Euskirchen (NRW) – Nur manchmal blitzt die Sonne an diesem Spätsommermorgen im September 2022 durch die trübe Wolkendecke. Aus den Boxen des unscheinbar grauen Volvo V40 Diesel kommt entspannende Musik, der Fahrer ist voller Adrenalin. Joep (33) hat auf der Autobahn gerade die niederländisch-deutsche Grenze hinter sich gelassen, in einem geheimen Versteck transportiert der Holländer dreißig Kilo Kokain im Wert von 1,5 Millionen Euro. Sein Ziel ist Mailand.
„Zweimal pro Woche bin ich für die Mafia nach Italien gefahren“, sagt Joep zu ThePik. „Ich sah aus wie ein Vertreter: Spießer-Auto, Hemd, gute Schuhe. Ich habe versucht, nicht daran zu denken, dass ich das schlimmste Teufelszeug dabei habe. Von außen sieht man ja nichts.“ Der Fahrer der Mafia ist nie aufgefallen. Bis ein Komplize den gelernten Schuhmacher verrät.
Dieser unauffällige Volvo V40 Diesel war Joeps Dienstwagen. Im Inneren des Autos hat die Mafia ein ausgeklügeltes Geheimversteck einbauen lassen

Joep als selbstständiger Schuhmacher in Antwerpen. In der Corona-Pandemie ging sein Laden pleite

Autofahren ist Joeps Leidenschaft. Der Mafia-Job schien wie für ihn gemacht – und wurde zum größten Fehler seines Lebens

Der Zoll wartete kurz hinter der Grenze

Die Corona-Pandemie hatte den Schuhmacher in die Pleite getrieben, mit hohen Schulden war er schließlich auf die schiefe Bahn geraten. Das Angebot der Mafia war zu verlockend gewesen: 20.000 Euro pro Fahrt, 40.000 Euro kassierte er in einer Woche. Das schnelle Geld, das Adrenalin – die Kombination wirkte wie eine Droge. Achtmal ging alles gut.
Bis zu jenem Morgen, als ihn plötzlich an der Anschlussstelle Euskirchen (Nordrhein-Westfalen) der Zoll überholt. Joep weiß sofort: Er wird heute nicht in Mailand ankommen. „Ich hab noch versucht, mich zu beruhigen. Aber da geht der Kackstift“, erinnert sich der Fahrer an seine letzten Minuten in Freiheit. „Wir wissen, dass Sie im Auto ein Versteck haben“, sagt ein Beamter des Zolls sofort. Doch der Mann weiß nicht, wie man es öffnet. Auch nicht, wo es ist. Von außen ist der ausgeklügelte Mechanismus unsichtbar, der Volvo wurde speziell für die Mafia präpariert. Es gibt keinen Knopf, die Spezialkombination zum Öffnen des Bunkers kennen nur die Drogen-Gangster.

Der leergeräumte Kofferraum des Drogen-Taxis. Der doppelte Boden ist nicht zu erkennen

Das geheime Versteck: Hier haben die Gangster dreißig Kilo Kokain versteckt

Von außen unsichtbar: Der Kontakt, hier rot markiert, mit dem sich das Versteck nach einem Schlag auf die Seite öffnet

Der geheime Code der Mafia
„Man muss die Zündung halb einschalten, die Handbremse anziehen, die Heizung der Heckscheibe einschalten, dann steigt man aus und schlägt auf die Seite des Kofferraums. Das Auto geht dann auf wie ein Transformer“, verrät Joep ThePik den geheimen Mafia-Code. „Wenn man das nicht weiß, kann man das Koks nicht finden. Bei der Kontrolle habe ich geschwiegen.“
Einer von insgesamt dreißig sichergestellten Blöcken Kokain. In das Geheimversteck passten dreißig solcher Blöcke
Genützt hat es nichts. Gut bewacht von Beamten steht der Mafia-Fahrer neben seinem Auto. Die Angst verdrängt zunehmend das Adrenalin. Äußerlich gefasst sieht er zu, wie die Beamten mit einer riesigen Brechstange schließlich das Versteck knacken. „Voll“, hört Joep einen Mann noch sagen. Dreißig sauber verpackte Blöcke, jeder ein Kilogramm schwer, kommen in dem Versteck zum Vorschein. Im nächsten Augenblick schließen sich hinter seinem Rücken schon die Handschellen. Festnahme!
Joep steht an der Stelle, an der ihn der Zoll am 15. September 2022 festgenommen hat. Wenige Wochen später wurde der Holländer abgeschoben
Der Gefängnisausweis von Holländer Joep. In der Haft nahm er rund dreißig Kilo zu
„Ich war richtig egoistisch“, gibt der Holländer reumütig zu. „Mir ging es ums Geld. Ich dachte, das Zeug wird sowieso nach Mailand gebracht. Mit mir oder ohne mich. Heute schäme ich mich richtig, dass ich nicht darüber nachgedacht habe.“
Den Fehler, sich auf die Mafia einzulassen, bereute er im Gefängnis auch aus einem anderen Grund bitter: Nach sechs Wochen U-Haft starb unerwartet sein geliebter Vater. Joep durfte wegen Fluchtgefahr nicht zur Beerdigung. „In dem Moment rutschte die Welt unter meinen Füßen weg. Ich war eingesperrt, ich war machtlos. Ich weiß noch, dass ein Beamter zu mir sagte: ‚Ich kann nichts für Dich tun, aber wenn ich Dich mal drücken soll, sag mir einfach Bescheid.‘“
Das letzte gemeinsame Foto: Joeps Vater verstarb plötzlich, als der Sohn in U-Haft saß
Vor Gericht gestand Joep später alles, verriet aber nicht die Hintermänner. Aus gutem Grund: „Auspacken war nie eine Option“, sagt er. „Die Welt ist rund. Es gibt keine Ecken, wo man sich verstecken kann.“ Sechs Jahre und sechs Monate lautete das knallharte Urteil im Namen des Volkes.
Joep in seiner Zelle der JVA Euskirchen. Das war für viele Jahre sein Zuhause
ThePik-Reporter traf den ehemaligen Fahrer der Mafia kurz vor dessen Abschiebung aus Deutschland auf dem Rasthof Peppenhoven, dem Ort von Joeps Festnahme
Hinter Gittern legte er den Grundstein für sein neues Leben. Joep machte eine Ausbildung zum Garten- und Landschaftsbauer, arbeitet heute als Gärtner in den Niederlanden. Aus Deutschland, wo er zuletzt Freigänger war, wurde Joep nach Verbüßung der Hälfte der Strafe abgeschoben. Die Bundesrepublik darf er fünf Jahre nicht betreten. „Kein Problem“, sagt er. „Ich habe in Deutschland nichts verloren – außer meiner Freiheit.“
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