäus (damals 29), Teamchef Franz Beckenbauer (li., damals 44) und Final-Torschütze Andreas Brehme (damals 29) zeigen am 9. Juli 1990 auf dem Rückflug von Rom nach Frankfurt den goldenen WM-Pokal. Beckenbauer und Brehme verstarben Anfang 2024 innerhalb von sechs Wochen

Worauf sind Sie in Ihrem Leben am meisten stolz?

Auf die Weltmeisterschaft 1990, aber nicht nur auf den Titel allein. Stolz macht mich der Teamgeist, der Zusammenhalt, dieses respektvolle Miteinander. Ich empfinde ähnlich wie Rudi Völler, der gesagt hat, er sei mit seinen Freunden Weltmeister geworden. Ich bin auch noch mit einem Bruder Weltmeister geworden, mit Andy Brehme. Nach mehr als 1000 Übernachtungen im Doppelzimmer in Trainingslagern oder bei Auswärtsspielen weiß man alles voneinander. Da ist unendlich großes Vertrauen entstanden. Die beste Entscheidung meiner Karriere war, im WM-Finale 1990 auf den entscheidenden Elfmeter zu verzichten und Andy schießen zu lassen. Natürlich hätte ich schießen können, aber ich war mir nicht sicher wegen des Schuhwechsels. Für wenige war das vielleicht Feigheit, aber viele sagen: Das war Größe.

Was erwarten Sie bei der WM in Nordamerika von der deutschen Mannschaft?

Ich glaube, in der heutigen Mannschaft gibt es auch so einen Zusammenhalt. Und wenn sie genau das zeigen, was sie zuletzt beim 6:0 gegen die Slowakei gezeigt haben, wenn jeder für den anderen kämpft – dann können sie sehr weit kommen. Macht’s wie wir! Oder wie die 2014er, da war es nicht viel anders. Ich weiß nicht, wie Julian Nagelsmann das sieht, aber ein Kino-Abend mit unserem Film kann zusätzlich motivieren. Rudi Völler war damals selbst dabei und hat ja heute auch etwas zu sagen beim DFB.

„Mit Real war alles klar“

Fehlt Ihnen etwas in Ihrer Karriere?

Nein, absolut nicht. Auch nicht der Gewinn der Champions League, obwohl ich zweimal mit Bayern kurz davorstand. Beide Male haben wir im Finale zur Halbzeit 1:0 geführt, aber 1:2 verloren (1987 gegen den FC Porto, 1999 gegen Manchester United, d. Red.). Mit Niederlagen kann man sich arrangieren, ungern zwar, aber – halt, stopp: doch, da gibt es etwas. Ich wäre 1991 gern zu Real Madrid gewechselt! Das wäre es gewesen! Zwischen mir und Real war schon alles klar. Doch Inter Mailands Präsident Pellegrini hat mich nicht gehen lassen.

Ist Bayern gegen Real jetzt im Viertelfinale der Champions League deshalb ein besonderes Spiel für Sie?

Emotional ist es für mich, wenn Bayern gegen Inter spielt, so wie vor einem Jahr im Viertelfinale.

Wer kommt jetzt weiter?

Ich habe Real zweimal gegen City gesehen. Sie spielen stärker als noch in der Ligaphase. Disziplinierter, weniger egoistisch, und sie verteidigen gut. Ich glaube trotzdem, dass Bayern in der Form der vergangenen Wochen eingespielter und weiter ist als Real Madrid. Ich würde sagen, Bayern ist 60:40 Favorit.

„Dieses Leben ist ein Privileg“

Welchen Traum möchten Sie sich unbedingt erfüllen?

Ich war und bin auf der ganzen Welt unterwegs, nicht nur beruflich, auch privat. Ich habe sehr viel gesehen und erlebt. Es ist ein Privileg, dieses schöne Leben führen zu dürfen. Wenn ich noch Wünsche offen habe, dann Gesundheit für meine Familie, meinen Freundeskreis und mich, für alle eigentlich – so platt das jetzt klingen mag. Schicksalsschläge gehören aber zum Leben: der Tod von Andreas Brehme und Franz Beckenbauer, und auch in meiner Familie sind schon Menschen gestorben. Das Schlimmste für mich wäre, wenn eines meiner Kinder vor mir sterben würde.

Wenn langjährige Wegbegleiter sterben, denkt man mit 65 dann öfter an das eigene Ende?

Ja, das tue ich. Aus Franz‘ und Andys Tod habe ich einige Lehren gezogen. Etwa, dass man sich mehr Zeit für seine Freunde nehmen sollte. Man denkt immer: Man wohnt in der Nähe, in derselben Stadt sogar, man sieht sich ja sowieso. Aber plötzlich sind Monate vergangen und es ist zu spät. Ich habe tatsächlich etwas geändert, treffe gute Freunde jetzt konsequent regelmäßig. Und deswegen bin ich auch bei der Organisation der Treffen der 1990er-Weltmeister so engagiert und hartnäckig. Das ist mir sehr wichtig.

Wo feiern Sie Ihren Ehrentag?

Im Stadion, beim Top-Spiel Borussia Dortmund gegen Hamburger SV.