Moscow, Idaho (USA) – Vier Studenten verloren ihr Leben. Und bis heute bleibt eine zentrale Frage unbeantwortet: Warum? Der Vierfachmord von Moscow (Idaho) zählt zu den am intensivsten aufgearbeiteten True-Crime-Fällen der letzten Jahre. Nun widmet sich Netflix dem Fall erneut in der dreiteiligen Dokumentation „The Idaho Murders: Ein College-Albtraum“. Erstmals kommen Überlebende, Hinterbliebene und Ermittler so ausführlich zu Wort. Zudem präsentiert die Doku bislang unveröffentlichtes Bodycam-Material der Polizei sowie weitere neue Aufnahmen aus den Ermittlungen.


Sie lebten gemeinsam in einem Studentenhaus in Moscow (Idaho): (v.l.) die Überlebende Dylan Mortensen (damals 19), die Mordopfer Madison „Maddie“ Mogen (†21, auf den Schultern) und Kaylee Goncalves (†21), Ethan Chapin (†20), Xana Kernodle (†20) sowie die Überlebende Bethany Funke (damals 19)

Im Zentrum stehen die vier Opfer: Ethan Chapin (†20), Xana Kernodle (†20), Madison „Maddie“ Mogen (†21) und Kaylee Goncalves (†21). Sie wurden vom Kriminologie-Doktoranden Bryan Kohberger (31) in den frühen Morgenstunden des 13. November 2022 in ihrem Studentenhaus in Idaho erstochen. DNA-Spuren, Überwachungsvideos und Handydaten führten die Ermittler 47 Tage später zu Kohberger.

Das überraschende Ende: Erst im Juli 2025 – mehr als zweieinhalb Jahre nach den Morden – gestand Kohberger seine Schuld, um der Todesstrafe zu entgehen. Er wurde zu viermal lebenslanger Haft ohne Aussicht auf Bewährung verurteilt. Ein Prozess blieb aus – und damit auch die Hoffnung der Angehörigen, Antworten auf die entscheidende Frage zu erhalten: Warum?

Maddie, Kaylee, Xana und Ethan (v. l.) hatten ihr Leben noch vor sich – die vier Studenten wurden am 13. November 2022 getötet

1. Eine Mitbewohnerin sah den Killer – und überlebte

Dylan Mortensen (22) begegnete dem maskierten Täter in der Tatnacht im Flur des Hauses, in dem sich insgesamt sechs Menschen aufhielten. Aus Angst schloss sich Dylan in ihrem Zimmer ein. Erst Stunden später wurde der Notruf aus dem Haus gewählt. Ermittler führen die Verzögerung auf einen Schockzustand zurück. Laut Gerichtsmedizin hätte ein früherer Notruf das Leben der vier Opfer jedoch nicht mehr retten können.

2025: Dylan Mortensen (damals 21) wird nach ihrer bewegenden Aussage bei der Urteilsverkündung gegen Bryan Kohberger getröstet. Die Überlebende schilderte vor Gericht, wie die Bluttat ihr Leben für immer verändert hat

2. Killer machte wenige Stunden nach der Tat ein Selfie

Nur wenige Stunden nach den Morden fotografierte sich Kohberger gegen 10.30 Uhr im Badezimmer – mit erhobenem Daumen. Die Ermittler vermuten, dass er sich zu diesem Zeitpunkt sicher fühlte und davon überzeugt war, unerkannt davonzukommen.

Nur wenige Stunden nach dem Vierfachmord posierte Bryan Kohberger für dieses Selfie mit erhobenem Daumen

3. Die Spur führte zu seinem weißen Hyundai

Eine Überwachungskamera registrierte in der Tatnacht wiederholt einen weißen Hyundai Elantra. Der Wagen passierte das Haus mehrfach, bevor er gegen 4.20 Uhr mit hoher Geschwindigkeit davonraste. FBI-Spezialisten werteten Aufnahmen zahlreicher Überwachungskameras aus und verfolgten die Route des Autos bis ins benachbarte Pullman (Washington). Dort lebte Bryan Kohberger – und besaß einen weißen Hyundai Elantra des passenden Baujahrs.

Bryan Kohberger wird im Januar 2023 nach einer Anhörung zu seiner Auslieferung aus dem Gerichtsgebäude in Stroudsburg (Pennsylvania) geführt. Der ehemalige Kriminologie-Doktorand war wenige Tage zuvor im Haus seiner Eltern festgenommen worden

4. DNA aus dem Müll führte zum Durchbruch

Als Kohberger Weihnachten zu seinen Eltern nach Pennsylvania reiste, wurde er vom FBI rund um die Uhr observiert. Den Ermittlern fiel auf, dass er häufig Gummihandschuhe trug und seinen Müll offenbar äußerst vorsichtig entsorgte. Schließlich sicherten sie Abfall aus dem Haus seiner Eltern. Die DNA seines Vaters stimmte als enger Verwandter mit der DNA-Spur auf der am Tatort gefundenen Messerscheide überein. Für die Ermittler war dies der entscheidende Durchbruch – und die Basis für den Haftbefehl.

5. Deal mit dem Mörder war für Familien größte Enttäuschung

Für viele Angehörige der vier Opfer kam mit dem Deal der zweite große Schmerz – die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung vereinbarten ein Schuldbekenntnis im Austausch gegen den Verzicht auf die Todesstrafe. Kurz vor Prozessbeginn bekannte sich Bryan Kohberger schuldig. Statt einer öffentlichen Verhandlung mit Antworten blieb nur ein Geständnis ohne Motiv. Ebenso bitter: Das Studentenhaus, in dem die vier Opfer ermordet wurden, wurde noch vor Prozessende abgerissen.

Die Eltern von Mordopfer Kaylee Goncalves in der Doku: Steve (52, l.) und Kristi Goncalves (48) sprechen offen über den Verlust ihrer Tochter, ihre Enttäuschung über den Deal und ihren Kampf für Gerechtigkeit. Steve Goncalves: „Wir werden niemals erfahren, warum.“

6. Das Motiv kennt bis heute niemand

War es Hass? Eine Obsession? Zufall? Selbst die Ermittler räumen in der Doku ein: Bis heute ist unklar, warum Kohberger ausgerechnet dieses Haus und genau diese vier Studenten auswählte. Er kannte die Opfer nicht und lebte nicht in Moscow, sondern im rund 16 Kilometer entfernten Pullman. Der ehemalige Polizeichef Anthony Dahlinger sagt: „Wir wissen nicht, warum. Wir wissen nicht, warum diese vier. Wir wissen nicht, warum dieses Haus. Ich glaube nicht, dass wir das jemals erfahren werden.“

In der Netflix-Doku schildert Moscows Polizeichef Anthony Dahlinger (41) die jahrelangen Ermittlungen und erklärt, warum die wichtigste Frage des Falls bis heute unbeantwortet bleibt: das Motiv

Wo der Killer heute ist

Kohberger befindet sich in einem Hochsicherheitsgefängnis südlich von Boise (Idaho). Ende Juli erklärte er gegenüber der „New York Times“, dass er sein Schuldeingeständnis zurückziehen wolle. Der Fall würde dann ein weiteres Mal aufgerollt.