Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) – „Es macht mich wütend, dass du mit anderen Frauen kommunizierst“, wettert Gina H. (heute 30) in einer nächtlichen Sprachnachricht an Matthias R. (35). Nur drei Tage, nachdem sein Sohn Fabian (8) spurlos verschwunden ist und er vor Verzweiflung keinen Schlaf findet. Nur einen Tag, bevor Fabian tot entdeckt wird – mit sechs Messerstichen getötet, an einem Teich nahe Klein Upahl.

Gina H. wird vorgeworfen, den Jungen aus Güstrow am 10. Oktober 2025 aus Eifersuchtsmotiven umgebracht und die Leiche zur Vertuschung der Spuren angezündet zu haben. Einen Tag zuvor hatte sein Vater die Beziehung zu ihr endgültig beendet. Inzwischen hat er sich wieder mit ihr versöhnt.

Richter Holger Schütt achtet während des Abspielens der Sprachnachrichten auf die Reaktion der Angeklagten
Richter Holger Schütt beobachtet während der Wiedergabe der Sprachnachrichten die Reaktion der Angeklagten

Beziehung per Sprachnachricht dokumentiert

Seit Wochen lässt das Landgericht in dem Mordverfahren Dutzende Sprachnachrichten abspielen. Gina H. und ihr früherer Partner Matthias R. sandten sich im Minutentakt Audios – vor allem die Angeklagte. Der Inhalt dieser Aufnahmen wirkt befremdlich: Mal sind im Hintergrund Hufschläge zu hören, mal fremde Stimmen. Einige Nachrichten wirken zornig, andere von Tränen begleitet. Die beiden hielten nahezu ihr gesamtes Leben in Sprachnachrichten fest – ein Umstand, der für das Gericht bei der Aufklärung noch von großer Bedeutung sein könnte.

An diesem Tümpel bei Klein Upahl wurde Fabians Leiche gefunden
An diesem Teich bei Klein Upahl entdeckte man Fabians Leiche

Im Mittelpunkt des Prozesses um den Mord an dem Achtjährigen stand am Mittwoch die Zeit ab seinem Verschwinden – beginnend am 10. Oktober um 07.04 Uhr. Damals vertraute Gina H. einem Bekannten an, dass sie Matthias R. nach einem Streit blockiert habe und „den ganzen Tag weine“. Es ist der Tag, an dem Fabian zwischen 10.50 Uhr und 15.00 Uhr seinen schweren Verletzungen erliegt.

Angeklagte zeigte sich besorgt

Erst um 20.50 Uhr schickt H. an diesem Tag eine weitere Nachricht an einen Bekannten. „Ich weiß tatsächlich, dass Fabian erzählt hat, dass er tagsüber immer allein ist, wenn Dorina arbeitet“, sagt sie. In den folgenden Stunden überschüttet sie ihren Ex-Freund Matthias R. mit Nachrichten. „Soll ich mitkommen? Dir bei der Suche helfen? Oder was meinst du? Möchtest du das?“, fragt sie. Doch R. reagiert offenbar nicht so, wie sie es erhofft. Er lädt sie nicht zu sich ein, fährt auch nicht zu ihr.

Gina H. kennt keine Zurückhaltung, wo andere längst aufgegeben hätten: „Ich kann dir nicht mehr bieten, als dir zu helfen oder es anzubieten“, sagt sie in einer anderen Nachricht. „Du weißt genau, ich bin für dich da.“ Dazwischen betont sie immer wieder, dass es jetzt nur um Fabian gehe. Sie habe ihn ebenfalls gemocht, ihn wie ein eigenes Kind geliebt.

Fabian (8) mit seiner Mutter Dorina L. (31) bei seiner Einschulung
Fabian (8) mit seiner Mutter Dorina L. (31) am Tag seiner Einschulung
Wenige Tage nachdem sein Sohn verschwunden war, ist Fabians Vater Matthias R. (35) verzweifelt
Nur wenige Tage nach dem Verschwinden seines Sohnes war Fabians Vater Matthias R. (35) am Boden zerstört

Doch irgendwann schlägt die Stimmung um. Aus vermeintlicher Anteilnahme werden Vorwürfe und Wut. Am Abend des 11. Oktober beschwert sich H.: „Jeder Hans und Franz darf dir helfen. Alle dürfen mit dir, nur ich nicht.“ Um 20.56 Uhr: „Ich möchte einfach nur für dich da sein. Ich möchte dir einfach nur helfen dürfen. Ich möchte auch mit dir suchen dürfen! Mit jedem kannst du los, nur mit mir nicht.“ Um 21.10 Uhr: „Warum darf jeder, nur ich nicht?“ Danach folgt eine Welle der Eifersucht. 21.53 Uhr: „Hab gesehen, du warst bei Raffaela.“


Angeklagte von Eifersucht getrieben

Am 13. Oktober um 9.25 Uhr: „Es geht mich ja eigentlich nichts an, aber hast du mir nicht gestern gesagt, du bist alleine unterwegs, Flyer verteilen? Stattdessen sitzt du mit x und y zusammen und trinkst Bier.“ 20.45 Uhr: „Eins interessiert mich noch: Mit wem schreibst du eigentlich die ganze Zeit bei Facebook? Ich mein’, geht mich eigentlich nichts an, aber interessiert mich irgendwie schon.“ 20.47 Uhr: „Da hast du ja eine, mit der du reden kannst. Mit der du schreiben kannst, die was für dich tun will. Dann brauchst du mich ja nicht.“ 20.56 Uhr: „Man muss fremden Frauen nicht antworten und mit denen schreiben, egal, was die für Fragen stellen. Vor allem deine angebliche Schwester. Das Thema hatten wir damals schon.“

Um 22.38 Uhr legt sie noch einmal nach: „Mich kotzt das an, dass du mit anderen Frauen schreibst.“ Es ist die letzte Nachricht, die das Gericht an diesem Mittwoch abspielt. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.