Hamburg – Sie sind 15, 16 oder 17 Jahre alt. Manche kommen direkt aus Jugendheimen, andere reisen quer durch Europa an. Für wenige Tausend Euro schießen sie auf Gangsterbosse, feuern auf Geschäfte oder legen falsche Geständnisse für Morde ab. Was früher undenkbar war, ist längst Realität auf deutschen Straßen.
In Hamburg schoss ein 15-jähriger Niederländer auf einen tschetschenischen Milieu-Boss. Auf Sylt feuerte ein 15-jähriger Aserbaidschaner mehrere Schüsse auf einen Friseursalon ab. In Schleswig-Holstein gestand ein minderjähriger Albaner einen Mord, den er nie begangen hatte. Und nach einem Rocker-Mord in Köln fahnden Ermittler bis heute nach einem mutmaßlich sehr jungen Schützen, der auf einem E-Scooter vom Tatort flüchtete.
Für Ermittler sind diese Fälle längst kein Zufall mehr. Die Sicherheitsbehörden haben dem Phänomen inzwischen einen Namen gegeben: „Violence as a Service“ (VaaS) – Gewalt auf Bestellung. Dabei lagern Hintermänner Gewalt gezielt an Dritte aus. Die Auftraggeber bleiben im Verborgenen, während Jugendliche und Heranwachsende die schmutzige Arbeit erledigen.

Das neue Geschäftsmodell der Unterwelt
Das Landeskriminalamt Niedersachsen beschreibt „VaaS“ als ein System, bei dem Gewalthandlungen gegen Bezahlung an andere Personen ausgelagert werden. Im Kern funktioniert es laut einem LKA-Sprecher wie eine kriminelle Dienstleistung: „Ein Auftraggeber bestellt Gewalt. Ein Rekrutierer sucht geeignete Täter. Unterstützer organisieren Waffen, Fahrzeuge oder Unterkünfte. Ausgeführt wird die Tat schließlich von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, die häufig keinerlei persönliche Verbindung zum Opfer haben. Oft kennen sie nicht einmal den eigentlichen Auftraggeber.“
Die Anwerbung erfolgt zunehmend digital – über Messenger-Dienste, soziale Netzwerke, Gaming-Plattformen oder verschlüsselte Chats. Das Ziel: möglichst junge Täter finden, die leicht beeinflussbar sind, wenig über Hintermänner wissen und bei einer Festnahme nur begrenzt Informationen liefern können. Um mögliche Drahtzieher zu identifizieren und Minderjährige zu schützen, hat das Bundeskriminalamt (BKA) seit April 2025 sogar eine eigene Ermittlungsgruppe mit dem Namen „Grimm“ gegründet.
Der Schüler, der zum Schützen wurde
Wie dieses System funktioniert, zeigt ein spektakulärer Fall aus Hamburg. Am 12. Januar 2025 betritt der damals 15-jährige Niederländer Mike F. ein Restaurant am Steindamm. Dort sitzt die tschetschenische Milieugröße Rizvan A. (49). Überwachungskameras zeigen, wie der Jugendliche eine Schreckschusspistole zieht und auf die Beine des Gangsters schießt. Kurz darauf wird der Schüler selbst gejagt. Rizvan A. und seine Begleiter verfolgen den Jugendlichen durch die Straßen Hamburgs, schlagen auf ihn ein und schießen ihm mehrfach in die Beine. Mike F. überlebt schwer verletzt.

Bemerkenswert: Der Teenager war eigens aus den Niederlanden nach Hamburg gebracht worden. Nach Informationen vermuten Ermittler, dass Kriminelle den Jugendlichen gezielt für die Tat angeworben hatten. Als Lohn sollen lediglich wenige Tausend Euro im Raum gestanden haben.
Auftragskiller auf Sylt
Noch aktueller ist der Fall auf Sylt: Nach den Schüssen auf einen Friseursalon in Westerland sitzt seit dem 5. Juni 2026 ein 15-jähriger Aserbaidschaner in Untersuchungshaft. Nach Informationen war der Jugendliche zuvor aus einer Jugendeinrichtung in Niedersachsen verschwunden. Die Ermittler gehen davon aus, dass unbekannte Hintermänner den Minderjährigen gezielt auf die Nordseeinsel schickten. Mehrere Schüsse wurden in Kopfhöhe auf das Geschäft abgegeben. Nur durch Glück wurde niemand verletzt.

Das falsche Mord-Geständnis
Noch weiter reicht das System möglicherweise im Fall des getöteten Albaners Reols H. in Schleswig-Holstein. Der damals 17-jährige Landsmann Qerim D. stellte sich nach dem Fund der Leiche bei der Polizei und erklärte: „Ich habe einen Mann getötet.“ Doch die Ermittler wurden misstrauisch: Der Jugendliche kannte wesentliche Details des Tatorts nicht. Spuren, die ihn direkt mit der Tat verbunden hätten, fehlten.
Nach Informationen war es das Kalkül der wahren Auftraggeber, nach denen immer noch international gefahndet wird, dass der damals 17-Jährige nur kurz in Haft sitzt und nach kurzer Zeit wieder freikommt – später wurde D. freigesprochen. Die 30.000 Euro, die ihm versprochen wurden, bekam D. nie.

Mord auf Bestellung in Köln
Auch der Rocker-Mord von Köln trägt typische Merkmale moderner Auftragsgewalt. Im Oktober 2024 wurde der 32-jährige Davide K. vor einem Fitnessstudio erschossen. Der Täter flüchtete auf einem E-Scooter. Die Fahnder veröffentlichten Bilder eines jungen Mannes, dessen Alter auf 16 bis 25 Jahre geschätzt wird. Im Hintergrund stand offenbar ein Streit im Rockermilieu. Laut Ermittlern könnte es um eine Forderung von 100.000 Euro „Strafgeld“ gegangen sein. Der eigentliche Auftraggeber blieb jedoch unsichtbar. Genau das ist das Prinzip von „Violence as a Service“.
Europol schlägt Alarm
Dass immer mehr Minderjährige in solche Gewaltstrukturen geraten, beobachtet auch Europol. In einer Analyse zur Rekrutierung junger Täter warnt die europäische Polizeibehörde davor, dass kriminelle Netzwerke gezielt Jugendliche anwerben. Die Bosse locken ihre Opfer mit schnellem Geld, Statussymbolen und dem Versprechen eines luxuriösen Lebens.

Auf Social-Media-Plattformen werden Straftaten als „Missionen“ oder „Challenges“ dargestellt – fast wie Aufgaben in einem Videospiel. Europol berichtet sogar von Fällen, in denen Jugendlichen für Morde Summen zwischen einigen Tausend Euro und bis zu 20.000 Euro angeboten wurden. Die Nachwuchs-Killer werden dabei häufig quer durch Europa geschickt, damit sie vor Ort niemand kennt und sie den Ermittlern möglichst wenig über die Auftraggeber verraten können. „Diese jungen Mitarbeiter werden zwischen Regionen und Städten hin- und herbewegt“, heißt es in der Europol-Analyse. Dadurch sinke die Wahrscheinlichkeit, erkannt oder festgenommen zu werden.

Warum die Mafia auf Teenager setzt
Aus Sicht der Organisierten Kriminalität haben Minderjährige mehrere Vorteile. Sie fallen weniger auf, sind leichter beeinflussbar und profitieren von den milderen Regelungen des Jugendstrafrechts. Für die Hintermänner ist das ein perfektes Geschäftsmodell. Für die Jugendlichen dagegen endet der vermeintlich schnelle Verdienst oft mit Gefängnis, lebenslangen Traumata, schweren Verletzungen oder sogar dem eigenen Tod.
Auftragsgewalt in Schweden großes Problem
Auch Schweden kämpft mit dem Problem „Violence as a Service“ und einer schweren Welle von Bandenkriminalität, bei der kriminelle Netzwerke gezielt Kinder und Jugendliche als Auftragskiller anwerben. Dieses Phänomen hat sich zu einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Krise ausgeweitet. Auch dort läuft die Hauptanwerbung von Teenies und die Vergabe von Mord- und Sabotageaufträgen offen über verschlüsselte Messenger-Dienste wie Telegram, Signal oder Snapchat. Rekrutiert werden teilweise Kinder im Alter von 11 bis 15 Jahren. Unglaubliche Zahl: Allein im Jahr 2024 wurden in Schweden 120 Kinder unter 15 Jahren beschuldigt, an Morden beteiligt gewesen zu sein.


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