Kelheim (Bayern) – „Geputzt wird immer“, so das Motto der Belegschaft, die sich lange in Sicherheit wiegte. Seit 1935 stellte die traditionsreiche Faserfabrik im niederbayerischen Kelheim (17.000 Einwohner) das Ausgangsmaterial für Wischtücher und Tampons her. In ihrer Blütezeit beschäftigte der Betrieb 2500 Menschen. Im Jahr 2020 galt „Kelheim Fibres“ als der weltweit führende Produzent von Viskose-Spezialfasern.

Damit ist nun Schluss! Die Fabrik wird abgewickelt. Ein trauriges Kapitel geht nach über 90 Jahren Firmengeschichte zu Ende. Der Preisverfall durch günstige Konkurrenz aus China sowie exorbitant gestiegene Energiekosten besiegelten das Aus des Unternehmens.

In den 60er Jahren 2500 Mitarbeiter: Damals lebte jeder zweite Kelheimer direkt oder indirekt von der Faserfabrik an der Donau
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Nach der Kündigung in die Selbstständigkeit

Der Niedergang der Fabrik steht sinnbildlich für den industriellen Abstieg in Deutschland. Doch dies ist keine Erzählung über eine weitere Pleite. Vielmehr berichtet sie von Menschen, die im Unglück ihr Glück suchten, sich neu erfanden und die zweite Chance beim Schopf packten.

Nadine (li.) und Lilly bieten zweimal die Woche neun Gerichte in ihrem pinkfarbenen Mobil an
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Lilly & Nadine und ihr Wurst-Mobil

Einst waren Lilly und Nadine (beide 48) als stets gut gelaunte Kolleginnen aus der Betriebskantine bekannt. Lilly verlor ihren Arbeitsplatz bereits im Januar des Vorjahres, Nadine folgte in diesem Frühjahr. Nadine Wernicke: „Natürlich war das ein Schock für mich, zumal mein Ehemann ebenfalls bei Fibres angestellt war. Aber ich hatte schon immer den Wunsch, nochmal etwas Neues auszuprobieren.“

Nadine (li.) und Lilly (beide 48) haben sich von der Kantinenkraft zu Unternehmerinnen hochgearbeitet
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Gemeinsam erwarben Lilly und Nadine einen gebrauchten Verkaufswagen einer Metzgerei und verpassten ihm einen neuen Look. Für ihre Investition von rund 30.000 Euro benötigten sie nicht einmal einen Kredit. „Ich habe eine Berliner Schnauze und biete hier die Currywurst an, wie man sie nur aus Berlin kennt“, erzählt Nadine stolz. „Und in mir fließt bosnisches Blut“, ergänzt ihre Partnerin Lilly Kleinschmager. „Ich mache die Cevapcici!“

Ihre Renner sind die Currywurst für 8,50 Euro und Cevapcici im Fladenbrot für 7 Euro. Jeweils donnerstags und samstags parken sie mit ihrem pinkfarbenen Wurst-Mobil auf dem Parkplatz eines Supermarktes. Das Geschäft floriert. An den übrigen Tagen übernehmen sie Catering-Aufträge für Firmen und private Feiern.

„Auch mein Mann hatte Glück“, berichtet Nadine. „Er hat sich mit einem Hausmeister-Service selbständig gemacht, übernimmt Heckenschnitte oder pflastert Einfahrten. Es läuft hervorragend.“

Darf’s ein orientalischer Duft sein? Hozan vor seinem kleinen Laden (40 qm) in der Kelheimer Altstadt
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Hozan bringt den Duft aus 1001 Nacht

Hozan (36) hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Seit Jahren sammelt er Parfums. Nebenbei vertreibt er über TikTok Düfte, die teuren Marken nachempfunden sind – jedoch nur einen Bruchteil des Preises kosten.

„Als im vergangenen Jahr die Insolvenz drohte, wollte ich den Kopf nicht in den Sand stecken“, sagt Hozan Ali (36), der 2016 aus Syrien floh und in der Mess-Warte von „Kelheim Fibres“ eine Anstellung fand. „Es muss schließlich weitergehen. Wir haben drei Kinder, meine Frau ist zu Hause. Dennoch hatte ich keine Angst. Ich habe Kunden in vielen Ländern und bereits über 3000 Fläschchen verkauft.“

Früher in der Fabrik saß Hozan vor Monitoren, überwachte den Herstellungsprozess
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In den nächsten Tagen eröffnet er einen kleinen Laden in der Kelheimer Innenstadt. Dort komponiert er für seine Kundschaft die Düfte, die sonst über 500 Euro kosten würden. Zudem bietet er fertige Flakons und Sprays an, die er aus Dubai importiert.

Kasif (30) rettet in seiner Werkstatt Handys vor dem Wertstoffhof
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Kasif hat sich zum Handy-Doc entwickelt

Direkt neben Hozans Duftgeschäft hat sein früherer Kollege Kasif Yenil (30) einen neuen Laden eröffnet. Der ehemalige stellvertretende Betriebsleiter der Rückgewinnungsabteilung im Faserwerk hat ebenfalls sein früheres Hobby zum Beruf gemacht.

„Ich sage den Kunden ehrlich, wann sich eine Reparatur des Handys noch lohnt“, sagt Kasif
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„Ich hatte keinen einzigen Tag Angst, dass ich meine Familie nicht mehr versorgen könnte“, betont Kasif. „Und das, obwohl wir 2019 gebaut haben und noch Kredite abzahlen.“ Die schicke Theke in seinem Laden fertigte er eigenhändig an – die Materialkosten lagen unter 1000 Euro.

Kasif (links) mit seinem Bruder früher in einem der Fabrik-Kessel
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Sein Konzept: Wenn das Display eines Handys zerspringt oder der Akku schlappmacht, repariert er das Gerät und erspart seinen Kunden hohe Ausgaben. „Jeder ist auf sein Handy angewiesen, und die Reparatur dauert in der Regel nur eine Stunde.“ Displays tauscht er ab 80 Euro, Akkus ab 60 Euro. „Es läuft“, freut er sich. „Schon in den ersten Wochen hatte ich 70 Prozent Neukunden im Vergleich zu früher, als ich das nur nebenbei gemacht habe.“