Leipzig – Was zunächst wie ein glücklicher Zufall durch einen Poller wirkte, entpuppt sich als mutige Tat eines Taxifahrers. Abderrahim T. (34) griff ein, als Jeffrey K. (33) zwei Menschen tötete und sechs weitere verletzte. Der Algerier schildert nun die entscheidenden Momente, die ihn für immer prägen werden. Der Mann mit der Basecap, der auf Festnahmeaufnahmen zu sehen ist, betont: „Ich bin kein Held. Ich handelte aus Menschlichkeit, ohne zu überlegen.“

Montag, 16.46 Uhr: Abderrahim T. wartet am Thomaskirchhof in Leipzig auf Fahrgäste. Nur wenige Meter entfernt rast der VW Taigo des Täters heran. „Ich sah, wie er die Frau direkt vor meinen Augen überfuhr und dann an den Pollern stoppte“, berichtet der dreifache Familienvater (Kinder im Alter von 10, 8 und 3 Jahren).

Was dann geschah, ist später in Videos dokumentiert und wird von Zeugen bestätigt. Abderrahim T.: „Ich sprang sofort aus dem Taxi, lief zum Auto und versuchte, die Scheibe einzuschlagen. Der Fahrer hielt ein Blatt Papier an die Scheibe und kletterte auf den Beifahrersitz. Ich rannte hinüber und schrie, bis er öffnete“, erzählt der gläubige Muslim.

Nach einigen Augenblicken öffnet Jeffrey K. die Tür. Abderrahim T.: „Ich packte ihn an der Hand und zog ihn aus dem Wagen. Er lag auf dem Bauch, und ich fixierte ihn mit dem Knie, bis die Polizei Handschellen anlegte.“ Der Mann, der vor 18 Jahren aus Algerien nach Deutschland kam, handelte instinktiv: „Ich habe nicht nachgedacht. Ich musste einfach helfen.“

Kinder wissen nichts von der Heldentat

Am Abend sprach er mit seiner Frau über die Amokfahrt. Seine Kinder haben noch nicht erfahren, was ihr Vater getan hat. Irgendwann werden sie es hören und stolz sein. Was kurz vor Abderrahims Eingreifen geschah, schildert Gastronom Eberhard Wiedenmann (69). Er betreibt das Eiscafé „San Remo“ und das Restaurant „Pascucci“, wo die tödliche Fahrt endete.

Gastronom Eberhard Wiedenmann (69) verfolgte die Amokfahrt von seinem Restaurant aus, war nur wenige Meter entfernt
Gastronom Eberhard Wiedenmann (69) verfolgte die Amokfahrt von seinem Restaurant aus, war nur wenige Meter entfernt

„Eine Frau lag auf dem Autodach“

„Ich war gerade auf der Terrasse und sprach mit einem Kellner über eine Reservierung“, erzählt er. „Plötzlich raste ein Auto heran. Wir wunderten uns über die Geschwindigkeit. Auf dem Dach lag eine Frau, die sich an der Reling festklammerte.“

Die Aufnahme zeigt, wie Jeffrey K. (33) nach seiner Todesfahrt vor dem Restaurant „Pascucci“ abgeführt wird
Die Aufnahme zeigt, wie Jeffrey K. (33) nach seiner Todesfahrt vor dem Restaurant „Pascucci“ abgeführt wird

Die Frontscheibe des beigefarbenen VW Taigo war völlig zersplittert. „Wahrscheinlich sah der Fahrer nichts“, so der Wirt. Nach zehn bis 15 Metern stoppte die Fahrt abrupt am Poller. „Die Frau fiel herunter.“

„Zuerst herrschte gespenstische Stille“

Panik brach nicht aus. „Nein“, sagt Wiedenmann. „Zunächst war es gespenstisch still.“ Auf der anderen Straßenseite standen etwa zehn Menschen – Touristen und Passanten. „Sie liefen auf die Fahrerseite zu, auf den Amokfahrer“, beschreibt der Gastronom. Kurz vor der Tür wichen sie jedoch zurück. Nur Abderrahim näherte sich dem Auto, um Schlimmeres zu verhindern.

Einsatzkräfte nach der Amokfahrt am zerstörten VW Taigo von Jeffrey K. (33)
Einsatzkräfte nach der Amokfahrt am zerstörten VW Taigo von Jeffrey K. (33)

Täter ließ sich widerstandslos festnehmen

Etwa eine Minute später traf laut Wirt eine Polizeistreife mit zwei Beamten ein. Sie nahmen Jeffrey K. fest – ohne Gegenwehr. Wiedenmann: „Dann sah ich, wie versucht wurde, die Frau zu reanimieren.“ Vergeblich. Die 63-Jährige aus Oberfranken (Bayern) starb, ebenso ein 77-jähriger Mann aus Leipzig.

Ki Generiertes Bild als Beispiel des Vorfalls
Ki Generiertes Bild als Beispiel des Vorfalls

Nach der Tat schloss Eberhard Wiedenmann, Chef von 80 Mitarbeitern, seine Lokale und schickte die Angestellten nach Hause. Er will erst am Mittwoch zur Normalität zurückkehren – falls das überhaupt möglich ist.

„Ich denke ständig daran, was passiert ist. Das wird uns immer in Erinnerung bleiben. Aber mit der Zeit wird es vielleicht verblassen“, hofft er.