Düsseldorf – Prügeleien auf dem Schulhof, Einschüchterungsversuche gegenüber Lehrkräften, Mobbing – und sogar Prostitution auf der Schultoilette. Was eine Pädagogin einer rheinländischen Hauptschule schildert, klingt nach einem sozialen Pulverfass. Für sie ist der Unterricht ein täglicher Überlebenskampf. „Das fliegt uns alles um die Ohren“, klagt sie.

Ein Hilferuf, der fassungslos zurücklässt. Carola S. (33) arbeitet als Lehrkraft für sonderpädagogische Förderung. Um die Pädagogin und ihre Schützlinge zu schützen, hat The Pik ihren Namen geändert und den Schulnamen nicht veröffentlicht.

Gewalt prägt den Schulalltag

Carola S. betreut Kinder mit Lernschwierigkeiten und Entwicklungsstörungen. Häufig wird sie als Zweitkraft in Klassen eingesetzt: „Wir unterrichten im Tandem. Jeder Tag ist eine Bewährungsprobe. Schlägereien und lautes Geschrei gehören zum Alltag – sowohl im Klassenzimmer als auch auf dem Pausenhof. Wir sind schon zufrieden, wenn wir ein paar Minuten am Stück unterrichten können. Es kommt vor, dass die Polizei mehrmals pro Woche ausrücken muss.“

Zudem berichtet die Lehrerin von Drogengeschäften auf dem Schulgelände. Und: „Ein besonders gravierender Vorfall war eine 15-jährige Schülerin, die sich für Drogen und Geld auf der Schultoilette prostituiert hat. Sie wurde schwanger und verließ daraufhin die Schule.“

Polizisten sichern den Tatort am Welfen-Gymnasium in Schongau. Am 8. Juli 2026 stach hier ein 16-jähriger Ex-Schüler mit einem Messer auf zwei Mädchen (13) ein und verletzte sie schwer. Der Kroate war zuvor wegen Amok-Drohungen von der Schule geflogen

Ihre Erfahrungen decken sich mit der Polizeilichen Kriminalstatistik: Für 2024 wurden an deutschen Schulen 28.760 Gewaltdelikte registriert – mit steigender Tendenz. Aktuelle Zahlen für 2025 stehen noch aus.

40 Prozent ohne Abschluss

An der Schule von Carola S. haben 75 Prozent der Schülerschaft einen Migrationshintergrund, viele von ihnen sind Kriegsflüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Afghanistan oder der Ukraine. Die Lehrerin erklärt: „Ein Großteil leidet unter Lernschwächen, Angststörungen oder Aggressivität. Zwei Jahre lang erhalten die Schüler keine Noten, da die meisten kaum Deutsch sprechen. Danach werden sie regulär benotet, aber viele bleiben trotzdem unter dem Leistungsniveau. Manche bleiben der Schule sogar ganz fern. In diesem Jahr haben fast 40 Prozent den Hauptschulabschluss verfehlt.“

Gewalttaten an Schulen ( Ki Generiert )

Zusätzliche Herausforderungen entstehen durch kulturelle Differenzen: „Ein syrischer Vater untersagte, dass sein Sohn von einer Lehrerin unterrichtet wird. Es ist äußerst schwierig, mit solchen Eltern in Kontakt zu treten.“

Zunehmende Gewalt gegen Lehrpersonal

Die Polizeistatistik verzeichnet für 2024 bereits 1283 Lehrkräfte als Opfer einfacher Körperverletzung – ein Rekordwert seit Beginn der Erfassung. Dazu kommen 557 Fälle schwerer Gewalt. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher ausfallen. Auch Carola S. wurde attackiert: „Vor drei Wochen wurde ich in eine Schlägerei zwischen Schülern verwickelt und erlitt eine aufgeplatzte Lippe, weil mich ein Schüler während des Tumults ins Gesicht schlug.“ Die Lehrerin zeigte den Vorfall an, das Verfahren wurde jedoch eingestellt.

Gewalt gegen Lehrer fast verdoppelt ( Ki Generiert )

Die Pädagogin betont: „Das ist keine Ausnahme. Kollegen werden offen beschimpft, bedroht oder nach Unterrichtsende abgefangen – solche Vorfälle werden oft gar nicht erst gemeldet. Viele fragen sich, ob sie bis zur Rente durchhalten. Der Krankenstand ist enorm.“

Lehrerverband fordert politisches Umdenken

Der Deutsche Lehrerverband drängt auf entschlossenes Handeln. Präsident Stefan Düll (62) kritisiert: „Die Politik hat lange nur reagiert, statt zu agieren. Der Ausbau von Prävention, Schulsozialarbeit, Schulpsychologie und Unterstützungssystemen kommt vielerorts zu zögerlich und am Bedarf vorbei. Gewalt an Schulen darf nicht erst Beachtung finden, wenn schwere Vorfälle für Schlagzeilen sorgen.“

Carola S. appelliert: „Vom Schulamt meldet sich niemand. Wir werden im Stich gelassen. Und dann will die Politik auch noch die Hauptschulen abschaffen. Wohin sollen diese Kinder dann gehen?“

Stefan Düll (62), Präsident des Deutschen Lehrerverbands, fordert von der Politik bessere Gesetze zur Präventionsarbeit