Berlin – Neue Enthüllungen werfen ein Schlaglicht auf die Kommunikationsstrategie in der Corona-Pandemie: Anthony Fauci (85), der oberste medizinische Berater der USA, bestritt öffentlich Gefahren der Impfung für Schwangere. Zeitgleich jedoch thematisierte er intern mögliche Risiken. Dies geht aus nun veröffentlichten Gesprächsprotokollen hervor. Die zentrale Frage lautet: Hat der bekannteste Corona-Berater Amerikas auch die deutsche Pandemiepolitik maßgeblich geprägt?
Die neu aufgetauchten Dokumente legen zudem einen regen Austausch mit Karl Lauterbach (63, SPD) nahe, der kurz darauf das Amt des Gesundheitsministers übernahm.
Interne Diskussion über Fehlgeburtsrisiken
Am 25. Januar 2021 kommunizierte Fauci mit Rochelle Walensky, der damaligen Leiterin der US-Gesundheitsbehörde, sowie mit Vivek Murthy, dem späteren Regierungschefarzt, über die Impfung werdender Mütter. Das damalige Problem: Schwangere waren in den ursprünglichen Zulassungsstudien für die Vakzine weitgehend ausgeschlossen worden, weshalb direkte Sicherheitsdaten nur begrenzt vorlagen.
In diesem internen Kreis wies Fauci auf eine mögliche Komplikation hin: Nach der zweiten Dosis könnten Fieber und eine ausgeprägte Immunantwort auftreten. Eine solche Reaktion könnte theoretisch Einfluss auf das Risiko einer Fehlgeburt im ersten Trimester haben. Walensky bewertete diesen Einwand als wesentlichen Punkt.
Bemerkenswert: Nur sieben Tage später erklärte Fauci in einem Interview, es gebe wahrscheinlich keine Risiken durch die Impfung für Schwangere.
Hat Fauci die Öffentlichkeit hinsichtlich der Impfgefahren also getäuscht?

Festzuhalten ist: Fauci erörterte in dem internen Austausch ein theoretisches Risiko, da belastbare Daten zu Schwangeren damals fehlten. In der Zeit zwischen dem internen Gespräch und dem Interview wurde jedoch eine Auswertung publiziert. Deren Ergebnis: Die Daten lieferten keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Komplikationen wie Fehlgeburten bei den Frauen.
Lauterbach: Infektion birgt höheres Risiko als Vakzine
Parallel dazu wurde diese Thematik auch in Deutschland erörtert. Im Frühjahr 2021 agierte die Ständige Impfkommission (Stiko) zunächst zurückhaltend bei der Empfehlung für Schwangere. Im September desselben Jahres erfolgte eine Anpassung: Die Stiko sprach sich nun für eine Impfung ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel aus. Karl Lauterbach unterstützte diese Linie öffentlich. Seine Begründung: Eine Corona-Infektion stelle für Mutter und Kind eine größere Gefahr dar als die Impfung. Bis Juli 2026 nahm die Stiko jedoch zunehmend Abstand von ihrer Empfehlung für Schwangere. Mittlerweile wurde die allgemeine Empfehlung zur Corona-Basisimmunität für gesunde Erwachsene aufgehoben – ausdrücklich auch für gesunde Schwangere ohne spezifische Risikofaktoren.
Agierte Fauci als Lauterbachs Berater?
Besonders aufschlussreich ist Faucis persönliches Tagebuch. Für den 30. Juni 2022 vermerkt er eine Videokonferenz mit Karl Lauterbach, BioNTech-Chef Uğur Şahin und dem damaligen US-Corona-Koordinator Ashish Jha. Besprochen wurde die Impfstrategie für den Herbst.
Laut Faucis Aufzeichnungen überzeugten er und Şahin Lauterbach von einem an die Omikron-Sublinien BA.4/BA.5 angepassten Vakzin. Nur drei Wochen später folgte ein persönliches Treffen zwischen Fauci und Lauterbach. Am 20. Juli 2022 notiert Fauci, Lauterbach habe sich bei seiner Impfstrategie stark an seinem Rat orientiert. Wörtlich heißt es dort: „Karl erwähnte mir gegenüber, dass er und seine Kollegen sehr genau darauf hören, was ich sage.“ Im Dezember 2022 bezeichnete er Lauterbach sogar als „eine Art Freund“. Lauterbach habe ihm zudem mitgeteilt, Fauci sei „ein Rockstar in Deutschland“.

Entspricht dies der Wahrheit? Lauterbach äußerte sich dazu: „Dr. Fauci ist ein extrem angesehener Wissenschaftler, mit dem ich mich gelegentlich in der Pandemie, wie mit vielen anderen Experten, ausgetauscht habe.“ Für seine Entscheidungsfindung sei jedoch der Corona-Expertenrat der Bundesregierung von besonderer Bedeutung gewesen, so Lauterbach. Die konkreten Fragen, ob und in welchen Fällen er Faucis Empfehlungen eingeholt und als Minister umgesetzt habe, ließ Lauterbach unbeantwortet.
Aus deutschen Regierungsdokumenten geht hervor, dass Lauterbach bereits vor den Treffen mit Fauci an der nationalen Impfstrategie arbeitete. Anfang Juni 2022 sprach er öffentlich über verschiedene Vakzintypen für den Herbst. Am 11. Juli 2022 – nur neun Tage vor dem persönlichen Treffen mit Fauci – ist zudem ein Gespräch mit Moderna dokumentiert, bei dem es unter anderem um den bivalenten Impfstoff für den Herbst ging. Deutschland befasste sich also bereits eigenständig mit angepassten Vakzinen. Dennoch bleibt der enge Kontakt bemerkenswert.
Unbestritten ist: Zwischen Fauci und Lauterbach gab es nachweislich intensive Kontakte. Das Bundesgesundheitsministerium bestätigte sowohl Treffen der beiden als auch Gespräche über Corona und Impfungen.
Welche Informationen erhielt Berlin?
Welche Erkenntnisse über mögliche Impfrisiken tatsächlich zwischen Washington und Berlin ausgetauscht wurden, bleibt offen. Fauci diskutierte im Januar 2021 intern ein theoretisches Fehlgeburtsrisiko. In den bisher veröffentlichten Fauci-Tagebüchern findet sich jedoch kein Beleg dafür, dass er Lauterbach über diese internen Bedenken zur Schwangerschaftsimpfung informierte. Auf entsprechende Nachfrage antwortete Lauterbach: „Dass Fauci angeblich Bedenken zur Corona-Impfung bei Schwangeren gehabt hätte, wäre mir neu, darüber haben wir meines Wissens nie gesprochen.“
The Pik fragte auch Christian Drosten nach seinem Verhältnis zu Fauci während der Pandemie. Ein Sprecher der Charité erklärte knapp: „Prof. Drosten steht in keiner persönlichen Beziehung zu Anthony Fauci. Weder gab es jemals eine direkte, bilaterale Kommunikation, noch eine wissenschaftliche Zusammenarbeit oder persönliche Treffen.“

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