Berlin – **Familienehre, Vermittler, Attacken. Opfer, die schweigen, illegale Waffenarsenale und ein Tötungsdelikt. In der Hauptstadt tobt der schwerste Bandenkrieg Deutschlands.** Zwei arabische Großfamilien versetzen Bewohner und Einsatzkräfte im Graefekiez (rund 18.000 Einwohner) in Berlin-Kreuzberg in Angst und Schrecken. Junge Männer der Sippen Remmo und Wehbe liefern sich hier seit Monaten einen gnadenlosen Konflikt – mit Schusswaffen, Entführungen, Gewaltexzessen und Attacken aus fahrenden Autos. Was wie eine Filmvorlage für einen Mafia-Streifen wirkt, ist im Viertel bittere Realität. The Pik liegt das vertrauliche Polizeiprotokoll des Bandenkriegs vor.

Eine Polizistin sichert im März nach den Schüssen auf einen 23-Jährigen Spuren am Tatort in der Graefestraße
Quelle: Privat

Am 19. März 2026, gegen 22 Uhr in der Graefestraße, werden mehr als sechs Schüsse auf M., ein 23-jähriges Mitglied der Familie Wehbe, abgefeuert. Er erleidet Treffer am Oberkörper, an einem Bein und an einem Arm. Vier Verdächtige aus dem Remmo-Clan geraten ins Visier der Ermittlungen, ihre Wohnungen werden durchsucht, mehrere Schusswaffen sichergestellt.

Am 21. Mai um 12.30 Uhr fahren vier Remmo-Angehörige in einem Pkw die Urbanstraße in Richtung Westen entlang. Vom Mittelstreifen aus eröffnet eine unbekannte Person das Feuer auf das Fahrzeug und flieht anschließend als Beifahrer auf einem Motorroller. Verletzt wird niemand. Und keiner der Beteiligten kooperiert mit den Ermittlungsbehörden.

Einschusslöcher in Seitenscheibe und Karosserie des beschossenen Remmo-Autos auf der Urbanstraße
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Schüsse auf 60 Menschen an einem Spielplatz

Vier Tage danach, um 21.30 Uhr: Ein Angreifer feuert von der Urbanstraße aus auf eine Menschenmenge von bis zu 60 Personen an einem Spielplatz. Darunter befindet sich auch der Fahrer des Remmo-Wagens, der bereits am 21. Mai beschossen wurde. Der Täter flieht mit einem Roller, mehrere Personen nehmen mit einem Auto die Verfolgung auf und schießen auf ihn, verfehlen ihr Ziel jedoch. Sämtliche Beteiligten können unerkannt entkommen.

Nach den Schüssen am 25. Mai sind Teile von Graefe- und Urbanstraße abgesperrt
Quelle: Privat

Am 1. Juni geht bei der Polizei ein anonymer Hinweis ein: Am 25. Mai soll ein Mann aus dem Umfeld der Wehbe-Familie von Remmo-Mitgliedern verschleppt und misshandelt worden sein. Das Opfer verweigert nach seiner Freilassung jedoch die Aussage gegenüber den Ermittlern.

Zwei Tage später wird ein Mann im Treppenhaus eines Mehrfamilienhauses in der Graefestraße von einer Gruppe attackiert und mit Waffen bedroht, wie Zeugen der Polizei melden. Beim Eintreffen der Beamten sind die Angreifer bereits verschwunden.

Am 15. Juni um 20.30 Uhr kommt es auf dem Sportgelände an der Graefestraße Ecke Urbanstraße zu einer Schlägerei unter mehreren Clan-Angehörigen. Zeugen berichten von „Knallgeräuschen“. Als die Polizei eintrifft, ist niemand mehr vor Ort.

Die Graefekiez-Gang bei einem Schießtraining in Polen. Auf dem Foto aus Polizeiakten sind die Namen der Männer über ihren Köpfen verzeichnet
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Attacke mit Uzi-Maschinenpistole vor einem Café

Am 10. Juli gegen 16.30 Uhr in der Wilhelmstraße: Zwei Männer sitzen vor einem Café, als sie von drei Personen mit Pfefferspray angegriffen werden. Sie flüchten ins Innere des Lokals, Stühle und Menütafeln werden hinterhergeworfen. Einer der mutmaßlichen Täter aus dem Wehbe-Umfeld soll dabei mit einer Uzi-Maschinenpistole auf die Köpfe der Opfer gezielt haben.

Polizei und Rettungskräfte kümmern sich in der Graefestraße um die Opfer der Attacke im Treppenhaus
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Am 11. Juli gegen 10 Uhr im Graefekiez: Zwei Personen stehen vor einem Haus, als ein Auto anhält. Vier Menschen steigen aus, zwei weitere kommen hinzugerannt. Die späteren Opfer verschanzen sich im Hausflur. Die Angreifer treten die Tür ein und gehen mit Baseballschlägern und Schlagstöcken vor. Das Duo wehrt sich mit Pfefferspray. Später geben sie bei der Polizei an, Geräusche wie das Durchladen von Schusswaffen gehört zu haben. Am 20. Juli um 1.03 Uhr in der Graefestraße: Bis zu 20 Personen ziehen Hindernisse auf die Fahrbahn und zünden Pyrotechnik.

Der jüngste bekannte Vorfall: Am 7. August gegen 20.40 Uhr wird vor einem Café an der Ecke Graefestraße und Böckhstraße ein 22-jähriger Mann durch mehrere Schüsse in Brust und Bauch schwer verletzt. Der Täter kann fliehen. Die Mordkommission prüft, ob die Tat auf den „Ursprungskonflikt“ zurückzuführen ist.

Nach den Schüssen auf einen 22-Jährigen sichert ein Polizist mit Maschinenpistole die Ecke Graefe-/Böckhstraße
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Polizei im Graefekiez im Dauereinsatz

Die Berliner Polizei hat den Graefekiez inzwischen unter permanente Beobachtung gestellt. Rund um die Uhr patrouillieren uniformierte und zivile Kräfte, Kripo und Einsatzhundertschaften sind dauerhaft präsent, eine mobile Wache wurde eingerichtet. Dennoch ist die Angst in der Nachbarschaft allgegenwärtig. Zu einer Bürgerversammlung im Juni erschienen dreimal so viele Menschen wie üblich. Sie berichteten, sich nicht mehr allein auf die Straße zu trauen, sich gegenseitig abzuholen oder begleiten zu lassen. Kinder dürften nicht mehr ohne Aufsicht die Urbanstraße zur Schule überqueren. Ihre Forderung: eine noch stärkere Polizeipräsenz.

LKA rechnet mit weiterer Eskalation

Anzeichen für eine Beruhigung gibt es kaum. Eine geheime Analyse des Landeskriminalamts, die The Pik einsehen konnte, geht davon aus, dass sich die Situation „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ weiter zuspitzen wird. Die Männer beider Seiten seien bewaffnet, wollten Rache und die Wiederherstellung ihrer „Ehre“.

Die Polizei ist immer wieder im Graefkiez im Einsatz. Die Beamten rechnen mit weiteren Auseinandersetzungen im Clan-Milieu
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Hintergrund der blutigen Auseinandersetzung zwischen den Familien Remmo und Wehbe ist offenbar der Mord an Mohammed „Bocki“ Rabieh (25) am 30. April 2022 auf einem Volksfest. „Bocki“, eine Größe der Neuköllner Clanszene, traf an einem Boxautomaten auf die Graefekiez-Gang um deren Anführer Jihad Wehbe (26).

Messerattacke am Boxautomaten

Wehbe sowie Omar (damals 20) und Mohamed O. (damals 19) greifen „Bocki“ von hinten an. Nach Schlägen und Pfefferspray ziehen Omar O. und Jihad Wehbe Messer und stechen mehrfach auf Rücken und Brust ein. Rabieh verblutet noch am Tatort.

Anführer Jihad Wehbe taucht unter und ist bis heute auf der Flucht, vermutlich in der Türkei. Omar O. wird zu acht Jahren Jugendhaft verurteilt, Mohamed O. zu 14 Tagen Arrest.

Jihad Wehbe (26) gilt als Anführer der Graefekiez-Gang. Er ist seit einem Mord im Jahr 2022 auf der Flucht
Quelle: Privat

Selbst Vermittler scheitern

Ein Mitglied der damaligen Graefe-Gang hat bis heute erheblichen Einfluss im Remmo-Clan. Nach Informationen von The Pik verlangt die Familie Wehbe, dass er die Verantwortung für den Mord übernimmt. Experten zufolge wird die Familie davon nicht abrücken. Sie gelte als „sehr stolz“, „unnachgiebig“ und „permanent bewaffnet“.

Die Remmos hingegen streben nach Informationen offenbar einen Frieden im Kiez an. Sogar Vermittler wurden eingeschaltet – ohne Erfolg. Und der Remmo-Mann widersetzt sich bis heute dem Rat enger Angehöriger, den Forderungen der Wehbes nachzukommen.