Köln – Nahezu vier Stunden verbringt Sachsen-Anhalts AfD-Landeschef Ulrich Siegmund im Gespräch mit „Ben Ungeskripted“, dem erfolgreichen Podcast des Influencers Benjamin Berndt (41). Bereits nach kurzer Zeit wird deutlich: Hier handelt es sich nicht um gewöhnliche Oppositionsrhetorik eines AfD-Politikers. Siegmund äußert sich weite Strecken wie jemand, der die Staatskanzlei gedanklich schon bezogen hat.

Im Zentrum des Dialogs steht der Regierungsanspruch der AfD. Siegmund erläutert detailliert seine ersten geplanten Amtshandlungen, spricht über Ministerien, Staatssekretäre, Personalentscheidungen und ein „100-Tage-Programm“. Wiederholt entsteht der Eindruck, als sei die Frage einer Regierungsübernahme längst beantwortet und es gehe lediglich noch um die konkrete Umsetzung.

Als praktisches Beispiel nennt er eine Arbeitspflicht für Asylbewerber, die nach seinen Vorstellungen per Erlass des Innenministeriums realisiert werden könnte. Jeder „rechtschaffene Sachsen-Anhalter“ solle zügig wahrnehmen, dass „eine AfD regiere“.

Ebenso beschreibt Siegmund die Kündigung des Medienstaatsvertrags als eines seiner zentralen Vorhaben für die ersten Tage einer möglichen Amtszeit.

Die große Erzählung vom Niedergang

Inhaltlich folgt Siegmund im Podcast einem klaren Muster. Er skizziert das Bild eines Landes, das ein Mensch aus den 90er-Jahren kaum wiedererkennen würde. Weihnachtsmärkte hinter Pollern, Migrationspolitik, Geschlechterdebatten, Corona-Folgen und internationale Krisen verschmelzen zu einer umfassenden Niedergangserzählung. Deutschland sei damit auf dem falschen Kurs, so die zentrale Botschaft.

Die AfD präsentiert sich dagegen als einzige politische Kraft, die diese Entwicklung noch stoppen könne. Statt klassischer Wahlkampfslogans vermittelt Siegmund das Bild einer Truppe, die konkrete Pläne für die Regierungsübernahme bereits in der Schublade habe. Siegmund formuliert es selbst: „Wir werden regieren – so oder so!“

Medien, NGOs und Verfassungsschutz als Gegenspieler

Ein zweiter zentraler Baustein des Gesprächs ist die Erzählung eines politischen Apparats der Etablierten, der gegen die AfD arbeite.

Immer wieder kritisiert Siegmund Medien, Vereine, NGOs und insbesondere den Verfassungsschutz. Die Behörde sei zu einem politischen Instrument verkommen und beschäftige sich mit der Opposition statt mit tatsächlichen Gefahren. Im Falle einer Regierungsübernahme wolle die AfD diese Entscheidungen überprüfen und die Rolle des Verfassungsschutzes grundlegend neu bewerten.

Hintergrund:

Der Verfassungsschutz stuft den Landesverband der AfD in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem ein.

Dabei vollzieht der AfD-Spitzenmann einen bemerkenswerten Drahtseilakt: Einerseits präsentiert er die AfD als Partei unmittelbar vor der Machtübernahme. Andererseits stilisiert er sie zum Opfer eines Systems, das ihre politische Arbeit behindere. Genau diese Doppelstrategie durchzieht den gesamten Podcast.

Wo es dünn wird

Gerade dort, wo konkrete Zahlen oder Umsetzungsfragen gefragt wären, bleibt der Podcast allerdings häufig vage. Zwar spricht Siegmund von erheblichen Einsparpotenzialen bei Asyl-, Klima-, Gender- und Vereinsförderung und verknüpft diese mit neuen Ausgaben für Familien, Infrastruktur oder Polizei. Wie genau diese Rechnung aufgehen soll, erläutert er jedoch nicht.

Potsdam-Treffen als „Glücksgriff für die AfD“

Besonders bemerkenswert: Selbst eine der größten Belastungen der Partei deutet Siegmund im Rückblick in einen Erfolg um. Die „Correctiv“-Erzählung über das sogenannte Potsdam-Treffen, die Anfang 2024 bundesweit Schlagzeilen machte („Remigration“; „Ausbürgerung deutscher Staatsbürger“) und die AfD massiv unter Druck setzte, sei letztlich sogar ein „Glücksgriff“ für die Partei gewesen. „Die Empörung hat vielen Bürgern erst die Augen geöffnet und der AfD am Ende sogar genutzt“, lautet Siegmunds Lesart.

Genau darin zeigt sich die Kommunikationsstrategie des 35-Jährigen: Kritik wird zur Bestätigung, Skandale werden zu Mobilisierungshilfen, Gegenwind zum Beleg für die eigene Bedeutung. Der Podcast liefert deshalb weniger neue politische Inhalte als einen tiefen Einblick in die Art und Weise, wie einer der wichtigsten AfD-Politiker im Osten Politik vermittelt.

Fazit: Siegmund wirbt nicht mehr für die AfD. Er wirbt für die Macht.