Leipzig – Eine mit Sprengstoff bestückte Drohne am Flughafen Leipzig – nur ein technisches Versagen verhinderte offenbar das Unglück: Wie bekannt wurde, verfügte das Fluggerät über eine selbstgebaute Fernzündung, die jedoch versagte. Entdeckt wurde sie in unmittelbarer Nähe von vier ukrainischen Antonow-Frachtmaschinen. Die Ermittlungsbehörden untersuchen nun den hochexplosiven Sprengstoff Semtex und erhoffen sich davon Aufschlüsse über Ursprung und Produktionsstätte.
Bei einer mutmaßlich zweiten Drohne, die mit einem DHL-Frachter kollidierte, handelt es sich den Erkenntnissen zufolge um ein Modell zur Beobachtung. Möglicherweise war sie mit einer Kamera ausgerüstet, um den Anschlag zu dokumentieren.
Die DHL-Maschine konnte wegen der Flughafensperrung zunächst nicht planmäßig landen und war zu einem Durchstartmanöver gezwungen. Dabei kam es offenbar zur Kollision mit der mutmaßlich zweiten Drohne. Nach der sicheren Landung in Hannover wurden geringfügige Beschädigungen am Bugbereich des Flugzeugs registriert.

A9 und A14 nur einen Kilometer entfernt
Wie knapp Leipzig an einer Katastrophe vorbeigeschrammt ist, zeigt ein Blick auf das Flughafenumfeld: Das Areal grenzt direkt an das World-Cargo-Center, in dem rund um die Uhr Hunderte Beschäftigte im Einsatz sind. Zudem liegt der Airport in strategisch bedeutsamer Position nahe der Autobahnen A9 und A14 und fungiert als zentrales deutsches Luftfracht-Drehkreuz mit intensivem Nachtflugverkehr.
Dobrindt: „Wir erleben ein Wettrüsten“
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (56, CSU) erklärte am Mittwochabend bei einer Pressekonferenz in Leipzig, dass allein ein glücklicher Umstand die Explosion verhindert habe: „Der Zünder war abgerissen.“ Dobrindt fügte hinzu: „Es handelt sich um einen sehr ernsten, sicherheitsrelevanten Vorfall.“ Er sprach von einer hybriden Bedrohung, die nicht von Amateuren ausgeführt worden sei. „Das war kein dilettantisches Vorgehen.“ Eine derartige hybride Bedrohungslage könne nur von Profis inszeniert werden.

Vergleichbare hybride Anschläge seien auch künftig nicht auszuschließen, so Dobrindt weiter. Der vereitelte Angriff auf den Flughafen Leipzig/Halle zeige, dass kritische Infrastruktur verstärkt ins Visier geraten könnte. Deshalb werde an zusätzlichen Schutzmaßnahmen gearbeitet. Dazu gehörten eine aktive Drohnenabwehr, eine intensivierte Kooperation der Sicherheitsbehörden sowie die Vorbereitung auf weitere denkbare Bedrohungsszenarien.
Dobrindt: „Wir müssen die Bedrohungslage hochstufen, von einer abstrakten Bedrohungslage hin zu einer hohen Gefährdung, die real ist.“ Das erfordere auch ein Umdenken beim Schutz kritischer Infrastruktur. „Es ist ein Wettlauf oder ein Wettrüsten, was wir hier erleben. Für dieses Wettrüsten haben wir uns aufgestellt.“
Wer steckt dahinter?
Die Ermittler stehen vor der Frage, weshalb die Drohne lediglich um die Frachtmaschine kreiste und nicht detonierte. Zwei aktuelle Szenarien beschäftigen den Sicherheitsbehörden zufolge die Ermittler. Eine Spur führt nach Russland, eine weitere in die Ukraine.
Spur nach Russland: Die mit dem Sprengsatz versehene Drohne könnte gezielt platziert worden sein, um Angst und Verunsicherung zu erzeugen. Eine Zündung war womöglich nicht beabsichtigt, um eine weitere Eskalation zu vermeiden. Eine Explosion wäre problemlos möglich gewesen – niemand hätte sie verhindern können.
Sollte ein russischer Geheimdienst dahinterstecken, wäre der Nachweis nahezu unmöglich. Häufig werde auf sogenannte Low-Level-Agents zurückgegriffen, die für wenige Hundert Euro Aufträge übernehmen – ohne Kenntnis des eigentlichen Auftraggebers.

Spur in die Ukraine: Die Drohne könnte platziert worden sein, um auf den Krieg in der Ukraine aufmerksam zu machen. Mögliches Ziel: mehr Unterstützung. In Deutschland und Europa sei der Blick für den Konflikt derzeit verloren gegangen.
Die Botschaft: Die Gefahr ist direkt bei Euch, unterstützt uns. Die Platzierung der Drohne an einem ukrainischen Flugzeug könnte daher bewusst gewählt sein. Wer hinter dem Angriff auf das deutsche DHL-Luftfrachtzentrum steckt – dazu machte Minister Dobrindt keine Angaben. „Alle Spekulationen über Sprengstoff, Konstruktion, die Herkunft und wer dahintersteckt, sind Teil der Aufklärung. Wir ermitteln in alle Richtungen.“

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