Mitten im Geschehen sein – dort, wo die innovativen Tech-Ideen entstehen, die unser Leben prägen. Aus diesem Grund verlegte die „Höhle der Löwen“-Investorin Janna Ensthaler (41) Ende 2025 ihren Lebensmittelpunkt von Braunschweig ins kalifornische Silicon Valley. Nun ist sie wieder in Deutschland. Sie bringt nicht nur Inspiration und Konzepte mit, sondern auch eine optimistischere Sicht auf die Heimat und die deutsche Wirtschaft.

Hier teilt sie die sechs wichtigsten Erkenntnisse aus ihrer Zeit in den USA:

1. Amerika vertraut auf sich selbst – und ist dabei freundlicher

„Am meisten hat mich die alltägliche Herzlichkeit überrascht. Hilfsbereitschaft und Gemeinschaftsgeist werden dort gelebt. Selbst ein Einkauf im Supermarkt fühlt sich anders an – man wird angelächelt, angesprochen, beachtet. Zugleich haben die Menschen Vertrauen in ihr Land und zeigen das ganz natürlich. Erst kürzlich beim Superbowl: Nationalhymne, Emotionen, Kampfjets über dem Stadion. Das mag uns übertrieben vorkommen. Ich bin jedoch überzeugt, dass genau dieser Stolz die Basis für die Kraft bildet, die wir auch für einen neuen wirtschaftlichen Aufschwung benötigen.“

2. Geschwindigkeit geht vor Perfektion

„In den USA zählt nicht, ob etwas perfekt ist – sondern ob es funktioniert. Ideen werden sofort ausprobiert, Entscheidungen in Tagen statt Monaten gefällt. Diese Schnelligkeit ist ein echter Wettbewerbsvorteil. In Deutschland wird oft zu lange analysiert und zu spät entschieden. Und das gilt für alle Bereiche: ob Wirtschaft, Schule oder Kita. E-Mails werden häufig innerhalb von Minuten oder Stunden beantwortet, nicht erst nach Tagen.“

3. Amerikaner können verkaufen – wir unterschätzen diese Fähigkeit

„In den USA gehört Verkaufen zum Unternehmertum und wird nicht belächelt. Gründer verkaufen nicht nur ihr Produkt, sondern ihre Vision. Das wirkt manchmal überzogen, sorgt aber dafür, dass Kapital, Kunden und Talente zusammenkommen. In Deutschland wird Sales oft unterschätzt oder sogar verachtet – als etwas ‚Unehrliches‘. Dabei ist Verkaufen das Herzstück jedes erfolgreichen Unternehmens. Ohne die Fähigkeit zu verkaufen, bleibt selbst die beste Idee unsichtbar.“

Ensthaler in „Die Höhle der Löwen“. Mit ihrem „Green Generation Fund“ unterstützt sie mehr als 20 Start-ups mit Summen zwischen 500.000 Euro und 2,5 Millionen Euro
Ensthaler in „Die Höhle der Löwen“. Mit ihrem „Green Generation Fund“ unterstützt sie mehr als 20 Start-ups mit Summen zwischen 500.000 Euro und 2,5 Millionen Euro

4. Erfolg im Silicon Valley hat seinen Preis

„Im Silicon Valley steht die Karriere oft über Beziehungen und Familie. Nicht selten geht man dort um 21 Uhr ins Bett, um morgens um 7 Uhr wieder voll durchzustarten. Ich habe keine einzige alleinstehende Frau getroffen, die nicht gesagt hätte: Dating ist praktisch unmöglich. Und kaum eine verheiratete Frau, die nicht von Einsamkeit trotz Erfolg berichtet hat. Selbst enge Freundschaften drehen sich fast ausschließlich um Arbeit. Wir leben Beziehungen und Familie intensiver – dort kämpft jeder stärker für sich allein.“

5. Deutschland ist wirtschaftlich stabiler als gedacht

„Deutschland wächst derzeit nicht stark, ist aber stabiler, als oft behauptet wird. Die Inflation ist moderat, die Staatsverschuldung kontrollierbar, die Arbeitslosigkeit niedrig. Der Mittelstand ist ein einzigartiger Stabilitätsanker. Umso mehr muss die Politik alles tun, damit er mit besseren Rahmenbedingungen und niedrigeren Energiepreisen bestehen kann. Deutschland ist kein Krisenfall, sondern eine unterschätzte Volkswirtschaft.“

6. Unser Alltag ist besser als sein Image

„Vieles läuft hier einfach, und das merkt man erst im Ausland. Wer Teile Kaliforniens gesehen hat, weiß: Dort gibt es deutlich mehr kaputte Straßen und improvisierte Stromnetze. In Deutschland funktionieren Grundversorgung, Bildung und Gesundheitssystem trotz Schwächen zuverlässig. Der Mathematikunterricht meiner Tochter an einer Top-3-Public-School in Kalifornien lag vom Niveau her zwei bis drei Jahre hinter dem deutschen System. Darauf – und auf die Lehrer, die unsere Bildung trotz aller hausgemachten Widrigkeiten hochhalten – können wir stolz sein.“

Ensthalers Fazit nach vier Monaten in den USA

Jetzt lebt Ensthaler mit ihrem Ehemann Ludwig (41, Tech-Investor) und den drei Kindern (3, 5 und 10 Jahre) wieder in Deutschland. „Nach vier Monaten in den USA ist mir klar geworden: Hier ist vieles besser, als wir denken“, sagt die Investorin. „Ich bin mit großer Bewunderung für die Dynamik der USA zurückgekehrt. Aber auch mit der Erkenntnis, dass wir in Deutschland viel mehr richtig machen, als wir uns selbst zutrauen.“