Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) – Sein Alltag war von ihrer ständigen Überwachung geprägt: Ob beim kurzen Gang zur Getränkeholung im Job oder im Wartezimmer des Zahnarztes – meldete er sich nicht umgehend, stand für sie sofort fest: Da ist eine andere Frau im Spiel. Die Beziehung zwischen der Hauptbeschuldigten im Tötungsdelikt an Fabian (8) und dem Vater des getöteten Jungen war von extremer Eifersucht und einem ausgeprägten Kontrollbedürfnis gekennzeichnet. Vor dem Landgericht Rostock wird dieses Bild im Prozess gegen Gina H. (30) zunehmend deutlicher.
Die Anklagebehörde geht sogar einen Schritt weiter: Gina H. habe den Jungen mutmaßlich deshalb beseitigen wollen, weil er immer wieder Anlass für Konflikte in der Partnerschaft bot. Ihr wird vorgeworfen, am 10. Oktober 2025 den Sohn ihres damaligen Freundes Matthias R. (35) an einem Gewässer nahe Klein Upahl (Mecklenburg-Vorpommern) mit sechs Messerstichen getötet zu haben. Anschließend soll sie den Leichnam mit Brandbeschleuniger in Brand gesetzt haben.

„Sie beanspruchte die Kontrolle über ihn für sich“
Im Verlauf der Verhandlung rückte wiederholt Gina H.s Drang in den Fokus, Fabians Vater zu überwachen. „Die Angeklagte neigte zu ausgeprägter Eifersucht. Schon eine Veränderung seines Facebook-Profilbilds führte zu massiven Auseinandersetzungen. Sie beanspruchte die Kontrolle über ihn für sich, wollte über seine Arbeitszeiten informiert sein und sogar über Pausen, in denen er sich etwas zu trinken holte“, erläuterte ein Datenanalyst (38) der Kriminalpolizei Rostock, der die Kommunikationsdaten der sichergestellten Mobiltelefone ausgewertet hatte.

Richtete sich die Eifersucht der Angeklagten auch gegen Fabian?
Diese Einschätzung untermauerten weitere Aussagen vor Gericht. „Einmal traf Matthias Fabian, ohne dass Gina davon wusste. Als sie dahinterkam, machte sie ihm eine heftige Szene“, berichtete Stefan E., der bis kurz nach Fabians Verschwinden als enger Vertrauter von Matthias R. galt. „Abends musste er ihr regelmäßig sein Handy vorzeigen. Mittags war ein Videoanruf Pflicht, um zu belegen, dass er allein ist.“ Die Vorgesetzte von Matthias R. schilderte zudem, dass dieser den Verdacht geäußert habe, Gina H. könnte eine Überwachungssoftware auf seinem Gerät installiert haben.

„Warum dauert es beim Zahnarzt immer so lange?“
Um Gina H.s ständigem Verlangen nach Informationen über seinen Aufenthaltsort nachzukommen, informierte Matthias R. sie per SMS selbst über Arztbesuche: „Ich fahr’ jetzt zum Zahnarzt, nur dass du Bescheid weißt.“ Als er eine Stunde später das Ende des Termins nicht mitgeteilt hatte, reagierte Gina H. prompt: „Warum bist du jedes Mal so lange da?“ Matthias R. erklärte, dass man im Wartezimmer eben ausharren müsse, bis man aufgerufen werde, und danach oft noch eine Viertelstunde vergehe, bis die Zahnärztin erscheine. Seine Freundin konterte mit immer absurderen Unterstellungen: „Ja, du hast dich sicher wieder für die umgezogen, anstatt in der Arbeitshose, mit der du gegangen bist.“

„Muss ich künftig auch den Gang zur Toilette melden?“
Am 13. August 2025 beendete Matthias R. die Beziehung zu der Angeklagten. In anschließenden Sprachnachrichten thematisierten beide die Gründe für das Aus. „Dann dieser Kontrollzwang: Soll ich am besten noch Bescheid sagen, wann ich auf Toilette gehe und wann nicht?“, fragte Fabians Vater. Gina H. entgegnete: „Du nennst es Kontrollzwang. Bei mir ist es die Angst, dass du eine andere hast. Letzte Nacht habe ich geträumt, dass du bei einer anderen warst.“
Gedanken kreisten nicht um Fabian, sondern um mögliche Rivalinnen
Auch nach Fabians Verschwinden waren Gina H.s Gedanken offenbar nicht bei dem Jungen oder den Ängsten von Matthias R. – sondern bei potenziellen Konkurrentinnen, die an der Suche beteiligt sein könnten. „Hab gesehen, du warst bei Raffaela“, schrieb sie Matthias R. am Abend des 10. Oktober, dem Tag, an dem sein Sohn als vermisst gemeldet wurde. Nachdem sie am 13. Oktober gemeinsam mit ihrem Bekannten Christian D. und ihrem Nachbarn Olaf K. die verbrannte Kinderleiche entdeckt haben soll, informierte sie Matthias R. nicht über den grausigen Fund. Stattdessen sandte sie ihm eine Sprachnachricht: „Ja, verdammt, ich bin eifersüchtig. Mich kotzt das an, dass du mit anderen Frauen schreibst.“ Laut dem Polizeispezialisten sei für Gina H. sogar der Kontakt zu Fabians Mutter, von der Matthias R. getrennt lebte, eine unerträgliche Vorstellung gewesen.

Dass Gina H. ihre eigene Eifersucht durchaus als problematisch erkannte, legt die Auswertung ihrer digitalen Spuren nahe: „Warum bin ich so eifersüchtig?“, fragte sie das KI-System ChatGPT. Erstaunlich: Trotz allem haben sie und Fabians Vater inzwischen wieder eine Beziehung.

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