Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) – Im Verfahren um den gewaltsamen Tod des achtjährigen Fabian aus Güstrow richtet das Landgericht Rostock den Fokus nicht allein auf den Tag der Tat, sondern zunehmend auf die Geschehnisse des Vortags. Die Staatsanwaltschaft wirft der Angeklagten Gina H. (30) vor, den Jungen am 10. Oktober 2025 durch sechs Messerstiche getötet und die Leiche anschließend mithilfe von Grillanzündern in Brand gesetzt zu haben. Die Ermittlungen deuten jedoch darauf hin, dass Fabian seine mutmaßliche Täterin bereits am 9. Oktober 2025 getroffen haben könnte. Die Pik hat die mögliche zeitliche und örtliche Abfolge dieser Begegnung rekonstruiert.

Am Morgen des 9. Oktober 2025 klagt Fabian in der Schule über Nasenbluten. Seine Mutter Dorina L. (32) holt ihn daraufhin gegen 10.15 Uhr ab. Da sie beruflich eingebunden ist, schickt sie ihren Sohn allein mit dem Bus nach Hause in die Schweriner Straße, wo er um 10.42 Uhr eintrifft. „Ich leg’ mich einfach zu Hause hin und mach mir den Fernseher an“, vertraut der Junge seiner Mutter an. Auf seinen Wunsch bringt Dorina L. ihm um 12.30 Uhr einen Dürüm zum Mittagessen. Anschließend möchte er erneut das Haus verlassen.

Am Jugendclub „Alte Molkerei“ kam Fabian um 14.32 Uhr an
Quelle: Google Maps

Um 14.06 Uhr besteht für sein Handy letztmalig eine Verbindung zum heimischen WLAN, danach bricht er mit dem Fahrrad auf. Den Ermittlungen zufolge soll er beim Bäcker auf seinen besten Freund (9) getroffen sein, der sich auf dem Heimweg von der Schule befand. Kurz darauf erreichen die beiden Jungen gemeinsam die Wohnung des Freundes in der Plauer Straße. Zwischen 14.10 Uhr und 14.20 Uhr versucht Fabians Mobiltelefon, sich mit dem WLAN seines Kumpels zu verbinden. Da der Freund zum Basketballtraining muss, schickt dessen Mutter Fabian fort. Der Achtjährige macht sich deshalb um 14.20 Uhr auf den Weg zum Jugendclub „Alte Molkerei“. Seine Route könnte durch die Ulmenstraße, eine Seitenstraße seiner Wohnadresse, geführt haben, wo er gegen 14.25 Uhr angekommen wäre. Am Jugendclub „Alte Molkerei“ trifft er um 14.32 Uhr ein – für die Strecke benötigt er fünf Minuten länger als gewöhnlich.

Traf Fabian Hier auf seine mutmaßliche Mörderin?
Quelle: KI-generiert

Angeklagte hätte AWO-Termin in Güstrow gehabt

Am selben Tag: Die frühere Lebensgefährtin von Fabians Vater, Gina H., trifft sich zwischen 13.14 Uhr und 13.47 Uhr mit ihrem Bekannten Christian D. (37) am Krebssee bei Bellin. Dies geht aus der Auswertung von Handydaten hervor. Die beiden unterhalten sich über Gina H.s Beziehungsprobleme, wobei immer wieder Matthias R. (35) Thema ist. Eigentlich hatte die Angeklagte für 14 Uhr gemeinsam mit ihrem leiblichen Sohn J. einen Termin bei der Familienhilfe der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Güstrow. Die Fahrt vom Krebssee dorthin würde 19 Minuten in Anspruch nehmen – Gina H. hätte also mit geringer Verspätung gegen 14.06 Uhr eintreffen können. Sie erscheint jedoch nicht. Eine AWO-Mitarbeiterin ruft Gina H. deshalb um 14.14 Uhr an und fragt nach ihrem Verbleib. Diese behauptet, ihr Sohn sei krank und sie könne deshalb nicht kommen. Das Gespräch endet um 14.25 Uhr.


Was ein Zeuge beobachtete

Ein Zeuge bemerkt um 14.30 Uhr einen auffälligen orangefarbenen Ford Ranger an der Ecke Ulmenstraße/Schweriner Straße, als er selbst einen Parkplatz sucht. „Ich habe nur geschimpft. Der stand über zwei Parklücken“, erinnert sich der Zeuge. Einen Fahrer habe er nicht gesehen. Fest steht jedoch: Ein solches Fahrzeug fährt auch Gina H. Wäre sie vom Krebssee an der AWO vorbei zur Ulmenstraße gefahren, hätte sie dort bereits ab 14.09 Uhr geparkt.

Der auffällige orangefarbene Ford Ranger soll an der Ulmenstraße geparkt haben
Quelle: Unbekannt

Die entscheidende Uhrzeit ist 14.25 Uhr: Zu diesem Zeitpunkt hätten Gina H. und Fabian den Ermittlungen zufolge an der Ulmenstraße aufeinandertreffen können. Eine Begegnung, die höchstens fünf Minuten gedauert haben könnte.

AWO-Mitarbeiterin soll nochmal aussagen

„Fabi hat mir immer nicht so viel erzählt, wo er überall war. Er hat immer nur kurz angerissen, er hat nie so richtig erzählt“, sagt Fabians Mutter Dorina L. vor Gericht. Der Richter hakt nach: „Wenn er seinen Vater getroffen hätte, oder Frau H., oder Oma und Opa, hätte er das erzählt?“ „Ja, das hätte er auf jeden Fall gemacht“, antwortet Fabians Mutter.


Die Verteidigung von Gina H. möchte anhand von Fahrzeugdaten belegen, dass das Treffen mit Christian D. länger gedauert hat. Damit wäre eine Begegnung zwischen ihr und Fabian ausgeschlossen. Zudem soll die AWO-Mitarbeiterin laut Richter Holger Schütt im weiteren Prozessverlauf erneut vernommen werden, um frühere Angaben zu ergänzen oder zu korrigieren. Weshalb Gina H. den AWO-Termin tatsächlich absagte und ihren Sohn erst am späten Nachmittag von der Schule abholte – das bleibt bislang ungeklärt.