Illegaler Handel auf TikTok: Eine Enthüllung zeigt, wie über die Kurzvideo-Plattform für Blüten, Drogen und verschreibungspflichtige Arzneien geworben wird. Die britische Regulierungsbehörde Ofcom prüft derweil den Jugendschutz des Dienstes.

Für die Betreiber von TikTok und die Strafverfolgungsbehörden entwickelt sich der illegale Handel zunehmend zu einem Problem. Eine Recherche aus Großbritannien deckt auf, wie Kriminelle mit kurzen Clips für Falschgeld, Betäubungsmittel und rezeptpflichtige Medikamente werben. Potenzielle Käufer werden dabei gezielt in Telegram-Gruppen gelotst. Die Behörden ermitteln gegen die Betreiber der Kanäle. Als Reaktion auf Löschungen tauchen gesperrte Profile einfach unter neuen Namen wieder auf.

TikTok als Umschlagplatz für illegale Waren

Eine investigative Recherche der britischen Tageszeitung The Mirror sorgt derzeit für Aufsehen. Demnach dient die Plattform nicht nur Influencern als Bühne, sondern auch als Einstieg in einen florierenden Schwarzmarkt. Über kurze Videoclips sollen Nutzer zu Telegram-Kanälen weitergeleitet werden, in denen Falschgeld, Drogen und verschreibungspflichtige Medikamente feilgeboten werden.

Um nicht entdeckt zu werden, präsentieren die Anbieter ihre Waren meist möglichst unauffällig. In manchen Videos, die für Blüten warben, war etwa nur ein Umschlag zu sehen, aus dem Geldscheine ragten. Andere Beiträge zeigten hingegen völlig offen rezeptpflichtige Medikamente mitsamt der Verpackung. Trotz der geltenden Moderationsregeln erzielten einige der beanstandeten Videos tausende Aufrufe. Auch die britische Aufsichtsbehörde Ofcom prüft, ob TikTok Minderjährige ausreichend vor illegalen Inhalten schützt.

Enthüllung stößt auf erstaunlich offene Angebote

Angestoßen wurden diese Enthüllungen von dem 23-jährigen Filmemacher Sam Tullen aus Liverpool. Für seine YouTube-Dokumentationsreihe „Disclosed“ wollte er überprüfen, ob hinter auffälligen Werbevideos auf TikTok Betrugsmaschen stecken. Im Zuge seiner Recherchen stieß er auf ein weit verzweigtes Netzwerk, das tatsächlich illegale Waren vermittelt.

Beim Scrollen durch den persönlichen „For You“-Feed erschienen laut Tullen schon nach wenigen Videos Anzeigen für gefälschte Banknoten oder Betäubungsmittel. Gegenüber The Mirror äußerte er: „Es ist absurd, dass so etwas als Werbung zugelassen wird.“ Aus anfänglicher Skepsis wurde so eine umfangreiche Recherche zum illegalen Handel auf TikTok. Tullen stellte fest, dass die betreffenden Videos zu Telegram-Gruppen führten, in denen mutmaßlich Falschgeld, verschreibungspflichtige Medikamente, LSD sowie Cannabis-Produkte angeboten wurden.

Die Verkäufer warben dabei offensiv mit angeblich hochwertigem „A++“-Falschgeld, das sich kaum von echten Banknoten unterscheiden lasse. Angeboten wurden unter anderem Pakete mit einem Nennwert von 2.000 britischen Pfund für lediglich 200 Pfund, 5.000 Pfund für 300 Pfund oder 10.000 Pfund für 500 Pfund. Einzelne Telegram-Gruppen sollen dabei mehr als 10.000 Mitglieder gezählt haben.

Tullen schloss daraus, dass es sich hierbei um einen professionell organisierten illegalen Handel über soziale Netzwerke handelte. Nach seinen Erkenntnissen wurden die angebotenen Waren auch tatsächlich ausgeliefert. Es handelte sich demnach nicht um Betrugsmaschen, bei denen potenzielle Käufer lediglich abgezockt werden sollten. Gegenüber The Mirror zeigt sich Tullen besorgt:

„Ich dachte, da versucht jemand, hilfsbedürftige Menschen mit Geldproblemen oder Suchtproblemen auszunutzen. Als sich dann herausstellte, dass es sich um Betrug handelte, war ich schockiert und angewidert, zu erfahren, wie weit verbreitet so etwas in der App ist. […] Zu wissen, dass jemand, der es wie ich gemacht und die Ware gekauft hat, sie auch tatsächlich erhalten würde. Das ist das Beängstigende – wie leicht man daran kommen kann.“

Telegram als eigentlicher digitaler Schwarzmarkt

Gemäß der Recherche dienten die TikTok-Videos somit in erster Linie als Köder. Wer Interesse zeigte, wurde über eingeblendete Nutzernamen oder Links in Telegram-Gruppen weitergeleitet. Dort begann dann der eigentliche Handel.

Vom Kurzvideo zum Schwarzmarkt: TikTok-Videos führen Interessenten offenbar zu Telegram. (KI-generiert)

Nach Angaben von Sam Tullen beschränkten sich die Angebote jedoch nicht nur auf Falschgeld oder Medikamente. In den Gruppen fanden sich vielmehr auch LSD sowie mit Cannabis versetzte Süßigkeiten wie Brownies und Gummibonbons. Die Verkäufer sicherten dabei diskrete Lieferungen zu. Einige warben sogar mit taggleicher Zustellung.

Tullen fielen Videos auf, die Druckmaschinen und Stapel halbfertiger Banknoten zeigten. Gegenüber vermeintlichen Kaufinteressenten behaupteten die Anbieter, über mehrere Kuriere innerhalb Großbritanniens zu verfügen. Statt die gefälschten Banknoten per Post zu verschicken, sollten Kunden das Geld der Verkäufer an sogenannten „Dead Drops“ abholen, etwa aus unverschlossenen Fahrzeugen oder an versteckten Ablageorten im öffentlichen Raum.

Organisierte Kriminalität im Hintergrund?

Für den Filmemacher sprechen mehrere Indizien dafür, dass hinter den Angeboten professionell organisierte Gruppen stehen. Die gezeigte Infrastruktur, die Lieferketten und eine Vielzahl nahezu identischer Accounts deuten nach seiner Einschätzung auf ein koordiniertes Netzwerk hin.

Im Rahmen seiner Recherche zu den illegalen Geschäften auf TikTok nahm Tullen Kontakt zu einem wiederkehrenden Käufer auf, dessen Telefonnummer versehentlich innerhalb einer Telegram-Gruppe sichtbar geblieben war. Dieser gab an, bereits Falschgeld im Wert von mehr als 30.000 britischen Pfund erworben zu haben, um damit Spielschulden zu begleichen.

Nach eigener Aussage setzte er die Blüten ausschließlich an Geldautomaten, Spielautomaten oder Self-Checkout-Kassen ein. Dort vermutete er ein geringeres Entdeckungsrisiko. Tullen führt gegenüber The Mirror aus:

„Er wirkte nicht so, als ob er sich bewusst wäre, dass er etwas Falsches tat. Für ihn schien es völlig harmlos zu sein.“

Während der Dokumentation meldete Tullen entsprechende Profile sowohl TikTok als auch den Plattformbetreibern. Daraufhin beobachtete er, dass die gemeldeten Accounts pflichtgemäß entfernt wurden. Kurze Zeit darauf erschienen jedoch neue Profile mit ähnlichen Inhalten und leicht veränderten Benutzernamen.

Durch die enorme Reichweite sozialer Netzwerke erreichen illegale Inhalte auf Plattformen wie TikTok, anders als im Darknet, potenziell Millionen Nutzer, darunter auch Minderjährige. Nach Einschätzung Tullens ließen auch Kommentare unter den Videos darauf schließen, dass sie von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen stammen könnten.

Mit seiner Aussage gegenüber The Mirror, der „For You“-Feed sei zum Konkurrenten des Darknets geworden, bringt der Dokumentarfilmer diese Entwicklung auf den Punkt:

„Das Darknet hat jetzt Konkurrenz: die Für-dich-Seite. Offensichtlich wissen diese Leute, dass es keine wirklichen Konsequenzen gibt. Sie werden vielleicht gesperrt, aber sie können einfach wieder von vorne anfangen. Sie erreichen täglich neue Zielgruppen.“

Die Plattform fungiere dabei als leicht zugänglicher Einstieg, über den Interessenten zu verschlüsselten Messenger-Diensten wie Telegram weitergeleitet werden.

Reaktionen von TikTok, Telegram und Ofcom

Nach Abschluss der Recherche entfernte TikTok nach eigenen Angaben sämtliche gemeldeten Accounts, die entsprechende Hashtags geteilt haben. Das Unternehmen verweist auf seine Community-Richtlinien, die den Handel, die Bewerbung oder die Vermittlung verbotener, regulierter oder besonders risikobehafteter Waren und Dienstleistungen untersagen.

Auch Telegram nahm gegenüber The Mirror zu den Vorwürfen Stellung. Ein Sprecher erklärte, der Verkauf von Falschgeld oder anderen illegalen Waren verstoße gegen die Nutzungsbedingungen des Messengers. Öffentliche Bereiche der Plattform würden sowohl automatisiert mithilfe KI-gestützter Systeme als auch durch Moderatoren überwacht. Darüber hinaus bearbeite Telegram täglich Millionen Meldungen über schädliche Inhalte. Dass Täter andere Plattformen nutzen müssten, um Interessenten überhaupt erst zu ihren Gruppen zu lotsen, sei laut Telegram ein Beleg dafür, dass die eigenen Moderationsmaßnahmen Wirkung zeigten.

Britische Aufsicht nimmt TikTok unter die Lupe

Zugleich hat auch die britische Medienaufsicht Ofcom eine formelle Untersuchung eingeleitet. Geprüft wird hierbei, ob TikTok seinen Verpflichtungen aus dem britischen Online Safety Act nachkommt und Minderjährige wirksam vor schädlichen oder illegalen Inhalten schützt.

Die Behörde prüft unter anderem, ob die eingesetzten Alterskontrollen und Schutzmechanismen den gesetzlichen Anforderungen entsprechen. Sollte Ofcom zu dem Schluss kommen, dass TikTok seine Pflichten verletzt hat, drohen dem Unternehmen empfindliche Sanktionen.

Darüber hinaus arbeitet die Regulierungsbehörde an neuen Vorgaben für bezahlte Werbung, die Betrug fördern oder erleichtern könnte. Eine entsprechende Konsultation zu sogenannten Fraudulent Advertising Codes of Practice läuft seit Juli 2026. Für andere illegale Inhalte gelten unter dem Online Safety Act bereits bestehende Pflichten. Diese greifen unabhängig von den geplanten Regeln für bezahlte Betrugswerbung.