Wolgast – Ein offener Brandbrief sorgt für Aufsehen: Wolgasts Bürgermeister Martin Schröter (62, parteilos) geht nach dem Aus für das milliardenschwere Fregatten-Projekt F126 auf Konfrontationskurs. In einem persönlichen Schreiben an Verteidigungsminister Boris Pistorius (66, SPD) spricht er von einer drohenden „wirtschaftspolitischen Katastrophe“ für seine Kommune und verlangt rasch einen Ersatzauftrag für die Peene-Werft.
Die Werft in der Hafenstadt nahe Usedom zählt zu den bedeutendsten Arbeitgebern der Gegend. Umso heftiger fiel der Schock aus, als das Verteidigungsministerium den Stopp des Vorhabens von einem Tag auf den anderen verkündete: „Das hat uns alle wirklich erschüttert! Rheinmetall wurde kalt erwischt, unsere Landesregierung wurde kalt erwischt und unsere Werft ebenso“, erklärt Schröter. In das Vorhaben wurden bislang 2,3 Milliarden Euro investiert. Für den Bürgermeister steht jedoch weit mehr auf dem Spiel als nur der Werftbetrieb selbst. Zulieferer, Dienstleister und zahlreiche Arbeitsplätze hängen an dem Projekt, zudem drohen Steuereinbußen in Millionenhöhe.

Berlin zeigt keinerlei Interesse an den Konsequenzen
Besonders bitter ist die Lage, weil Wolgast bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre eine schwere Werften-Krise durchlebt. 2018 stoppte die damalige Bundesregierung nach der Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi sämtliche Rüstungslieferungen nach Saudi-Arabien. Die Peene-Werft sollte unter dem früheren Eigentümer Lürssen 35 Küstenwachboote fertigen. „Nun zieht die nächste Bundesregierung den Stecker. Das ist schlichtweg irre“, so Schröter.
Besonders erzürnt den Bürgermeister die Informationspolitik aus der Hauptstadt. „Niemand macht sich dort Gedanken über die Auswirkungen!“ Nicht einmal das Bundeswirtschaftsministerium sei im Vorfeld unterrichtet worden.

Der ursprüngliche Fregattenauftrag lag einst bei der Lürssen-Gruppe. Nach dem Verkauf der Marinesparte übernahm Rheinmetall den Standort samt Auftragsbuch. Nun sollen neue Fregattenprojekte offenbar an Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) vergeben werden. Weshalb die Fertigung künftig woanders erfolgen soll, erschließt sich Schröter nicht.
Um Kurzarbeit zu vermeiden, verlangt er umgehend einen neuen Auftrag der Marine. „So behandelt man keine Menschen, indem man sie einfach im Stich lässt. Das ist erbärmlich!“ Eine persönliche Antwort von Pistorius auf seinen Brandbrief hat Schröter nach aktuellen Erkenntnissen bislang nicht bekommen.





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