Berlin – Drive-by-Shootings, Handgranatenattacken, Schutzgelderpressung und sogar Kopfgelder auf Staatsanwälte und Richter: Die Gewalt in der Hauptstadt erreicht neue Dimensionen. Vier türkisch-kurdische Banden bekriegen sich um die Kontrolle des Rauschgifthandels. Sie haben die Stadt unter sich aufgeteilt, geraten dabei jedoch immer wieder aneinander. Die Zahl der blutigen Auseinandersetzungen steigt rasant.
Manuel Ostermann (35), Bundesvorsitzender der DPolG Bundespolizeigewerkschaft, warnt: „Das ist ganz sicher nicht das Ende der Eskalationsstufe. Heute sind es nicht mehr Schlägereien, sondern offene Schusswaffengewalt und Handgranaten.“ Laut Ostermann agieren die Banden hochprofessionell und gut vernetzt, unterhalten weltweite Finanzströme und kennen im Machtkampf keine Tabus. „Die zögern keine Sekunde, Schusswaffen einzusetzen oder Sprengsätze. Die haben keine Hemmungen.“
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Ermittler fürchten Zustände, wie sie in europäischen Nachbarländern teils schon Alltag sind. Benjamin Jendro (37), Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP): „Dass junge Leute wie in Schweden angeworben werden, kann auch hier passieren. Da sind wir noch nicht – aber das kann passieren.“ Und weiter: „Wenn jemand 1000 Euro dafür bietet, dass jemand eine Handgranate in ein Schaufenster wirft, wird sich auf kurz oder lang jemand finden. Wir leben im Zeitalter von crime as a service (kriminelle „Dienstleistungen“, die „gebucht“ werden, Anm. d. Red.).“
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Erst am vergangenen Freitag kam es in Berlin-Mitte erneut zu einer Schießerei. Das Opfer: ein 25-jähriger Türke, der von einer Kugel am Bein getroffen wurde. Vorausgegangen sind Dutzende solcher gewalttätigen Konflikte.
Im Fokus stehen derzeit weniger die altbekannten Clans (Remmo, Abou-Chaker, Al-Zein), sondern vier besonders brutal agierende Banden: die Daltons, die Ezgins, Caspers und Sirinler (auf Deutsch: Schlümpfe). Die Daltons stuft die Polizei als „hochkriminelle türkische Gruppierung“ ein. Ihr Anführer, Berat Can Gökdemir (geb. 1997), soll sich laut Recherchen von „Kontraste“ in Russland verstecken. Bei den Ezgins handelt es sich um eine Splittergruppe der Daltons. An der Spitze steht der Türke Baris B. (41), der als Bindeglied der Gruppen gilt. Die Banden sollen unter anderem junge Männer ohne Perspektive – etwa aus Flüchtlingsheimen – für ihre Straftaten anwerben.
Gewalt eskaliert immer mehr
Seit 2024 häufen sich die Schießereien in der Hauptstadt: vor Shishabars in Reinickendorf, aus Autos in Kreuzberg, auf Schaufenster in Neukölln. Am 30. März 2024 wird ein Türke mit belgischem Pass im Berliner Touristenviertel am Checkpoint Charlie erschossen. Hinter dem Anschlag soll ein führender Kopf der türkischen Mafia stehen.

Anfang März 2025 begeht ein angeworbener Daltons-Helfer Anschläge auf Filialen einer Supermarkt-Kette in den Stadtteilen Spandau und Wilmersdorf, feuert mit einer Pistole mehrere Kugeln durch die Scheiben. Hintergrund: Schutzgelderpressung. Er wird vom Berliner Landgericht zu einer Jugendstrafe von 2 Jahren und 9 Monaten verurteilt.

Ende März 2025 schießt ein 21-jähriger Daltons-Helfer einem Berliner Geschäftsmann aus fünf Metern Entfernung siebenmal in die Beine. Eine gezielte Bestrafungs- und Einschüchterungsaktion. Der Schütze wird gefasst, gesteht die Tat.
Im November 2025 reagiert das LKA und gründet die Besondere Aufbauorganisation (BAO) „Ferrum“ (lateinisch: Eisen). Sie soll Treffpunkte der Organisierten Kriminalität ausfindig machen und beim geringsten Verdacht kontrollieren. In nur drei Monaten leitet „Ferrum“ 260 Ermittlungsverfahren ein, beschlagnahmt 18 scharfe Schusswaffen, zehn Schreckschusswaffen und 50 Messer, Baseballschläger und Elektroschocker.

Doch die Gewalt setzt sich fort: Ende 2025 kommt es zu mehreren Anschlägen mit Schusswaffen auf eine Berliner Fahrschule. Hintergrund: Schutzgelderpressung.

515 Schüsse in einem Jahr
„Die Zahl entsprechender Verfahren bei der Staatsanwaltschaft steigt an“, schreibt die Staatsanwaltschaft im Februar 2026. Allein 2025 fielen in der Hauptstadt 515-mal Schüsse! Deshalb wurde „Ferrum“ noch mit der Gründung der Ermittlungsgruppe „Telum“ (lateinisch: Waffe) verstärkt. Darin ermitteln „mehrere erfahrene Staatsanwältinnen und Staatsanwälte aus dem Bereich der OK-Bekämpfung“.

Zuletzt ging es im Bandenkrieg wieder Schlag auf Schlag: Im Februar kommt es erst zu Angriffen auf eine Shishabar in Wedding und eine Autowerkstatt in Neukölln. Dann schießt ein junger Mann mit Kapuze auf eine Wohnung in Köpenick, ein Mercedes-Fahrer (37) in Tegel wird lebensgefährlich verletzt, in Kreuzberg wird ein Mann in seiner Wohnung beschossen und in Schöneberg wird ein Deutsch-Türke (19) ins Bein getroffen. Anfang April wird ein Imbiss in Schöneberg Ziel einer Attacke, Ende April gibt es mehrfach Schüsse auf ein Haus in Spandau und auf eine Fahrschule in Tempelhof.

Im Mai drückt in Schöneberg ein Unbekannter fünfmal in Richtung eines 44-jährigen Türken ab, in Wedding wird auf ein Geschäft geschossen, nur drei Tage später feuert ein Unbekannter vom Mittelstreifen einer Straße in Kreuzberg. Ziel: ein VW Passat, in dem vier Remmos (24, 32, 35 und 55) sitzen. Jetzt die Schüsse auf den 25-jährigen Türken.
„Ferrum“ und „Telum“ reagieren mit Razzien. Zuletzt nahmen die Ermittler fünf Mitglieder einer Schusswaffen-Bande hoch, bei einer weiteren Durchsuchung in Kreuzberg wurde ein 71-Jähriger festgenommen.

„Nur Frage der Zeit, bis Unbeteiligte getroffen werden“
Dass bisher noch kein Unbeteiligter von einer Kugel getroffen wurde – nur Glück, sagen die Gewerkschafter. Ostermann: „Die nehmen keine Rücksicht darauf, ob Zivilisten zu Schaden kommen. Wenn jemand aus einem Auto herausfeuert, kann niemand garantieren, keine dritte Person zu gefährden. Das ist denen völlig egal. Man kann nur hoffen, dass man nicht dummerweise neben einem steht, der ein Opfer werden soll.“
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