Ilmenau (Thüringen) – „Sterben kam für mich nicht in Frage. Schließlich trug ich die Verantwortung für meine Freundin.“ Diesen Gedanken hatte Pilot Steffen Wegner (48), während er in 1500 Metern Höhe über den Dächern schwebte. Unter ihm erstreckten sich Felder und Wälder. An seiner Seite saß Lebensgefährtin Kathrin Weißenborn (50). Und an ihrem Flugzeug fehlte ein komplettes Rad.

Fahrwerk bereits beim Start abgerissen

Eigentlich wollten die beiden nach einer Geburtstagsfeier in Bad Langensalza lediglich den Heimflug antreten. Doch kaum hob ihr Ultraleichtflugzeug vom Typ FK9 Mark 3 am Sonntagnachmittag ab, nahm das Unglück seinen Lauf: „In etwa einem Meter Höhe erwischte uns eine heftige Windböe, die uns hart auf die Piste zurückdrückte“, berichtet Wegner. Infolgedessen brach das linke Fahrwerk ab. Ein Abbruch des Starts war zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mehr möglich: „Die Bahn war zu kurz. Es blieb uns nichts anderes übrig, als hochzugehen.“

Steffen und Kathrin begutachten die Stelle, an der das Fahrwerk mitsamt Rad und Bremse abgerissen wurde
Quelle: Aus dem Internet

Wegner funkte einen Notruf und traf die Entscheidung, den Heimflughafen bei Pennewitz im Ilm-Kreis (Thüringen) anzusteuern. Dort ist er seit 2020 Mitglied im Fliegerclub und kennt die Landebahn in- und auswendig. Der Flug dorthin dauerte lediglich 17 Minuten. Nach der Ankunft kreiste das Paar in 5000 Fuß Höhe eine Stunde lang über dem Platz – Zeit, um nachzudenken.

Von oben verfolgten die beiden die Einsatzfahrzeuge von Feuerwehr und Rettungsdienst, die sich auf den Ernstfall vorbereiteten. Erst im vergangenen Sommer hatte sich nahe des Flugplatzes Pennewitz ein tödlicher Absturz eines Segelfliegers ereignet.

Dieses Handyfoto entstand aus der Luft: Kathrin Weißenborn hielt die Rettungskräfte an der Landebahn im Bild fest
Quelle: Aus dem Internet

Modellflug-Erfahrung zahlte sich bei Notlandung aus

Steffen Wegner hatte daher ein klares Ziel: seine Partnerin zu beruhigen. Doch die Büroangestellte gibt zu: „Ich war schweißgebadet vor Angst.“ Wegner hingegen bewahrte die Ruhe. Dabei half ihm ausgerechnet sein Hobby: Seit über zwei Jahrzehnten steuert er ferngesteuerte Modellflugzeuge. Mit seiner vier Meter breiten Modellmaschine vom Typ Bellanca hatte er vor Jahren exakt denselben Defekt erlebt: „Damals gab es einige Schäden zu beklagen. Deshalb dachte ich darüber nach, was ich besser machen könnte. Das war ein Training für den Ernstfall.“

Steffen vor seiner Bellanca (46 Kilo, 4,02 Meter Spannweite) und Kathrin an der „MOPV“, dem Ultraleichtflugzeug (320 Kilo Leergewicht, 9,25 Meter Spannweite)
Quelle: Aus dem Internet

Die größte Gefahr: Falls sich der Stummel des abgerissenen Fahrwerks beim Aufsetzen in die Graspiste bohren würde, drohte ein Überschlag. Wegner wusste, dass der Wind aus südlicher Richtung wehte. Seine Strategie: „Wir kamen von Osten, sodass der Wind die Tragfläche ohne Rad stützen würde.“


„Jetzt gab es kein Zurück mehr“

Schließlich war es so weit: „Wir mussten runter.“ Wegner fuhr die Landeklappen aus und reduzierte damit das Tempo. Was ging ihm während des Anflugs durch den Kopf? „Nichts. Nur das Programm durchziehen.“

Neun Einsatzfahrzeuge und 32 Einsatzkräfte waren vor Ort, um sich auf das Schlimmste einzustellen
Quelle: Aus dem Internet

Seine FK9 Mark 3 senkte sich über der Graspiste, setzte auf dem verbliebenen Rad auf und rollte elegant aus, ehe der Flieger sanft zur Seite kippte und zum Stillstand kam. Beide stiegen unter Schock, aber unversehrt aus. Für Kathrin steht fest: „Das war die beste Landung seines Lebens.“ Der Sachschaden beläuft sich auf rund 5000 Euro, die Ersatzteile sind jedoch bereits bestellt. Steffen blickt Kathrin lächelnd an: „Hast du Lust, nochmal mit mir abzustürzen?“