München (Bayern) – Zunächst fiel sie auf eine erfundene Erkrankung herein – nun steht ihre komplette Karriere auf der Kippe! Was als Experiment des YouTubers Marvin Wildhage (30) begann, nimmt immer größere Ausmaße an. Für seine Untersuchung erfand er die Krankheit „Postvirale nasale Hypersensibilität“, rief eine fiktive Pharmafirma ins Leben und ließ sogar eine passende Website erstellen. Sein Anliegen: herauszufinden, ob Medizin-Influencer bezahlte Kooperationen ausreichend hinterfragen.
Alina Walbrun verbreitete daraufhin mehrere Instagram-Storys über die angebliche Krankheit. Darin behauptete sie unter anderem, sie sei gerade beim Arzt gewesen und habe die Erkrankung bereits während ihres Medizinstudiums kennengelernt. Das Problem: Die Krankheit existiert schlichtweg nicht!

Medizinstudentin: „Sie bringt Menschen in Gefahr“
Später gab die Influencerin ihren Fehler öffentlich zu. „Den konkreten Krankheitsbegriff habe ich nicht ausreichend überprüft und später so darüber gesprochen, als sei er mir aus dem Studium bekannt gewesen. Das war falsch und irreführend. Gerade aufgrund meiner medizinischen Ausbildung hätte mir das nicht passieren dürfen“, erklärte Walbrun.
Nun wird bekannt: Es war offenbar nicht die erste Unwahrheit, die sie ihren – damals noch über 300.000 – Fans auftischte.
„Sie lügt und bringt Menschen damit in Gefahr“, kommentiert eine Medizinstudentin das Enthüllungsvideo von Wildhage etwa. Eine Ärztin schreibt: „Das, was Alina da an Quatsch teilweise verbreitet, muss ich dann in der Praxis wieder aus den Köpfen der Patienten bekommen.“ Sie nennt als Beispiel den Blutzuckersensor-Trend.
Marvin Wildhage sieht sich durch solche Reaktionen natürlich bestätigt: Menschen mit medizinischer Expertise genössen ein enormes Vertrauen, sagt er, genau deshalb trügen sie auch eine besondere Verantwortung. Wildhage: „Ärztinnen und Ärzte dürfen aus gutem Grund rechtlich nicht jede Form der Werbung machen, weil sie in ihren Empfehlungen möglichst unabhängig und unbefangen bleiben sollen.“ Umso problematischer sei es, wenn Reichweite und Vertrauen genutzt würden, um Produkte oder Aussagen gegen Bezahlung zu bewerben, die wissenschaftlich nicht haltbar seien oder falsche Hoffnungen weckten. „Das kann im schlimmsten Fall echte gesundheitliche Folgen haben.“
Die Bundesärztekammer erklärt auf Nachfrage: „Der Fall Alina Walbrun zeigt einmal mehr, welche Risiken von einer Verbreitung medizinischer Fehlinformationen ohne wissenschaftliche Grundlage in sozialen Medien ausgehen können.“
Täuschte Alina ihre Fans mit Patienten-Geschenk?
Schon vor dem Fake-Krankheits-Skandal wurde Walbruns Gesundheitscontent kritisch hinterfragt. Der Chirurg und Medizin-Influencer Jasper Iske recherchierte unter anderem zu ihren Ernährungstipps. Er kritisierte, dass Walbrun Lebensmittel wie Hafermilch, Orangensaft oder Datteln wegen angeblicher Blutzucker-Spitzen als ungesund darstellte – später aber selbst Rezepte mit Datteln veröffentlichte.

Apropos Datteln! In einem ganz anderen Licht erscheint jetzt auch eine Instagram-Story, in der Walbrun schrieb, eine Patientin habe ihr Schoko-Datteln als Dankeschön geschenkt. Dazu veröffentlichte sie ein Foto der verzierten Datteln. Jasper Iske wies später öffentlich darauf hin, dass ein identisches Bild bereits zuvor auf einer Verkaufsplattform im Internet erschienen war.
Das Funk-Rechercheformat „Offen un' Ehrlich“ griff den Fall auf. Walbrun erklärte anschließend, sie dürfe aus Gründen des Patientenschutzes grundsätzlich keine Fotos aus ihrem Klinikalltag veröffentlichen. Auch ein Bild, das Walbrun mit ihrem Klinikalltag in Verbindung brachte, wurde einem bereits auf Pinterest veröffentlichten Foto gegenübergestellt.

Führte Alina ihre Fans mit Harvard-Studium in die Irre?
Selbst Alina Walbruns Studium sorgt für Diskussionen auf Social Media. Nach ihrem Medizinstudium wandte sie sich der Psychologie zu und berichtete auf Instagram regelmäßig über ihre Zeit an der renommierten Harvard University. Kritiker werfen ihr vor, dadurch den Eindruck erweckt zu haben, sie absolviere einen klassischen Harvard-Master in Psychologie.

In Wahrheit belegte Walbrun zwar Kurse an der Harvard University. Aber es gibt dabei einen Unterschied: Über die Harvard Summer School und die Harvard Extension School können Interessierte gegen Studiengebühren einzelne Kurse besuchen – ohne Vorqualifizierung. Das ist etwas anderes, als an einer klassischen Harvard-Fakultät wie der Harvard Medical School oder dem Harvard College studiert zu haben.

„Doc Alina“ gab sich als Ärztin aus
Und auch um Alina Walbruns Approbation gibt es inzwischen Ungereimtheiten. Die Approbation ist die offizielle Zulassung, als Arzt arbeiten und sich auch so nennen zu dürfen. Wer das Medizinstudium abgeschlossen hat, ist nicht automatisch approbierter Arzt. Dafür muss nach dem Staatsexamen die Approbation bei der zuständigen Behörde beantragt und erteilt werden.
Alina bezeichnete sich jedoch ohne die Approbation bereits als Ärztin. Zum Beispiel in ihren E-Mail-Antworten auf Kooperationsanfragen. Später erklärte sie auf Instagram, die Formulierung sei versehentlich von ihrer Assistentin verwendet worden. Nach ihrer Darstellung habe die Mitarbeiterin vier E-Mails verschickt, ohne dass sie diese vorher gesehen habe. Dabei sagte Walbrun in einer Folge ihres Podcasts „Optimize“ (veröffentlicht am 17. Mai 2026): „Ja, ich bin seit Dienstag offiziell Ärztin. (…). 12. Mai 2026, an dem Tag bin ich Ärztin geworden.“
In einer Instagram-Story widersprach sie sich dann wiederum selbst und sagte, dass sie ihre Approbation nie angenommen habe. Warum? Der Arzt Jasper Iske wirft Alina Walbrun auf Instagram vor: „Um genau solche Werbung weiter ungestraft machen zu können.“
Rechtsanwalt ordnet die Vorwürfe ein
Laut Christian Solmecke (52), Rechtsanwalt für Internet- und Medienrecht, bezahlen Pharmaunternehmen Influencer dafür, dass sie ihren Followern von Krankheiten erzählen. Das soll den Verkauf von Medikamenten ankurbeln. Hintergrund: Direkte Werbung ist den Konzernen aufgrund des Heilmittelwerbegesetzes verboten.

Der Rechtsanwalt ordnet auch die Vorwürfe ein: „Wenn neben dem ursprünglichen Vorfall weitere irreführende Aussagen ans Licht kommen, verschärft das die juristische Bewertung massiv. Zeichnet sich ein systematisches Muster der öffentlichen Falschdarstellung ab, erhärtet das den Verdacht auf vorsätzliches Handeln erheblich. Es geht dann nicht mehr um ein bloßes Versehen, sondern um eine bewusste, fortgesetzte Täuschung der Öffentlichkeit und der Kooperationspartner zur eigenen Profilierung.“
Wird „Doc Alina“ nie Ärztin?
Weiter: „Während ein isolierter Fehltritt vielleicht noch unberücksichtigt bliebe, offenbart ein Konstrukt aus Lügen eine grundlegende charakterliche Unzuverlässigkeit.“ Und diese könne gravierende Folgen auf ein mögliches Approbationsverfahren haben.

Solmecke erklärt: „Die Approbation wird nur erteilt, wenn keine Unwürdigkeit oder Unzuverlässigkeit vorliegt. Wer öffentlich und systematisch über die eigene Qualifikation täuscht, riskiert, dass die zuständige Behörde die Approbation verweigert.“
In der Zwischenzeit erklärte das LMU-Klinikum München öffentlich, Walbrun sei dort nicht mehr tätig. Gleichzeitig distanzierten sich Medizinische Fakultät und Klinikum von „unwissenschaftlichen Aussagen“, die den Grundsätzen evidenzbasierter Medizin widersprächen.

Eine Anfrage, in der Alina Walbrun mit sämtlichen Vorwürfen konfrontiert wurde, ließ sie bislang unbeantwortet.










