Brandenburg – Sie kommen nachts mit Lastwagen, brechen Ställe auf, treiben die Tiere auf die Ladefläche und verschwinden in Richtung Osten. In Brandenburg haben organisierte Banden innerhalb weniger Wochen Hunderte Rinder gestohlen. Eine Ermittlungsgruppe der Polizei jagt nun die Viehdiebe. Für die betroffenen Landwirte geht es um die Existenz.


Zuletzt gab es in Brandenburg vier Fälle von Rinderdiebstahl. Jedes Mal verschwanden Dutzende Tiere auf einmal, stets von abgelegenen Höfen, vor allem im grenznahen Bereich. Nach Angaben von Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (46, CDU) könnte sich eine Bande in Osteuropa auf Viehdiebstähle spezialisiert haben. Der Landesbauernverband vermutet „eine organisierte Gruppe von Tätern mit genauen Kenntnissen zur Verladung von Tieren“. Bereits zwischen 2015 und 2017 gab es eine ähnliche Serie solcher Diebstähle in Brandenburg. Damals konnte die polnische Polizei eine Bande aus Polen fassen.

Jetzt ist die Kuh-Mafia offenbar zurück.

Aus diesem Stall in Zixdorf verschwanden 63 Mastrinder
Aus diesem Stall in Zixdorf verschwanden 63 Mastrinder

Verdächtiger Viehtransporter aus Polen

Tatort Zixdorf, Landkreis Potsdam-Mittelmark. Am frühen Morgen des 29. März bemerken Mitarbeiter der Flämingland Agrar eG Boßdorf einen aufgebrochenen Stall. 63 von 450 Rindern fehlen. Es handelt sich um junge Masttiere im Alter von sechs bis neun Monaten. Der Schaden beträgt rund 83.000 Euro. Später meldet sich ein Zeuge, der hier am Vorabend zwischen 21 und 22 Uhr einen blauen Viehtransporter gesehen haben will. Der Lkw fuhr in Richtung A9 und hatte ein polnisches Kennzeichen.

Eckhard Tzschoppe (29) leitet die Rinderproduktion der Agrargenossenschaft Gräfendorf
Eckhard Tzschoppe (29) leitet die Rinderproduktion der Agrargenossenschaft Gräfendorf

„Ganzer Jahrgang Kühe gestohlen“

Tatort Gräfendorf, Landkreis Elbe-Elster. In der Nacht zum 21. April fährt ein Lkw über eine abgelegene Zufahrt zur Agrargenossenschaft. Die Täter brechen das Tor auf und suchen gezielt nach drei bis sechs Monate alten Kälbern der Rasse Deutsches Schwarzbuntes Niederungsrind. Am nächsten Morgen fehlen 69 Tiere im Wert von 50.000 Euro. „Das ist unsere Existenz, uns fehlt ein ganzer Jahrgang Kühe für unsere Produktion“, sagt Eckhard Tzschoppe (28), Leiter der Rinderproduktion. „Die Täter wussten ganz genau, was sie suchen und wo sie es finden.“

In Raddusch bemerkte der Landwirt den Diebstahl erst beim Impfen
In Raddusch bemerkte der Landwirt den Diebstahl erst beim Impfen

75.000 Euro Schaden in einer Nacht

Tatort Raddusch, Landkreis Oberspreewald-Lausitz. Am Morgen des 8. Mai will Bauer Alexander Buchan (43) seine Tiere impfen lassen. Doch beim Zählen auf der Weide stellt er fest: 27 Kühe, 18 Kälber und drei Jungbullen fehlen. Der Schaden beträgt 75.000 Euro. Buchan ist überzeugt: Die Diebe fuhren mit einem Lkw bis an die Koppel und trieben die Tiere mit Gittern auf die Ladefläche. „Das müssen Profis gewesen sein“, sagt er. „Da will sich jemand in Osteuropa eine neue Herde aufbauen.“

Bauer Volker Naschke (67) aus Schenkendöbern
Bauer Volker Naschke (67) aus Schenkendöbern

„Ein Drittel des Jahreseinkommens verloren“

Tatort Grano, Landkreis Spreewald-Neiße. Auf dem Hof von Landwirt Volker Naschke (67) fehlen am Morgen des 12. Mai 32 Bullen und Färsen (junge Kühe) der Rasse Uckermärker. Die Polizei findet am Tatort Reifenspuren und sichert Fingerabdrücke. Ein Jäger beobachtet gegen 4 Uhr morgens einen dunklen Lkw in Richtung polnische Grenze. „Ein Drittel des Jahreseinkommens ist weg“, sagt Naschke. „Aber mein Herz hängt an den Tieren. Mir ist es nicht egal, wo sie hinkommen.“ Der Landwirt wurde bereits zum vierten Mal Opfer von Viehdieben – nach 2015, 2016 und 2017.

Auf Schleichwegen über die Grenze

Das Landeskriminalamt Brandenburg hat inzwischen die „Ermittlungsgruppe Weide“ eingerichtet. Vier Polizisten ermitteln und tauschen sich mit osteuropäischen Behörden aus. Noch ist unklar, ob es sich um dieselbe Bande handelt, sagt eine Polizeisprecherin. In ganz Brandenburg und an den Grenzen werden derzeit verstärkt Transportfahrzeuge kontrolliert. Die Bauern sind jedoch überzeugt, dass die Diebe nicht die offiziellen Grenzübergänge nutzen, sondern unkontrollierte Schleichwege über Felder und durch Wälder. Selbst auf der Autobahn können sie sich sicher fühlen: Aufnahmen aus dem automatischen Kennzeichenlesesystem (AKLS) darf die Polizei nur nutzen, wenn „Straftaten von erheblicher Bedeutung“ vorliegen – Viehdiebstahl zählt nicht dazu.