Frankfurt – Die Märkte geraten ins Wanken: Der Ölpreis steigt rasant, die Inflationsgefahr kehrt zurück und Aktienkurse brechen ein. Auslöser ist der Konflikt im Nahen Osten, der sich länger hinziehen könnte als erwartet. Diese Einschätzung hatten die Finanzmärkte bislang unterschätzt. Zu Wochenbeginn verzeichnet der Dax Verluste, ein globaler Abwärtstrend setzt ein. Seit Kriegsausbruch hat sich der Ölpreis um fast 60 Prozent erhöht. Für Sparer und Konsumenten entsteht eine riskante Konstellation. Die Lage für Ihr Vermögen spitzt sich zu.

Öltanker vor der Straße von Hormus: Wird die wichtige Handelsroute weiter gestört, drohen steigende Ölpreise
Öltanker vor der Straße von Hormus: Wird die wichtige Handelsroute weiter gestört, drohen steigende Ölpreise

Die Erwartung eines raschen Friedens bröckelt

Laut Jochen Stanzl, Chefanalyst der Consorsbank, haben die Börsen vier Wochen lang einen zeitlich eng begrenzten Konflikt im Mittleren Osten antizipiert. Diese Annahme war bereits in den Aktienkursen enthalten. Doch genau dieses Bild gerät ins Wanken. Durch den Kriegseintritt der Huthi-Miliz und eine wachsende Wahrscheinlichkeit für den Einsatz von US-Bodentruppen erhöht sich das Risiko einer längeren Auseinandersetzung deutlich. „Die deutlichen Kursverluste am Freitag deuten zunehmend auf eine Kapitulation der optimistischen Anleger hin.“ Das bedeutet: Die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende schwindet an den Finanzmärkten.

Ab 120 Dollar pro Barrel wird die Lage brisant

Der Ölpreis ist nun der zentrale Faktor – und seine Auswirkungen sind im täglichen Leben bereits spürbar. Die Kraftstoffkosten sind gestiegen, ebenso wie die Heizkosten. Parallel erhöhen sich die Preise für viele Waren, weil Transport und Herstellung teurer werden. Ein Ölpreis um 100 Dollar galt bislang als tragbar und ist von den Märkten weitgehend einkalkuliert. Der gegenwärtige Preis liegt jedoch deutlich höher: Für ein Barrel der Nordseesorte Brent werden etwa 116 Dollar bezahlt.

Die Konsequenz ist eine ansteigende Inflation. Das heißt: Das Leben wird kostspieliger, während die Kaufkraft schrumpft. Gleichzeitig sehen sich Notenbanken gezwungen, die Zinsen länger auf einem hohen Niveau zu belassen oder sogar wieder zu erhöhen. Kredite bleiben teuer, Investitionen werden gebremst und auch die Aktienmärkte leiden.

Ab ungefähr 120 Dollar wird die Situation kritisch: Das Wachstum lässt nach, während die Preise weiter steigen – eine problematische Kombination auch für Sparer und Investoren. „Was der Markt bislang nicht berücksichtigt hat, ist eine spürbare Abwärtsrevision der Wachstums- und Inflationsschätzungen.“ In solchen Phasen kam es in der Vergangenheit laut Stanzl „häufig zu Rücksetzern am Aktienmarkt von 15 bis 20 Prozent“.

150 Dollar: Die Rezession rückt näher

Sollte der Ölpreis deutlich über 150 Dollar klettern, rückt eine Rezession „in den Bereich des Wahrscheinlichen“, so Stanzl. Die Wirtschaft würde merklich abkühlen, die Nachfrage würde sinken. Auch die Rolle der Zinsen würde sich wandeln: Weitere Erhöhungen wären dann kaum noch ein Thema, da die schwächere Nachfrage den Preisdruck wieder dämpfen könnte. Für die Märkte ist laut Stanzl nicht nur die Höhe des Ölpreises entscheidend – vor allem die Dauer eines solchen Preisschocks spielt eine Rolle.

Derzeit richten sich die Hoffnungen der Märkte auf Signale aus Teheran. „Nun hoffen die Märkte auf eine Bestätigung durch den Iran, dass Gespräche mit den USA tatsächlich stattfinden.“ Eine solche Annäherung könnte die Situation schnell entschärfen – und damit auch den Ölpreis nach unten drücken.

Jochen Stanzl ist Chefmarktanalyst der Consorsbank. In dieser Funktion untersucht er die Entwicklungen an den Finanzmärkten und bewertet wirtschaftliche sowie geopolitische Trends für Anleger. Zuvor war er unter anderem Chefmarktanalyst beim Online-Broker CMC Markets sowie Mitgründer der Analyseplattform stock3 (früher BörseGo). Medien zitieren ihn regelmäßig zu Themen wie Börse, Zinsen und Konjunktur.